Spanische Weihnacht

Mit langen Schlangen von Betlehem bis zu den Schlümpfen und einem König am 6. Januar.

Nun ist es auch in Spanien vorbei. Die Weihnachtszeit. So wie anscheinend alles etwas später ist, der Bäcker zum Beispiel nicht vor acht öffnet und das Abendessen nicht vor zehn anfängt, so beginnt und endet auch die spanische Weihnacht später. Aus Leipzig war ich es gewohnt, dass es die ersten Schokoladenweihnachtsmänner und Spekulatius schon im September zu kaufen gibt, und spätestens mit dem 1. Advent alles schön weihnachtlich geschmückt ist.
Und in Granada, Südspanien, wo ich gerade mein Auslandsstudium verbringe? Nichts dergleichen. Selbst Anfang Dezember ließ sich nur erahnen, dass Weihnachten bald vor der Tür steht. Einige wenige Dekorationselemente in der Stadt, budenartige Gerüste auf manchen Plätzen. Das wars. Keine Schokoladenweihnachtsmänner, keine Weihnachtsbäume, keine Weihnachtskekse.
von Claudia Hammermüller

… und dann schmücken auch die Spanier endlich.

Erst um den zweiten Advent herum wurden die Straßen geschmückt, die ersten Süßigkeiten tauchten in den Läden auf und der Weihnachtsmarkt begann sich zu beleben. Dabei ist der eigentlich gar keine Tradition, ebenso wenig wie Adventskalender, Schokoladenweihnachtsmänner, Spekulatius, Lebkuchen, Plätzchen oder richtige Tannenbäume.

Ein wenig von alldem findet sich, vom „Festland“ auf die Halbinsel rüber geschwappt. Aber eigentlich begehen die Spanier ihre Weihnachtszeit mit Turrónes , einer Art weißem Nougat, und anderen kleinen keksartigen Süßigkeiten, die es in den Supermärkten einzeln verpackt und zum Kilopreis zu kaufen gibt. Auf einem Teller drapiert werden sie nach jeder Mahlzeit während der Weihnachtszeit verspeist.

Bethlehem

Ihr Heim schmücken Spanier nicht mit Schwibbögen oder Pyramiden, dafür aber mit einem „Bélen“, einer Art Krippenspiel. „Bélen“ steht Betlehem und zeigt neben der Krippe mit dem Christkind, Maria und Josef Szenen aus der Weihnachtsgeschichte: die Ankunft der Heiligen Drei Könige, Schafhirten und einfache Leute bei der Arbeit. Ein „Bélen“ scheint eine enorm wichtige Angelegenheit: nicht nur, dass anscheinend in den meisten Wohn- oder Nebenzimmern eines aufgebaut wird, auch in Gesundheitszentren oder einem Zelt auf öffentlichen Plätzen finden sich die Darstellungen der Weihnachtsgeschichte, die enorme Ausmaße annehmen können.
Ein besonderes Bélen befand sich als Attraktion im städtischen Kulturzentrum Madrids, dem „Centro Centro“: für die über 200 Figuren zählende Darstellung Christi Geburts stellten sich Besucher in einer langen Schlange teilweise über eine Stunde an.

Weihnachtslotterie

Lange Schlangen bildeten sich auch vor den Verkaufsständen der traditionellen Weihnachtslotterie: der Loteria de Navidad. Die dreistündige Ziehung am 22. Dezember, die live im Fernsehen übertragen wird und bei der Kinder die Gewinnnummern singen, läutet die spanischen Weihnachtsfeiertage ein. So gut wie jeder Spanier besitzt ein Los oder zumindest ein Zehntel-Los, welches immerhin noch 20 Euro kostet. Viele Familien spielen zudem mit „ihren“ Glücksnummern. Deswegen müssen sie ihr Los an einem bestimmten Verkaufsstand, einer sogenannten Doña Manolita, kaufen. Vor jenen mit den beliebtesten Glücksnummern bilden sich ewige Schlangen, die die Spanier, manche sogar mit Proviant, anscheinend gern in Kauf nehmen.

Der Heilige Abend in Spanien

Am Heiligen Abend, der „Noche buena“, isst die Familie gemeinsam, Weihnachten selbst ist erst am 25. Dezember. Geschenke gibt es aber trotzdem noch nicht – die bringen erst die Heiligen Drei Könige in der Nacht zum 6. Januar. In vielen Familien wird wie mir erzählt wurde aber gewichtelt, sodass jeder schon vorab eine Kleinigkeit bekommt. Der 6. Januar, der Día de los Reyes Magicos, zu deutsch der Tag der Heiligen Drei Könige, kündigt sich am Abend des 5. Januar durch einen riesigen Festumzug an, an dem das ganze Dorf – oder die ganze Stadt – entweder beteiligt ist oder zusieht. Der sogenannte
Karneval?

Cabalgata symbolisiert den Einzug der Heiligen Drei Könige. Artisten, Tänzer und als Könige verkleidete Kinder ziehen auf Festwagen durch die Stadt und verteilen Süßigkeiten.
Das ganze Tohuwabohu erinnert ein wenig an Karneval, aus Lautsprechern ertönt Musik, in Granada u.a. jene aus dem Disneyfilm Arielle, und die Festwagen gleichen bunten Ungetümen: als Pfau oder Kamel getarnt, mit Säulen bestückt als Palastsaal, von Rentieren gezogen oder von fliegenden Hühnern (ja, fliegende Hühner!) oder ganz modern mit den Tieren aus dem Animationsfilm „Ice Age“ oder aber King Kong. Darauf und dazwischen überall kleine Könige und Königinnen, Kamele, Bauchtänzerinnen, Gladiatoren, ein Feuerspucker, Kleopatra und sogar Blasinstrumente spielende Schlümpfe waren vertreten. Begleitet wurde das Spektakel von Kamerateams und zwischendurch immer wieder von einem kleinen Feuerwerk.

Spanisches Silvester

Kleine Feuerwerke gab es auch zu Silvester, großes Geknalle wie in Leipzig aber nicht. Die „Noche Vieja“, die alte Nacht des sich neigenden Jahres, wird eher ruhig begangen, mit einem Festessen in der Familie und den „Doce uvas de la suerte“. Diese zwölf Glücksweintrauben werden auf die letzten zwölf Sekunden des Jahres gegessen – entweder gemeinsam mit hunderten Menschen auf einem zentralen Platz in der Stadt, in Madrid beispielsweise auf der Puerta del Sol, oder Zuhause gemeinsam mit der Familie und Freunden zur Liveübertragung von der Puerta del Sol und einem „Traubencountdown“ bis Mitternacht. Für ungeübte Weintraubenverschlinger sind diese zwölf uvas de la suerte eine wahre Herausforderung, selbst wenn sie zuvor geschält und entkernt werden. Ab Mitternacht wird das Neue Jahr dann mit Gesang und Tanz begrüßt, ab jetzt gehen viele Spanier auch auf die Straße, in Kneipen oder Diskotheken. „La noche es joven“, die Nacht ist jung, genau wie das Jahr.

Der Dreikönigskuchen

Beendet wird die Weihnachtszeit am 6. Januar, an dem es neben der Bescherung auch den „Roscón de Reyes“, den Dreikönigskuchen (http://de.wikipedia.org/wiki/Dreik%C3%B6nigskuchen), gibt. Dieser aus einem Hefeteig gebackene, mit gefärbten Trockenfrüchten verzierte und mit Sahne, Trüffel- oder Schokoladencreme gefüllte Kranzkuchen birgt zwei kleine Porzellanfiguren in sich: eine Bohne und einen König. Wer die Bohne in seinem Stückchen findet, muss den Kuchen fürs nächste Jahr bezahlen, wer den König entdeckt, darf sich eine, jedem Roscón beigelegte, Krone aufsetzen und König sein. Wenn das kein Glück (oder Pech) fürs Neue Jahr bringt!

Fotos: Claudia Hammermüller

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Redakteur, Weg, wegfeatured

2 Antworten zu "Spanische Weihnacht"

  1. Renate Hecht sagt:

    Wünsche weiterhin viel Erfolg, auch wenn es nur ein Keksladen wird, aber Arbeit macht das Leben Süß und das sind Kekse.

  2. Peter Bergmann sagt:

    Irgendwie schlimm das ich erst jetzt entdecke das du in einem Online- Magazin Beiträge schreibst. *schäm*
    Wusste noch garnicht das du sogut schreiben kannst xD
    Klasse Texte, gut geschrieben. Und das finde ich erst jetzt *kopfschüttel*, ich schnüffel wohl doch nicht so gründlich im Netz
    wie ich dachte^^
    Und egal ob Keksladen oder Großkonzern, Ziele haben zählt,
    und der Weg ist das Ziel. Wenn man wüsste was das Leben bringt, wäre es ja auch langweilig.
    Ich schreibe schonwieder zuviel…
    Wie auch immer,
    Ich wünsch dir noch viel Erfolg (Und vor allem Freude an der Sache^^)

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