Sprichst du Deutsch? Ich auch.

Menschen aus anderen Kulturen fallen in Leipzig kaum auf. Die meisten Kollegen sind Deutsche und die wenigen, die einem dann doch auffallen, haben entweder auffällige Kleidung oder stehen singend in der Fußgängerzone. So wirklich Gedanken über Integration und Multikulti hat sich unsere Autorin Rebecca Wystup nie gemacht. Jetzt ist sie in Norwegen und macht sich eine Menge Gedanken. Weil dort so viel so anders ist, und doch irgendwie genau gleich.

Bei einem meiner Besorgungsgänge läuft vor mir eine junge Frau und schiebt fleißig einen Kinderwagen durch Eis und Schnee. Plötzlich fällt ihr das hintere, rechte Rad ab. Mit ein paar kräftigen Stößen bekommt sie es mehr oder weniger wieder an den Kinderwagen gehämmert. Inzwischen habe ich sie eingeholt und frage auf Norwegisch „Trenger du hjelpe?“ Brauchen sie Hilfe? „Nei, takk“ Es ist alles in Ordnung, meine Hilfe wird nicht benötigt. Ich laufe fünfzehn Schritte weiter, bleibe an der Fußgängerampel stehen und warte auf Grün. Die junge Frau holt mich ein und fragt: „Er du tysk?“ Bist du deutsch? Ich bejahe. „Das heißt Trenger du hjelp und nicht hjelpe!“ Aha, also ein -e zuviel dran gehangen. Ich bedanke mich, und sie erklärt mir, sie hätte mich erkannt, weil ich einen „Deuter-Rucksack“ trage. Sie dreht sich kurz um und zeigt stolz auch ihren grünen „Deuter“. Dann schiebt sie sich und ihren Kinderwagen weiter.

Seit einigen Monaten bin ich hier im kalten Norwegen und in der schönen Stadt Trondheim. Eine Stadt, die schon recht nördlich und direkt am Meer liegt, 1800 Kilometer weit weg von Leipzig. Klar habe ich erwartet, hier viel Kontakt mit Studenten aus anderen Ländern und ihren Bräuchen und Sitten zu haben. Allerdings begegnet mir vor allem eine Kultur: die der Deutschen.

Anscheinend haben die Deutschen hier regelrechte Erkennungsmerkmale. Rucksäcke von „Deuter“ und Jacken von „Jack Wolfskin“. Das ist nicht das, was ich mir eigentlich von einem Auslandsaufenthalt versprochen habe, diese Eigenschaft, immer gleich als „Fremder“ erkannt zu werden. Gott sei Dank besitze ich nur meinen verräterischen Rucksack und nicht auch noch die passende Jacke dazu. Das hilft mir allerdings auch nicht immer weiter.

Am Wochenende zum ersten Advent organisierte eine Studentengruppe aus dem Wohnheim „Moholt“ eine „Juleverksted“, kurz Weihnachtswerkstatt. Wer Lust und Laune hatte, konnte sich per E-Mail zu diesen gemütlichen Event anmelden, indem wie versprochen Pepperkake (Lebkuchen), Grøtris (Milchreis) und Gløgg gereicht wurde, ein typisch norwegisches Gewürzgetränk, ähnlich dem Glühwein.

In der Weihnachtswerkstatt waren jede Menge Studenten am werkeln. Ahnungslos setzte ich mich an einen Tisch und bastelte kleine Engel, Wichtel, Weihnachtsmänner und Co. Es dauert ein wenig, bis ich bemerke, dass am Ende des  Tisches, an dem ich sitze, ein Pärchen auf Deutsch über die Bastelanleitung diskutiert. Die Studentin links neben mir entpuppt sich auch als Deutsche. Sie bittet das Pärchen, doch bitte Englisch zu reden und nicht immer nur Deutsch. „Sonst verstehen die anderen nichts, und ich kann auch nicht üben!“

Ziemlich coole Einstellung, denke ich. Also nehme ich mir jetzt vor, auch ganz viel Englisch mit allen Leuten in der Juleverksted zu reden. Wenn schon nicht Norwegisch, kommen wenigstens meine Englischkenntnisse auf ihre Kosten. Also stiefel ich mutig los, um mir ein wenig Bastelmaterial zu holen und spreche gleich die erste Studentin an, die am Materialtisch steht. Wir unterhalten uns rein auf Englisch und ich merke, dass es doch so langsam besser geht, die richtigen Worte zu finden. Sie erzählt mir, dass sie die Juleverksted mitorganisiert hat und dann, gerade als ein Mädchen mit hellblauer Wollmütze, auf der ein großer Bommel wackelt, einer Freundin zuruft: „Soll ich dir auch eine Tasse Gløgg mitbringen?“, fällt der alles entscheidende Satz von ihr: „I`m a student from Germany“.

Kaum zu glauben, wie viele deutsche Studenten es nach Trondheim gezogen hat. In Leipzig fällt es einem nicht auf, sich die ganze Zeit unter Gleichgesinnten aufzuhalten. Im Ausland dagegen ist das doch sehr seltsam. Oft verdrehe ich inzwischen die Augen, wenn sich wieder jemand als Deutscher enttarnt und ziehe samt  Deuter-Rucksack schnell von dannen.

Am Ende des Abends verabschiedet sich das deutsche Pärchen an unserem Tisch mit einem „Bye“ und „See you later“. Er dreht sich noch einmal um, er hat etwas vergessen. Suchend blickt er sich um. Ah, da liegt sie ja. Er schnappt sich seine „Jack-Wolfskin“-Jacke vom Stuhl, und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Norwegen, Rebecca Wystup, Weg

4 Antworten zu "Sprichst du Deutsch? Ich auch."

  1. Jou sagt:

    Habe gerade recherchiert, dass Deuter eine über 100 Jahre alte deutsche Firma ist. Davon hatte ich keinen Schimmer!
    Insofern ist es verständlich, das die Rucksäcke als Erkennungszeichen taugen. Dass es bei Bekleidung noch einige nationale Eigenheiten gibt, finde ich sehr schön (obwohl ich auch die Nerv-Seufzer der Autorin verstehen kann). Danke für den Augenöffner!

    Jetzt trage ich meinen noch lieber ;-)

    1. Rebecca Wystup sagt:

      Halli hallo Jou

      Danke für deine Zeilen zu meinem Artikel.
      Auch wenn mich mein “Deuter” hier oben ganz klar branntmarkt, trage ich meinen auch super gerne! Die Dinger sind einfach unglaublich praktisch und sehen auch noch (je nach Modell) ganz schön schick aus.
      Vielleicht denkst du ja ab und zu an den Artikel, wenn du wieder mit deinem Rucksack unterwegs bis und evt. triffst du auf Urlaubsreisen Gleichgesinnte, die du dann schon von Weitem erkennen kannst.
      Dir alles Gute
      Rebecca

  2. Alex sagt:

    Sehr schöne Geschichte und mit viel Wahrheit verbunden.Ich selbst lebe schon lange im Ausland und trage seit vielen Jahren eine Wolfskin Jacke. Mittlerweile ist es mir egal ob ich damit als Deutscher auffalle. Viel schöner finde ich es, wenn sich meine italinischen Kollegen darüber amüsieren, dass eine Jacke “Pelle di Lupo” heisst. Im südlichen Europa wird übrigens oft Quechua, eine günstigere Alternative im Aktivsportbereich, bevorzugt. Auch sollte man anmerken, dass Deuter und co. von jüngeren und aktivieren Landsleuten bevorzugt wird, während ältere Deutsche gerne besockt in Sandalen und mit beigefarbenen Westen auffallen (was die Herren angeht). Die deutsche Damen hingegegen sind anhand von Frisur und Haarfarbe leicht auszumachen. Genug jetzt mit Stereotypen.
    Viel Erfolg bei Deinen Studien und eine schöne Zeit in Norwegen

    1. Rebecca Wystup sagt:

      Hei, hei Alex!

      Vielen Dank für deine lieben Wünsche und deinen Kommentar zu meinem Artikel.
      Sobald man im Ausland ist, fallen einem die Stereotypen schon ganz schön auf und man merkt selber, wie sehr man eigentlich selbst den Stereotyp “DEUTSCH” (bewusst oder unbewusst) verkörpert.
      Von Quechua weiss ich nur, dass es aus Frankreich kommt und sich viele Europäer im Urlaub das Zeug kaufen, weil es so billig ist. Die Franzosen hingegen setzten eher auf Qualität und zahlen daher auch mehr für andere Marken (zumindest, was ich gehört habe)
      Zum Kleidungsstil der “alten, deutschen Herren” kann ich nur sagen, dass auch hier viele Norweger mit Socken in den Sandalen rum laufen. Meistens tragen sie jedoch Jogginghose und Tennissocken über den Hosenbeinen.
      Ich glaube, bei den Deutschen Outdoor-Reisenden sind auch Teva-Sandalen total beliebt, da sie im Verhältnis recht günstig und zum Wandern super geeignet sind (habe selber ein Paar).

      Dir noch eine schöne Zeit in god old Germany..
      Rebecca

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