Gesteinsbrocken so groß wie Schafe

Gerade in Chile, vor kurzem erst wieder auf Island: Überall brodelt es, blubbert es und spuckt es Asche. Eyjafjallajökull war vergangenes Jahr der erste Vulkan, der Mensch, Tier und Technik lahm legte. Wie es den Bewohnern am Fuße des Vulkans damals erging und wie es für sie nach dem Ascheregen weiterging, berichtet nochweiter-Autorin Heike Trautloff.

Vor mehr als einem Jahr machte kaum ein Tourist dort Halt, wo Islands Hauptstraße mit der Nummer 1 dem Vulkan, den niemand außerhalb der Insel im Atlantik aussprechen kann, am nächsten ist. Eyjafjallajökull heißt wortwörtlich übersetzt Inselberggletscher. Der letzte Teil des Wortes war nach dem Vulkanausbruch am 14. April 2010 dafür verantwortlich, dass die Straße Nahe der Ortschaft Hvolsvöllur durch geschmolzenes Eis förmlich weggespült worden war. Sehen kann man dies im neu errichteten Visitor Center „Eyjafjallajökull erupts“ direkt gegenüber des Eyjafjallajökull.

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Gudny Valberg und Olafur Eggertsson, die sich nur umdrehen müssen, um den Gletschervulkan zu sehen, berichten hier aus ersten Hand von den Auswirkungen des Ausbruchs und ihrem Leben mit der Asche. Und diese Erfahrungen unterscheiden sich von den Beeinträchtigungen, die Menschen außerhalb Islands als erstes in den Sinn kämen: Statt Flugchaos kämpften Gudny Valberg und Olafur Eggertsson gegen zentimeterdicke Ascheschichten auf Gebäuden und Feldern ihres Hofes „Thorvaldseyri“ und gegen permanente Dunkelheit wegen der extremen Luftverschmutzung. Die Bauern waren in Sorge um ihre 60 Rinder und es quälte sie die Frage, ob sie überhaupt je auf ihren Hof zurückkehren können.

Sie konnten es. Heute zeigt Gudny Valberg stolz die Produkte, die die Farm abwirft: Gerste, Weizen, Rapsöl – alles ohne Zusätze, wie sie betont. Aus dem hier geernteten Getreide wird sogar ein isländisches Cornflakes-Produkt hergestellt.

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„Eyjafjallajökull erupts“ ist viel mehr als nur eine Sammlung der Ereignisse des Aprils 2010 in Südwestisland. Neben Bildern des Ausbruches und umfangreichen Erläuterungen sind es vor allem die betroffenen Bauern selbst, die das Visitor Center so wertvoll machen, weil sie berichten können, wie sich das Leben am Fuße des Eyjafjallajökull nach dem Ausbruch angefühlt hat. „So groß wie Schafe waren die herausgeschleuderten Gesteinsbrocken. Wir konnten das von unserer Farm aus sehen“, erklärt Gudny Valberg. Ob jemand verletzt wurde, möchte ich wissen. „Nein, glücklicherweise nicht. Aber auf gepackten Koffern saßen wir immer, um möglichst schnell den Hof verlassen zu können.“ Aus gutem Grund: Mehrmals wurde die Familie zur Sicherheit abgeholt, nicht wissend, ob es ausreiche, dem Vieh Futter für vier Tage da zu lassen.

Es reichte. Gudny Valberg und Olafur Eggertsson begannen sofort nach der Rückkehr mit dem Aufräumen, reparierten zuerst die Warmwasserleitung. Und dann konnten sie sehen, wie trotz der Asche das Leben zurückkehrte: Gudny Valberg erntete bald die ersten Möhren und Weintrauben nach dem Ausbruch – beides genießbar.

Heute ist nur noch zu erahnen, wie die Asche den gesamten Hof bedeckte. Um die Erinnerung an das Frühjahr 2010 zu bewahren, zeigen die Bauern einen Film der Ereignisse. Während Eyjafjallajökull selbst sich darin grollend und spuckend gibt, erinnert er im Juni 2011 nicht mehr im Entferntesten an den Ausbruch: Der Gletscher hat die dunkelgrauen Aschepartikel mit einer neuen, weißen Eisschicht überlagert; der Vulkankrater selbst hüllt sich in Schweigen – und eine dichte Wolkenschicht.

Übrigens: Für wen die Aussprache des Eyjafjallajökull noch immer ein Rätsel ist: Im Visitor Center gibt es auch T-Shirts mit der Lautschrift zu kaufen.

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