70.000 Mal Klavierhauptprobe

Die Türen werden geschlossen. Das Licht im Zuschauerraum geht aus. Die Gespräche im Publikum verstummen. Der Vorhang hebt sich. Die Vorstellung beginnt. Der Blick wird frei auf ein großartiges Bühnenbild. Sänger treten auf, in den allerschönsten Kostümen. Das Publikum verfolgt gebannt, träumerisch und mit angehaltenem Atem die Vorstellung. Dann ist sie vorbei. Der Vorhang senkt sich. Die Menschen wandeln, vielleicht noch in Gedanken, nach Hause. In der Oper dauert es noch Stunden, bis das Licht ausgeht.

Bis ein Bühnenbild auf der Bühne steht, bis ein Sänger sein Kostüm trägt, bis der Vorhang sich zur Premiere hebt, sind es Monate, in denen Bühnenvolk und Theatermenschen die Vorstellung vorbereiten. Dabei gibt es zwei Orte, an denen die Menschen wie Bienen, jeden Tag an neuen Vorstellungen arbeiten: Die Theaterwerkstätten und die Kostümwerkstätten.
von Franziska Gaube

Die Kostümwerkstätten

Der Fundus der Kostümwerkstätten riecht wie der Dachboden von Oma, auf dem sich noch Kisten mit unentdeckten Schätzen verstecken. Etwa 70.000 Kostüme sind auf Garderobenständer aufgehängt. Geordnet nach Epoche, Farbe, Mann und Frau. Ruhig ist es. Mehr als 280.000 Meter Stoff schlucken jedes Geräusch. Eine himmelblaue Jacke, mit roten Nähten und Blumenknöpfen ist so detailreich und hochwertig gearbeitet -aus der Ferne, im Publikum, ist das nicht zu sehen. „Ich muss ganz ehrlich sagen, die ordentliche Arbeit gehört einfach dazu und, natürlich, egal wie weit die Distanz ist, es vermittelt sich natürlich ein Reichtum, je detailliertes es gearbeitet wurde“, sagt Eva-Maria Weber, Direktorin der Kostümabteilung.

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„Kostüm- und Bühnenbildner sind zwei verschiedene Berufe und zwei verschiedene Arten zu sehen “

Die Kostümwerkstätten samt Fundus befinden sich im Haus des Leipziger Centraltheaters. 84 Menschen arbeiten in den Kostümwerkstätten der Oper. Für eben jene, für das Centraltheater und die Musikalische Komödie wird bei den Herrenschneidern, den Damenschneidern, den Modistinnen (den Hutmachern) und den Schuhmachern alle nötigen Teile für ein Kostüm, oft noch per Hand, hergestellt.[simage=398,288,n,right,]
Ungefähr vier Monate bevor ein Stück anlaufen soll, geht die Planung los. Während der Bühnenbildner die Kulisse entwirft, beginnt der Kostümbildner seine Kreationen. „Kostüm- und Bühnenbildner sind zwei verschiedene Berufe und zwei verschiedene Arten, zu sehen“, sagt Eva-Maria Weber.

All das entsteht natürlich nicht im luftleeren Raum. Es wird immer entlang des Stücks, das der Regisseur verantwortet, und entlang der Musik geplant. „Wenn die Entwürfe fertig sind, sitzen wir hier zusammen am Tisch und besprechen sie. So ein Entwurf kann von einem Zeitungsausschnitt bis hin zur klassischen Figurine, einem gezeichneten Entwurf, alles sein.“ Dann müssen die Stoffe ausgesucht und Materialien gekauft werden. Manchmal werden ganze Kostüme aus dem Fundus zusammen gestellt, oder im Modegeschäft nebenan gekauft. „Danach muss ich kalkulieren, das ist immer sehr schwierig. Aber dann geht die Arbeit los.“ Bis zur Anprobe wird alles erst einmal mit Heftfäden gehalten. Wenn der Darsteller zur Anprobe da war und alle Änderungen vorgenommen worden sind, werden die Heftfäden heraus gezogen und das Kostüm fertig gestellt. Zur Klavierhauptprobe, die erste der letzen drei Proben vor der Aufführung, kommt das Kostüm zum ersten Mal auf die Bühne. „Da müssen wir reagieren, denn es ist am Ende doch nie alles, wie es gedacht war.“ Zwei Proben, die Orchesterhauptprobe und die Generalprobe, bleiben noch, um dem Kostüm den letzten Schliff zu verleihen. Danach hebt sich der Vorhang zur Premiere – und dann muss alles sitzen.

Wenn ein Darsteller ausfällt, fällt niemals eine Vorstellung aus.

[simage=396,320,n,left,]So ein Theaterkostüm muss besonders gut vernäht sein. „Wenn wir Sachen im Modegeschäft kaufen, müssen wir oft noch einmal nachnähen, damit sich das Kostüm für die Bühne eignet“, sagt Eva-Maria Weber. Normalerweise arbeiten die Näherinnen, die Modistinnen und die Schuhmacher in einer normalen Arbeitswoche. Für kleine Katastrophen müssen sie sich aber auch am Wochenende bereit halten.
Wenn ein Darsteller ausfällt, fällt niemals eine Vorstellung aus. Es wird ein anderer Darsteller gesucht, zur Not aus einer anderen Stadt. „Wenn der andere Darsteller ankommt, werden als erstes Anproben gemacht. Während der Darsteller sich das Video der Vorführung anschaut und mit der Regieassistentin die Regie einstudiert, wird das Kostüm geändert. Wenn es gar nicht passt, müssen wir versuchen, etwas anderes im Fundus zu finden. Alles, ohne dass der Zuschauer es merken wird und am Abend muss alles fertig sein“, sagt Eva-Maria Weber.

Die Luft ist schwer von Stimmen und Nadelgesirre.

Bei den Damen- und Herrenschneidern stehen noch alte Nähmaschinen. Es summt und brummt. Die Luft ist schwer von Stimmen und Nadelgesirre. An den Bügeln ringsherum hängen Kostüme, nur mit Heftfäden gesichert, die auf ihre Darsteller warten. In den Anproberäumen stehen schönste Verkleidungen vor dreiteiligen Spiegeln zur Anprobe bereits. Bei den Modistinnen werden Hüte, Fächer, Kronen und gerade Hasenohren gefertigt. An den Wände hängen Figurinenentwürfe, die so schön sind, dass man ihnen nicht ansieht, dass sie nur ein Entwurf sind. Beim Schuhmacher stehen Regale bis zur Decke voll mit bunten Leisten. Die Schuhe werden alle noch in Handarbeit hergestellt. An Maschinen, die schon sehr alt, aber noch immer nicht kaputt zu kriegen sind.

Die Kostümwerkstätten können Kostüme schneidern, die jeden Abend nass werden können, ohne an Qualität zu verlieren. Sie können Kostüme machen, die nicht nass werden oder solche, aus denen Theaterblut ohne Probleme wieder rauszuwaschen geht. Mit Hilfe von ein paar Tricks lassen sie auch Engel fliegen. „Nahezu alles ist möglich“, sagt Eva-Maria Weber.

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Fotos: Franziska Gaube

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Franziska Gaube

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