Überdimensionen

Die Türen werden geschlossen. Das Licht im Zuschauerraum geht aus. Die Gespräche im Publikum verstummen. Der Vorhang hebt sich. Die Vorstellung beginnt. Der Blick wird frei auf ein großartiges Bühnenbild. Sänger treten auf, in den allerschönsten Kostümen. Das Publikum verfolgt gebannt, träumerisch und mit angehaltenem Atem die Vorstellung. Dann ist sie vorbei. Der Vorhang senkt sich. Die Menschen wandeln, vielleicht noch in Gedanken, nach Hause. In der Oper dauert es noch Stunden, bis das Licht ausgeht.

Bis ein Bühnenbild auf der Bühne steht, bis ein Sänger sein Kostüm trägt, bis der Vorhang sich zur Premiere hebt, sind es Monate, in denen Bühnenvolk und Theatermenschen die Vorstellung vorbereiten. Dabei gibt es zwei Orte, an denen die Menschen wie Bienen, jeden Tag an neuen Vorstellungen arbeiten: Die Theaterwerkstätten und die Kostümwerkstätten.
von Franziska Gaube

Die Theaterwerkstätten

Die Theaterwerkstätten: Hier fängt alles an. Genau genommen auf dem Tisch des Bühnenbildners und des Regisseurs. Hier wird aus allen Plänen, aus Ideen im opf des Regisseurs, zum ersten Mal etwas Greifbares. Die Theaterwerkstätten der Oper Leipzig bauen die Kulissen für alle öffentlichen Theater Leipzigs – die Oper mit dem Leipziger Ballett und der Musikalischen Komödie, das Centraltheater mit der Skala sowie das Theater der Jungen Welt. Da steckt einiges dahinter. In der Wäscherei, der Schlosserei, der Tischlerei, der Kaschierabteilung, bei den Theaterplastikern, im Malsaal und in der Dekorationsabteilung wird geschraubt, geschweißt, genäht, gesägt… und immer wieder neu.[simage=391,288,n,left,]
„Ich bin seit 1976 hier in den Werkstätten. Ich habe noch nie das selbe ‘Weiße Rössel’ gebaut, aber ich hab es bestimmt schon fünf Mal gebaut. Es verstößt ja quasi gegen die Menschenrechte eines Bühnenbildners, immer wieder dasselbe zu entwerfen“, sagt Stefan Dingethal, Leiter der Tischlerei.

Seine Haare sind dunkel, der Bart um das Kinn trägt ehrwürdiges Grau. Seine Worte sind geschäftig und begeistert. Seit seiner Lehre, 1976, arbeitet er in den Theaterwerkstätten, wie viele seiner Kollegen auch. „Wir haben einen Arbeiterstamm, bei dem niemand freiwillig geht. Die Leute sind jahrelang dabei. Viele seit der Lehre in den 80-er Jahren. „Unseren Leuten braucht man nicht mehr viel erklären. Die wissen, was zu tun ist.“

Man muss den Kopf in den Nacken legen, um die Decke zu sehen

In der alten Schlosserei scheint die Sonne durch eines der Fensterchen und erhellt einen Streifen des sonst düsteren Raumes. Es ist ein Werkstättchen. Für die Dimensionen heutiger Bühnenbilder nicht mehr ausreichend. Deswegen wurde drüben auf dem Hof die alte Wäscherei in eine größere Schlosserei umgebaut. Weitere Umbauten für die Vergrößerung sind in Planung.

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Die größte Abteilung der Theaterwerkstätten: Die Tischlerei. Der Mensch fühlt sich klein neben Holzstapeln und gegenüber den riesigen Ausmaßen der ersten Halle. Man muss den Kopf in den Nacken legen, damit man die Decke sehen kann. Zwei Schreiner in Blaumännern arbeiten mit einer runden Spanplatte, aus der eine Bahnhofsuhr entstehen soll. Eine große Bahnhofsuhr für das Bühnenbild des Waffenschmiedes, der in der Musikalischen Komödie aufgeführt werden soll.

„Das ist die Herausforderung des Theaters, sonst müssen sie Kino machen“

Bevor die Schreiner anfinden, diese Uhr zu bauen, lag einiges an Planung vor ihr. Und auch wenn sie fertig ist, wird sie noch warten müssen, bevor sie zusammen mit den Schauspielern auf der Bühne ‚stehen’ darf.
Bevor in der Werkstatt überhaupt losgearbeitet wird, treffen sich der Bühnenbildner, der Direktor der Werkstätten, die Meister der einzelnen Abteilungen, die Produktionsleiter und die Kollegen von der Bühnentechnik des jeweiligen Hauses zur Modelabgabe: „Die meisten Bühnenbildner bringen detaillierte Zeichnungen mit“, sagt Stefan Dingethal, „hin und wieder aber auch nur einen Schmierzettel und das ist dann katastrophal.“
[simage=390,288,n,left,]Alle Beteiligten müssen nun entscheiden: Geht das überhaupt? Wie viel wird es kosten? Was brauchen wir für Material? Änderungsvorschläge werden diskutiert, Details konkretisiert. Zur zweiten Besprechung, der Bauprobe, wird auf der Bühne provisorisch mit Holz und Stoff an den Maßen des genauen Bühnenbildes experimentiert. Stimmen die Relationen? Wie hoch muss die Wand werden, damit das Publikum nicht darüber schauen kann? Auch das Stück muss durchgesprochen werden, schließlich ist es wichtig, zu wissen, ob das Doppelbett ein ganz normales sein soll oder ob Menschen darin herumspringen müssen. Soll es auseinanderfallen oder rollen? Daran muss das Material und die Bauweise festgemacht werden. Augenmerk liegt auf Sicherheit und Gesundheit des Bühnenvolkes. Zum Schluss müssen sich die Konstrukteure die Frage nach dem Geld stellen. Reicht es? Meistens nicht. Also: Welche Alternativen gibt es? Zwingend genauso sicher und möglichst genauso hübsch. „Wir versuchen selbstverständlich, auch die außergewöhnlichsten Entwürfe Realität werden zu lassen. Bisweilen allerdings gibt es Dinge, die wir beim besten Willen nicht umsetzen können. Aber man findet immer einen Konsens, schließlich geht es darum, ein Werk auf die Bühne zu bringen – und diese stellt nun einmal an Regisseur und Bühnenbildner ganz besondere Anforderungen. Das ist die Herausforderung des Theaters. Sonst müssen sie Kino machen“, sagt Stefan Dingethal.
Etwa vier Wochen nach der Bauprobe gibt es mit den vom Bühnenbildner überarbeiteten Zeichnungen die endgültige Bühnenbildabgabe. Danach wird erneut kalkuliert und ein Kostenvoranschlag erstellt. Die Werkstattproduktion kann nun beginnen.

Transportabel heißt: auseinandernehmbar

Auf der Bühne steht das Bühnenbild noch immer nicht. In der Holzwerkstatt werden letze Details überprüft. Schließlich wird es in große Transporter eingeladen und an die Spielstätten gefahren. Ein logistischer Aufwand. So ein Bühnebild ist manchmal acht Meter hoch und höher, trotzdem muss es transportabel sein. Transportabel heißt: auseinandernehmbar. Es muss sowohl in die acht Meter langen Laster passen als auch durch die Türen und in die Fahrstühle der verschiedenen Schaustätten. Die sind natürlich unterschiedlich groß, sonst wäre es langweilig.

Von der Tischlerei ein paar Treppen hoch und durch drei Türen hindurch befindet sich das Werkstättchen des Drechslers. Die überdimensionalen Ausmaße der Holzwerkstatt schrumpfen zu mühevollen Detailarbeiten an Stühlen, Schränken und zu kleinsten Kulissenelementen, von den hinteren Reihen in der Oper sicher nicht mehr zu sehen. „Für uns lohnt es sich immer. Es gehört dazu. Sicher, nicht immer kann jedes einzelne Detail vom Publikum bewusst wahrgenommen werden. Aber es gehört zu unserer ordentlichen Arbeit dazu, denn auch die kleinsten Elemente prägen das Gesamtbild“, sagt Herr Dingethal.[simage=389,288,n,right,]

Es braucht mehr als große Wände

Ein Bühnenbild braucht mehr als große Wände, Tische und Stühle. Einige Ecken weiter und eine Treppe hoch gibt es noch eine Werkstatt: die der Kaschierer. Sie machen alles möglich: Formen bauen, Teile ausgießen, Negative formen, Türklinken und z.B. Helme und Tierköpfe als Zuarbeit für die Kostümwerkstätten. Auch damit erschöpft es sich nicht. Für Skulpturen und Figuren: Die Theaterplastiker. Und das Tüpfelchen auf dem i: die Dekorationsabteilung. Alles, was mit Stoff verkleidet, eingekleidet oder verdeckt werden soll, wird hier gefertigt.
Unter dem Dach, sich über die gesamte Länge und Breite des Hauses erstreckend: der Malsaal. Hoch über den Köpfen der Künstler, direkt unter dem Dachsattel, ein Gang, rechts und links Geländer, unter den Füßen nur Gitter. „Die Malereien sind oft so groß, dass man von ganz weit oben schauen muss, um zu sehen, ob die Proportionen stimmen“, sagt Stefan Dingethal.
Das Gemälde viele Meter weiter unten sieht aus wie ein Foto. Die Künstler wie Ameisen, die geschäftig auf das weiße Leinen mehr und mehr Farbe auftragen.

[simage=392,288,n,left,]Bis das Gemälde fertig sein wird, dauert es noch ein paar Tage. Wenn die Zeit der Premiere heran ist, wird es mit allen anderen Teilen in die großen Transporter der Oper verladen. Durch Türen und über Aufzüge auf die Bühne gebracht. Die Bühnentechniker werden die letzte Beleuchtungsprobe vornehmen. In den Gängen hinter der Bühne werden die letzten Vorbereitungen laufen. Bis auf einigen Singsang wird es ruhig sein. 20 Minuten noch, bis sich der Vorhang hebt.

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Fotos: Franziska Gaube

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Franziska Gaube

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