Sevran, das Klein-Baltimore bei Paris

Unsere französische Kolumnistin Ariane Kujawski wohnt da, wo man nicht wohnen möchte. Nicht unbedingt. Arbeitslosigkeit, Armut, Hohe Kriminalität und Schüsse auf der Straße, gerade einmal 15 Kilometer von Paris entfernt. Der Täter? Die Drogen. Stéphane Gatignon, der Bürgermeister der Stadt will, dass es aufhört. “Pour en finir avec les dealers” (Deutsch: Um mit den Dealern Schluss zu machen”) heißt sein Buch.
Foto: Buchtitel / rtl.fr

Ein Beitrag von Ariane Kujawski.

Haben Sie schon einmal die Fernsehserie “The Wire” gesehen? Ich wohne in einer Stadt, die man als das “französische Baltimore” bezeichnen könnte: Willkommen in Sevran, 15 Kilometer von Paris entfernt.

Sevran, mit seinen 51 000 Einwohnern, ist eine der ärmsten Städte Frankreichs. Als der aktuelle Bürgermeister vor zehn Jahren zum ersten mal gewählt wurde, hat er eine Stadt in katastrophalen Lage vorgefunden. Das schlimmste daran ist, wie in The Wires Baltimore, das Drogengeschäft. Sevran ist ein strategischer Punkt im Drogengeschäft der Pariser Region der Ile de France. Damit macht man ganz schnell viel Geld. Für diese Branche braucht man keinen Universitätsabschluss. Das sind wichtige Argumente für die 40 Prozent der jungen, arbeitslosen Einwohner.

Wegen des Drogengeschäfts sterben jedes Jahr Menschen. In manchen Viertel werden Haustreppen und Fahrstühle tagelang von den Dealern gesperrt, nur um sorglos dealen zu können. Wenn das mal wieder passiert, können und dürfen die Bewohner nicht rausgehen. Manche müssen sich krank melden, weil sie nicht zur Arbeit gehen können. Vor kurzem fielen wieder mitten auf einer Strasse Schüsse. Kinder spielten in der Nähe, fast ein Wunder, dass niemand ums Leben kam.

Am 6. April brachte Stéphane Gatignon, der junge Bürgermeister (41) von Sevran ein Buch heraus, das er mit einem französischen Polizisten zusammen geschrieben hat. Der Titel lautet “Pour en finir avec les dealers” (Deutsch: “Um mit den Dealern Schluss zu machen”) . Über das Buch sprechen momentan alle Medien in Frankreich. Die These dieses Buchs ist direkt, einfach, provokativ: Man sollte endlich das Cannabis legalisieren, damit diese Parallelwirtschaft verschwindet: Es sei die einzige Möglichkeit für den Staat, dieses Phänomen wieder zu kontrollieren. Bevor die mafiösen Strukturen so mächtig werden, wie sie es in Italien bereits sind. Eigentlich genau, was man Jahre zuvor mit dem Alkohol gemacht hat.

Um die Cannabisproduktion zu kontrollieren, könnte es auf staatlichen Felder wachsen. Die Dealer würden für den Staat arbeiten, so die These. Mehr Arbeit, weniger Gefahr – das könnte das Ergebnis sein.

Diese Idee geht sehr weit, für manche wahrscheinlich zu weit. Aber zum ersten Mal wird in Frankreich ernsthaft von der Legalisierung geredet. Man sieht es als ein sehr ernstes gesellschaftliches Problem, und nicht das von Hippies.

Das ist wohl auch der Grund, warum der Bürgermeister meiner Stadt gerade überall in den Medien ist. Er wirkt ernst und erzählt mit konkreten Beispielen von den zehn Jahren, in denen er jeden Tag versucht hat, Probleme zu lösen, die eigentlich viel größer sind, als sie eine einzelne Stadt haben und lösen kann. Es geht um tiefgreifende gesellschaftliche Probleme. Jetzt ist es Zeit, für eine radikale Lösung zu finden.

Weiterführende Infos: Gesprächsrunde zum Thema bei arte
Für unsere frankophonen Leser: Ein Interview mit dem Bürgermeister von Sevran, Stéphane Gatignon, bei bfmtv.fr

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