Aus Groß-Paris: 122.000 leerstehende Häuser und doch zu wenig Platz zum Wohnen

Wie für so viele Studenten, hat für mich das Leben in Leipzig mit einem Ziel angefangen: Eine schöne und preiswerte Wohnung finden. Ich war mehr als erstaunt, als ich feststellte, dass es eigentlich gar nicht so schwer war. Ein paar Tage danach hatte ich ein 20 Quadratmeter großes WG-Zimmer, mit weißen Wänden, Parkett usw. – für 200 Euro monatlich. Zusammengefasst: Luxus pur. Meine Freunde in Paris waren nicht neidisch. Sie waren krank vor Eifersucht.

Von Ariane Kujawski

Wohnen in Paris ist, wenn man jung und arm ist, nicht mehr nur eine Herausforderung, sondern ein Alptraum. Der Wohnungssuchende sollte starke Nerven haben: Die Anfrage ist viel größer als das Angebot, und das obwohl Paris 122.000 leerstehende Häuser hat. Es ist schwer, unter 500 Euro ein normales WG-Zimmer in Paris zu finden. Die Wohnungen sind selten saniert und man muss sich schon daran gewöhnen, die Wohnung mit 50 anderen Menschen zu besichtigen, die dann jede Menge Strategien entwickeln, um sie zu bekommen.

Jeudi Noir

"Jeudi Noir" kämpft für mehr Wohnraum in Paris.

Absurd? Schon. Aber was tun? Circa 30 junge Menschen, Studenten, Arbeitslose oder einfach junge Leute mit wenig Geld, haben einen Verein gegründet, mit einem ganz besonderen Namen: “Jeudi Noir” (schwarzer Donnerstag). Eine Anspielung auf den Erscheinungstag der Zeitschrift “De particulier à particulier”, in der die meisten Wohnungsanzeigen stehen. Der Tag, an dem man als Student sehr früh aufsteht, um als erster den hoffentlich zukünftigen Vermieter wegen einer interessanten Anzeige anzurufen.

Vor einem Jahr hat “Jeudi Noir” beschlossen, ein Haus zu besetzen, um dadurch endlich von der Öffentlichkeit gehört zu werden, aber auch um preiswert zu wohnen. Das 1500 Quadratmeter große Haus – ein vornehmes Privathaus – liegt im III. Bezirk von Paris. Dort wurde die Marquise de Sévigné geboren. Daher der Spitzname des Hauses: “La Marquise”.

“Die Marquise” ist sehr alt, sehr schön – und steht seit 1965 leer. Die über 80-jährige Besitzerin hat nie dort gewohnt und lebt seit ein paar Jahren im Heim. Trotzdem weigert sie sich, die Besetzer in ihrem Haus wohnen zu lassen.

“Jeudi Noir” hat sich davon aber nicht abhalten lassen. Es fanden regelmäßig Konzerte und Debatten über die Wohnprobleme in Paris statt. An einem Tag der Woche wurde Bio-Gemüse verkauft. Und um das Haus nicht zu schädigen wurde regelmäßig geputzt – sogar das Rauchen war verboten. So wurden die Marquise-Bewohner langsam aber sicher normale Nachbarn für die Einwohner des Viertels. Trotzdem blieb für “Jeudi Noir” jeden Tag die Angst, irgendwann zur Räumung gezwungen zu werden.

Eine Stunde für die Räumung

Ende Oktober ist der Alptraum schließlich Wirklichkeit geworden: Am Sonntag, den 23. Oktober, wurden die Einwohner der Marquise von der Polizei geweckt. Sie hatten eine Stunde Zeit, um ihre Sachen zu packen. Ein Tag vor dem Beginn des “Forums gegen Wohnprobleme”, das im Haus stattfinden sollte. Eine Woche vor der Winterpause, in der die Räumungen besetzter Häuser in Frankreich verboten sind.

Dennoch war die Aktion nicht umsonst: Innerhalb eines Jahres hat es “Jeudi Noir” geschafft, ein Symbol für das zu werden, was man auf französisch “le mal-logement”, das schlechte Wohnen, nennt. Ein sehr wichtiges Problem, wenn so viele junge Franzosen arbeitslos sind. Den Verein gibt es immer noch und er kämpft weiter. An der Fassade des Hauses hängt allerdings nicht mehr das schwarze Spruchband mit den weißen Buchstaben “Jeudi Noir” darauf. “Die Marquise” steht wieder leer.

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Eine Antwort zu "Aus Groß-Paris: 122.000 leerstehende Häuser und doch zu wenig Platz zum Wohnen"

  1. [...] sur le net. Le site a été refait, il est tout beau, tout propre, et accueille donc ma première chronique. Il y en aura deux par mois, et un jour, promis (je te vois piaffer d’impatience), je les [...]

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