Kampf der Kolosse

Hat sie zu viel gegessen? Schielt sie deshalb? Sollte man den Tierschutzbund oder den Fotografen rufen? Während Leipzig sich den Kopf über Opossum Heidi zerbricht, kämpfen am anderen Ende der Welt über 100 Freiwillige um das Leben zehnmal größerer Säugetiere. nochWeiter.de-Autorin Alina Reichardt berichtet aus Neuseeland – von gestrandeten Walen und Helfern aus Leipzig.

Krampfhafte Atemzüge stören die Szenerie am palmenumrandeten Strand der Golden Bay, der goldenen Bucht Neuseelands. Es klingt wie Ertrinken. 82 Pilotwale stranden hier am Samstagmittag an der idyllischen Küste Pupongas, an der nördlichsten Spitze der Südinsel hinter der Landzunge Farewell Spit und kämpfen gegen ihr eigenes Gewicht.

Wale am Strand der Golden Bay

Wale am Strand der Golden Bay

Rund 800 Kilogramm drücken auf jedes Organ und die Sonne brennt sich durch die hitzeempfindlichen neun Hautschichten. „Sie versuchen sich selbst zu töten, sobald sie auf Grund liegen. Sie drehen sich auf den Rücken, um ihr Atemloch zu verstopfen und ersticken dann“, sagt Joe Elmwood vom Department of Conservation (DOC), dem neuseeländischen Amt für Natur- und Umweltschutz. Er leitet die Rettungsaktion, die gestartet wurde, nachdem Anwohner um halb zwei Uhr nachmittags die ersten 30 Wale an Land gesehen und das DOC alarmiert hatten. Gemeinsam mit seinen Kollegen erklärt Joe den zahlreichen aufgeregten Touristen, wie sie helfen können.

Mit den Walen strömen auch Helfer aus aller Welt in die kleine Bucht. Mehr als 100 DOC-Mitarbeiter, Anwohner und Touristen tummeln sich nach DOC-Informationen am Samstagnachmittag um die gestrandeten Wale. Sie bedecken die Tiere mit nassen Tüchern, überschütten sie mit Wasser, graben Löcher, um die Wale daran zu hindern, sich auf den Rücken zu drehen. Carola aus Leipzig und Jana aus Dresden kümmern sich um ein verletztes Kalb. „Wir sehen das erste Mal in unserem Leben Wale und können ihnen gleich so nah sein. Das ist schon toll, obwohl die Umstände schrecklich sind“, sagt Carola.

Wale_Helfer

Carola und Jana

Diese Erfahrung teilen viele mit ihnen. Gemeinsam mit Christie und Aaron aus England, Davis und Katie aus Kanada und Valentine aus Frankreich  heben sie eine Sandgrube um eines der Tiere aus, die sie mit Wasser füllen. Wer keine Schaufel findet, gräbt mit den Händen. Die Finger der Helfer sind rissig, die Bucht liegt voller Muscheln. Bei 30 Grad im Schatten, knietief im Salzwasser, arbeiten alle schweigend. „Es zählt nur, dass wir den Walen helfen können“, erklärt Carola. Nur eines der verletzten Tiere ist zu hören, es gibt hohe quiekende Töne von sich und windet sich in einer Blutlache.

Alle Wale haben die Augen geschlossen. Die Flut wird erst um 10 Uhr abends kommen und die kleine Bucht erneut mit Wasser füllen. Drei der bis zu 6 Meter langen Kolosse sind um 5 Uhr nachmittags bereits verendet. Um sie herum wird emsig weiter Wasser transportiert.

Die Neuseeländer, die jeden nur beim Vornamen nennen, begegnen dem Unglück weder mit Panik noch mit Hektik. In 18 Sommern der vergangenen 20 Jahre sind Wale an der Küste der Südinsel gestrandet, Joe hat dabei schon viele Wale sterben sehen. Theorien, warum die Wale hier so oft verunglücken, gibt es viele. „Sie machen Fehler bei der Navigation“, erklärt Trish Grant, Sprecherin des DOC, „die langgestreckte Form der Landzunge verwirrt die Wale. Noch bevor sie bemerken, dass sie in der Bucht vor der Landzunge gefangen sind, geht durch die Ebbe das Wasser bis auf 15 Kilometer zurück und die Wale laufen auf Grund“.

Wale_alle

Wale in der Golden Bay

In diesem Jahr liegt ein verletztes Kalb direkt an den Felsen der Bucht. Joe glaubt, dass die Wale dem geschwächten Tier in die enge Bucht gefolgt sind, um zu helfen. „Dieses Mal haben wir einen Familienverbund von rund 120 Tieren, die anderen treiben noch vor der Küste“, erklärt er. Den ersten 30 folgen noch 52 weitere Tiere, die im Laufe des Nachmittags stranden. Nur vier können von den Mitarbeitern des DOC direkt wieder in tieferes Wasser geschoben werden. Die anderen müssen auf die Flut am Abend warten.

Um 21 Uhr erreicht das Wasser die Bucht. Die Wale heben Vorder- und Schwanzflossen und bewegen sich, von ihrem Gewicht befreit, wieder hektisch. Die Helfer beginnen die verstreuten Wal-Grüppchen im  steigenden Wasser zusammenzuschieben. Nun muss alles schnell gehen. Joe schickt die Helfer zurück an den Strand. „Es wird jetzt im Dunkeln zu gefährlich für uns, hier im Wasser zu bleiben“, erklärt er. Die Wale müssen sich nun selber helfen. Der letzte Blick im Dämmerlicht zeigt die Tiere dicht gedrängt, die Gesichter dem Horizont zugewandt.

Fast alle Wale verlassen die Bucht in der Nacht zum Sonntag. „Nur die zehn toten Wale sind zurückgeblieben“, sagt Cathy Sage, die in der nahe gelegenen Stadt Takaka im Touristenbüro arbeitet. Sie informiert besorgte Anwohner und Touristen über den Stand der Dinge. „Walstrandungen sind hier nicht ungewöhnlich“, erklärt sie, „im Jahr 2006 konnten Helfer 140 Wale retten, im Dezember 2009 starben 120 Tiere an der gleichen Stelle.“  2011 waren die Helfer wieder erfolgreich:  72 von 82 Walen überlebten die Strandung.

[pe2-gallery class="alignleft" ]
Bildstrecke (zum Vergrößern anklicken):

[sthumbs=336|343|337|346|342,max,5,n,center,]

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Alina Reichardt, Neuseeland, Weg, wegfeatured · Etiketten: , , , ,

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


(...auf Deutsch lesen) It's been almost a month since I left Leipzig to return to England. What, you may ask, ...