Kirchliche Alphabetisierung übers Radio (Teil II)

Über christlichen Glauben reden und dann auch noch so, dass es interessant und vor allem verständlich ist. Nicht einfach. Schon gar nicht, wenn christliches Publikum rar ist. Friederike Ursprung tut und schafft es trotzdem – jeden Tag übers Radio. Die Kirchen-Redakteurin über ihre Arbeit als Journalistin, ihren Glauben und die Verbindung von beidem.

Von Claudia Laßlop

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Friederike Ursprung: ''Ich hatte eine meiner wichtigsten Religionsstunde im Biologieunterricht.'' Foto: Ute König

Woran glaubst Du?
Natürlich könnte ich jetzt das christliche Glaubensbekenntnis runterbeten. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Ich finde die Schöpfungsgeschichte, wie Gott in sieben Tagen die Welt schuf, wunderschön, sie bedeutet mir sehr viel. Ich hatte in der Schule aber auch Biologie-Leistungskurs, habe etwas über die Evolution gelernt und das bedeutet mir auch sehr viel. Das finde ich wichtig, einleuchtend, plausibel. Und ich hatte eine meiner wichtigsten Religionsstunde im Biologieunterricht. Es ging um Photosynthese und wir haben bei einer Birke auf dem Schulhof jedes Blatt ausgemessen, hochgerechnet, wie viele Blätter diese Birke hat, wie viel Sauerstoff sie in einer bestimmten Zeit erzeugt – und ich dachte nur, wow, ist das toll. Und ich weiß, dass das alles Milliarden Jahre gedauert hat, weiß etwas über Evolution, Urknall und Geotektonik. In der Schöpfungsgeschichte steht sechs Mal „Und Gott, dass es gut war“ und als alles fertig ist, sieht Gott, dass es sehr gut ist. Und das begleitet mich.
Dazu gehört auch Jesus als Gottes Sohn: Gott ist ein Mensch geworden, Jesus hat gelehrt und vorgelebt, wie Menschen nach Gottes Willen zusammenleben können. Seine Wunder, die in der Bibel überliefert sind, die will ich nicht wegdiskutieren. Und auch nicht, wie Menschen bis heute die Gegenwart von Gott erlebt haben. In meinem eigenen Leben bemerke ich vieles, was sich richtig anfühlt und was wohl so sein soll. Und ich habe hier in Leipzig das Gefühl, an der richtigen Stelle zu sein. Zum Glaubensbekenntnis gehört außerdem der Heilige Geist – der bedeutet für mich Mut und sich gegenseitig verstehen, zusammen sein. Und insofern kann ich mit diesem Glaubensbekenntnis – Vater, Sohn und Heiliger Geist – schon eine Menge anfangen.

Woran glaubst Du nicht?
Ich glaube nicht, dass wir Halma-Männchen auf Gottes Spielbrett sind. Wir haben eine deutliche Grundlage als Orientierung, die Bibel. Ich glaube nicht an einen Automaten-Gott – ich bete etwas und dann kommt das und das raus. Glaube ist nichts vorgefertigtes und wird auch immer wieder in Frage gestellt. Das ist gut so, denn dadurch muss man immer wieder Rechenschaft ablegen. Man kann nicht einfach ein Regelwerk durchgehen.

Was tust Du für Deinen Glauben?
Ich bin in der komfortablen Situation, dass mein Alltag viel mit meinem Glauben zu tun hat. Das merke ich in der Weihnachtszeit, wenn Leute sagen „Wie soll ich mich neben dem Job und allem, was noch dieses Jahr erledigt werden muss, auf den Advent einstellen“. Persönlich bemühe ich mich, Dinge wie ein Tisch- oder Gute-Nacht-Gebet nicht ausfallen zu lassen. Traditionen zu pflegen – etwa jeden Morgen eine Losung lesen, zu Gottesdiensten gehen, im Chor mitsingen, ich bin an der Gemeindezeitung beteiligt. Dabei kann ich gar nicht so sehr trennen zwischen dem, was ich für meinen Glauben tue und Gemeindeengagement. In der Nikolaikirche gibt es am Mittwochnachmittag eine Andachtenreihe, bei der ich alle paar Monate Andachten halte. Das sind natürlich auch theologische Entdeckungsreisen. Und manchmal tut es auch einfach gut, mit Leuten über biblische Inhalte und Glauben zu reden. Das gehört alles dazu.

Wem würdest Du Deinen Glauben empfehlen?
Jedem, der ihn sich empfehlen lässt.

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Kirchenredakteurin Friederike Ursprung engagiert sich nicht nur beruflich für Kirche und Glauben. Foto: Ute König

Was ist das wichtigste an Deiner Religion?
Nächstenliebe und Sündenvergebung. Dass auch, wenn etwas schief läuft, wenn etwas Schlimmes passiert oder jemand etwas Schlimmes tut, es immer eine Möglichkeit gibt, neu anzufangen. Dass ein Mensch vieles falsch machen und immer noch ein Mensch ist, auch wenn er nicht perfekt ist, auch wenn er krank oder arm ist, auch wenn er leidet. Dass Gottes Liebe für jeden gilt. Gerade zu Ostern spielt das eine Rolle – Jesus ist seinen Weg bis zum Schluss gegangen und hat den Tod in Kauf genommen. Eine Lesart dessen ist, dass er unschuldig stellvertretend für die Sünden aller Menschen gestorben ist. Die andere ist: Es ist möglich, diesen Weg ohne Rücksicht auf Verluste zu Ende zu gehen. Gott selbst selbst hat Leiden und Tod auf sich genommen und ist damit den Menschen ganz nah. Es gibt nichts, das einen Menschen endgültig von Gott trennen kann. Der Osterüberzeugung nach war dieser Tod eben nicht sinnlos. Das kann ich allerdings nicht sachlich vermitteln, das ist eine Glaubensfrage.

Wurdest Du für Deinen Glauben schonmal kritisiert?

Ich persönlich selten. Manchmal bekommen wir in der Kirchenredaktion so richtige Kirchen-Hasser-Mails. Was soll der Quatsch – harmlos formuliert. Sicherlich gibt es Situationen, in denen sich Auffassungen dann unterscheiden.

Wie weit würdest für Deinen Glauben gehen?
Aus dem Glauben ergeben sich ja ethische und politische Überzeugungen. Ich hoffe, ich vertrete diese Überzeugungen konsequent – und auch praktisch, und bin dabei nicht nur Mitläuferin bzw. werde zur Mitläuferin bei etwas, was ich falsch fände. Aber in der Vergangenheit gibt es ja Beispiele – im Mittelalter, in der Nazizeit, in der DDR, wo jemand zum Märtyrer wurde, weil er von seinem Punkt nicht abweicht. Ich hoffe, dass ich vor so einer Entscheidung niemals stehen werde. Denn bei dieser Frage geht es an Eingemachte. Vor Ostern gab ja der Jünger Judas den Römern und der Tempelpolizei den entscheidenden Tipp, wie sie Jesus ohne aufstand festnehmen können. Er bekommt dafür 30 Silberlinge und gilt damit als der schlimmste Verräter – aber wie ist er eigentlich an den Punkt gekommen, sich so zu entscheiden?

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

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