20 Stunden für den kreativen Aufschwung

Wo Creative Cities darauf steht, sind Gdansk, Genua, Ljubljana, Pécs und Leipzig drin. Worum genau es bei diesem EU-Projekt geht, was genau in Leipzig gerade passiert und worauf sich kreative Köpfe freuen dürfen, erzählt Carolin Demus im Interview. Sie hat seit fast drei Monaten die so genannte Kontaktstelle inne, die zentraler Bestandteil des Programms ist.

Das Gespräch führten Ute König und Claudia Laßlop

Was steht hinter „Creative Cities“?
Creative Cities ist ein EU-Projekt, das im Rahmen des Förderprogramms Interreg IV B aufgelegt wurde. Es läuft von 2010 bis Ende 2012 und diese drei Jahre sollen dazu genutzt werden, dass fünf europäische Städte – neben Leipzig noch Genua, Ljubljana, Pécs und Gdansk – ihre Kreativwirtschaft jeweils vor Ort voranbringen und zu einem Wirtschaftsfaktor machen. Man spricht zwar zur Zeit oft davon, dass Kreativwirtschaft ein boomender Bereich ist, aber in den meisten Städten ist das noch gar nicht so etabliert oder noch nicht mit der Reichweite. Innerhalb von Creative Cities dient die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern jetzt vor allem dem Erfahrungsaustausch. Wir lernen nicht nur voneinander, sondern schaffen auch Netzwerke für die Akteure untereinander.

Was gehört in diesem Sinn zu Kreativwirtschaft?
Alle zusammen zu packen, die mit kreativem Denken zu tun haben, ist an sich schwierig. Aber in Leipzig sprechen wir da von elf Branchen von Architektur bis Webdesign.

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Carolin Demus ist mittwochs im Stadtteilladen in der Karl-Heine-Straße anzutreffen. Foto: Ute König

Und wieso ausgerechnet diese fünf Städte und wer genau vertritt dabei Leipzig?
Es gab vorher in verschiedenen anderen Programmkonstellationen schon Zusammenarbeiten zwischen diesen Städten, die gut funktioniert haben. Leipzig ist der Lead Partner und vier Ämter sind daran beteiligt – das Kulturamt, das Amt für Wirtschaftsförderung, das Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung und das Stadtplanungsamt. Außerdem ist das Aufbauwerk als Projektagentur Teil der lokalen Steuergruppe. Diese Struktur gibt es in den anderen Städten ähnlich. Da es bereits Erfahrungen im Austausch gab, hat man sich darauf berufen.

Aber muss erst ein EU-Projekt kommen, damit die Stadt sich um ihre Kreativwirtschaft kümmert?
Das tut sie schon eine Weile. Es gibt die Clusterstrategie der Wirtschaftsförderung und eins der fünf Cluster ist die Medien- und Kreativwirtschaft. Man hat sich also auf lokaler Ebene bereits darauf besonnen, dass es dort enormes Potential gibt und möchte das nun strategisch fortführen. Das EU-Programm kam dafür zeitlich genau richtig und lässt sich damit gut verbinden. Und weil es alle Bereiche betrifft, sitzen auch die vier Ämter mit in der Steuergruppe.

Inwieweit spielt die europäische Ebene jetzt schon eine Rolle?

Nach einem Jahr ist das noch schwierig zu sagen, weil dieses erste Jahr der theoretischen Befassung mit dem Thema gewidmet war. Es gab die SWOT-Analyse, also Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. Dabei hat man gemerkt, dass die beteiligten Städte unterschiedliche Voraussetzungen haben, nicht in allen Städten alle Branchen gleich stark oder überhaupt in der Masse vertreten sind. Das macht die Vergleichbarkeit momentan noch schwierig, aber genau das ist ein Aspekt des ständigen Kontaktes: Unsere Designwirtschaft ist schon stark, es gibt Akteure, die machen was – wollt ihr euch davon nicht was abgucken? Dieser Austausch schafft schon einen Mehrwert, die Übertragung einer best practice. Aber soviel Handfestes, was sich von A nach B transformieren lässt, gibt es da nach einem Jahr noch nicht. Das ist das Ziel für 2012 – sagen zu können: Wir konnten uns gegenseitig helfen, haben voneinander gelernt und davon können die Akteure vor Ort profitieren.

Was steht aktuell auf dem Plan?

Momentan arbeiten die fünf Städte parallel an einem Maßnahmenkatalog, der lokal umgesetzt wird. Daraus wird die Schnittmenge gebildet und die Projekte zusammen begleitet. Daran arbeitet auch die Leipziger Steuergruppe gerade und das ist der Fahrplan für die nächsten zwei Jahre.

Was kommt danach?

Das ist eine gute Frage. Das große Ziel ist es natürlich, jetzt Strukturen zu schaffen, die langfristig und nachhaltig etabliert werden können. Unabhängig von diesem Projekt und unabhängig von Geldern, die damit zusammen hängen. Strukturen, die sich selber tragen und beispielsweise durch Akteure funktionieren. Dass man etwa Netzwerke wie Kreatives Leipzig auch für andere Bereich schafft oder um branchenspezifische Netzwerke ergänzt, Rahmenbedingungen für die einzelnen Segmente schafft. Es ist ein wichtiger Aspekt des Ganzen, auch zu sagen: Wir können nicht punktuell Maßnahmen umsetzen, sondern es muss um die Basis gehen, um einen Rahmen, in dem es dann weiter gehen kann. Und wichtig ist, dass nicht die Stadt etwas vorgibt, sondern dass man mit den Akteuren redet und erfährt, was sie brauchen, worum geht es ihnen. Creative Cities kann dabei helfen, Akteure zu eigener Netzwerkarbeit zu befähigen.

In der Formulierung ihrer Anliegen klingen Kreatives Leipzig und Creative Cities sehr ähnlich. Ist das Absicht?
Das hängt sicher mit der Entwicklung der Kreativwirtschaft im Allgemeinen zusammen. Die, die sich vorher einfach nur lose kannten, haben gemerkt, dass sie viel mehr erreichen können, wenn sie sich in einem Netzwerk zusammenschließen. Ein EU-Projekt hat einen wahnsinnig langen Vorlauf, der Beginn war abzusehen. Dagegen ist das Kreative Leipzig eine sehr spontane, aber auch sehr nachhaltige Idee. Zwar gab es vorher keine Absprachen, aber die gibt es jetzt. Bei den Treffen bin ich regelmäßig dabei, wir wollen ja nicht aneinander vorbei arbeiten. Es geht um das Gleiche, auch wenn das eine ein EU-Projekt ist und das andere eine Graswurzelbewegung.

Kann Kreatives Leipzig das Projekt quasi weiterführen?
Die Idee auf jeden Fall, wenn vielleicht nicht gleich mit dem europäischen Fokus. Aber die Vernetzung natürlich.

Gibt es bereits konkrete Vernetzung?
Das befindet sich im Aufbau. Die Kontaktstelle gibt es erst zweieinhalb Monate und ich bin kein Freund von Schnellschüssen. Ich schaue jetzt erstmal, welche Plattformen es schon gibt und bin dort präsent. Eine weitere Plattform zu etablieren, fände ich schwierig. Das schaffe ich auch zeitlich nicht. Die Kontaktstelle ist eine halbe Stelle mit 20 Stunden in der Woche.

Die Stelle gibt es erst zwei Monate und doch wurden schon zahlreiche Probleme und Fragen an Dich herangetragen. Das ist eine Menge Arbeit, oder?
Die Erwartungen sind auf jeden Fall hoch und das waren sie von Anfang an, auch schon bevor die Kontaktstelle offiziell wurde. Das spielt sich jetzt ein, die Anfragen von Akteuren beziehen sich oft auch vergleichbare Sachverhalte. Das Wort Kontaktstelle wird an sich richtig verstanden, aber die Erwartungen wären selbst mit einer 40-Stunden-Woche nicht zu schaffen.

Es klingt so, als würden sich elf Branchen über DIE eine Ansprechperson für all ihre Fragen und Probleme freuen.

Eigentlich ist das auch so gedacht. Die Kontaktstelle wird es in allen fünf Städten geben und als Lead Partner hat Leipzig den Anfang gemacht. Und bestimmt kann ich in einem halben Jahr viele der Fragen, die jetzt kommen, wesentlich einfacher beantworten. Wenn es um Räume geht, um Ansprechpartner… Aber natürlich sind es elf Branchen, für die ich der Anlaufpunkt und die Schnittstelle zur Stadt bin.

Wie ist die Resonanz bislang?
Von den vier Stunden, die ich jede Woche im Leipziger Westen Sprechstunde habe, sind zwei bis drei Stunden mit Terminen belegt. Auch im Aufbauwerk kommen vier bis sechs Termine in der Woche dazu. Und damit bin ich momentan schon ganz zufrieden.

Wie viele Freiheiten hast du dabei?

Ich bin nicht bei der Stadt angestellt, sondern sitze beim Aufbauwerk Region Leipzig, einer Projektagentur für regionale Wirtschaftsförderung, die einen EU-Fokus mit regionalem Mehrwert hat. Ich bin eine Stelle zwischen Stadt und Akteuren, sitze in keinem der Ämter und bin ganz für die Akteure abgestellt – die Frau an der Front, um das, was ich „draußen“ mitbekomme, dann bei Treffen mit den Amtsvertretern anzubringen, Probleme zu kommunizieren, Ansprechpartner zu finden. Manchmal verstehen die Akteure die Stadt nicht, dann wieder die Stadt die Akteure nicht – das habe ich jetzt schon oft in Gesprächen mitbekommen und kann nun als Zwischenstelle fungieren. Und alle profitieren davon.

Was hast du vor dieser Stelle gemacht?

Ich habe in Leipzig Kulturwissenschaften, BWL und Journalistik studiert. Während des Studiums war ich bei Kultiviert Anders! e.V., wo es Kulturereignisse jeglicher Art gab, nach dem Studium dann habe ich beim F/STOP-Fotofestival das Marketing mitgemacht und bin dann relativ übergangslos in den Kontaktstellen-Job reingerutscht. Was ein ziemlich spannender Job ist, bei dem ich viel unterwegs bin, viele Leute treffe und auch merke, wie man helfen kann. Das ist das Beste, selbst wenn ich jemandem nur drei, vier Links mitgeben kann, bei denen er Fördermöglichkeiten, Ansprechpartner findet und ihm doch ein bisschen Arbeit abnehme.

Die Stadt will also mit Geldern den Wirtschaftsfaktor Kreativität fördern, um ihn überhaupt erst zum Wirtschaftsfaktor zu machen…
Die Mittel, die ich meine, sind auch städtische, aber nicht nur. Es geht nicht so sehr um Querfinanzierungen innerhalb der Stadt oder um die Bezuschussung – auch wenn es da bestimmt vieles gibt, das man noch gar nicht kennt und das ich gern kommuniziere. Der Absatzmarkt ist aber nicht so groß, von daher muss es auch immer nach außen gehen und der breite Überblick gegeben werden. Es gibt einen deutschlandweiten Fokus und es geht dabei auch darum, beispielsweise Leute zusammenzubringen, die erst gemeinsam vielleicht auch Voraussetzungen für deutschlandweite Anträge erfüllen zu können.

Bei zurückliegenden Diskussionen wurde auch angesprochen, dass es bei einer geringen Kaufkraft, wie sie in Leipzig herrscht, auch keine Kreativwirtschaft wachsen kann.

Da stellt sich ein Stück weit aber auch die Frage, wo das Problem liegt. Ob es die Stadt ist, die zu wenig Wirtschaftskraft schafft oder ob es die Wahrnehmung von kreativer Leistung durch den Kunden ist. Viele – und da muss jeder bei sich selbst anfangen – sind nicht immer bereit, für kreative Arbeit zu bezahlen. Für etwas, das sie nicht anfassen können. Und da ist nicht nur die Stadt in der Verantwortung. Das fängt bei jedem einzelnen an. Angenommen ich brauche einen Flyer – dann ist das eben keine Sache, die ich mal eben schnell für 50 Euro machen lasse. Wenn sich da ein Grafiker stundenlang ransetzt, muss er dafür auch 500, 600 Euro bekommen, weil es Arbeit war.

Dazu muss einem der Wert der eigenen Arbeit klar sein. Aber allein schon während des Studiums, gerade in kreativen Studiengängen, bekommen die wenigsten vermittelt, was sie später für ihre Arbeit verlangen können.

Das hört man oft im Kunstbereich – da kann einer malen, aber hat von Vermarktung keine Ahnung. Da macht einer tolle Musik, hat aber noch nie einen Pressetext geschrieben. An dieser Stelle ist auch eine Vernetzung mit den Hochschulen angedacht. Beim Career Center der Uni und der Career Office der HTWK war ich jetzt schon, um bei bestimmten Ideen auch Angebote in Richtung Zusammenarbeit zu machen. Aber das kann nicht ich entscheiden, da sind zuerst die Akteure und ihre konkreten Themen gefragt – dann könnte der Netzwerkkreislauf beginnen und wir schauen, wer wo helfen kann oder wo es schon Lösungen gibt.

Und wie könnte eine Herangehensweise aussehen, das Bewusstsein für den Wert von Kreativarbeit zu schaffen und davon ausgehend dann auch vernünftige Preise zu etablieren?

Das fängt innerhalb der Branchen an, dass die Leute sich etwa nicht gegenseitig die Preise kaputt machen. Das kam auch beim Klub Analog zum Thema Design heraus – dass sich Designer gegenseitig durch Preisdumping den Marktpreis ruinieren. Wenn man immer nur unterbietet, hat das nichts mehr mit angemessener Bezahlung zu tun. Daher ist der erste Schritt, zu sagen: Ich kenne den Wert meiner Arbeit, kann den kalkulieren und von dem weiche ich auch nicht ab. Dass Designer in Hamburg oder Berlin mehr für den gleichen Job bekommen – das ist dabei natürlich erschreckend.

Wobei man ja über Geld meist nicht gern redet.

Das ist aber der erste Schritt. Denn wenn sich die Leute intern nicht einig sind, kann man auch den den Wert der Arbeit nicht geschlossen und klar nach außen kommunizieren. Wie das Umdenken an sich passieren kann – durch stabile Preise. Aber ansonsten lässt sich das wahrscheinlich unter „gesellschaftlichem Wandel“ fassen. Noch ist man sehr daran gewöhnt, für seine Bezahlung etwas zu sehen, was zum Auspacken, zum In-die-Steckdose-stecken. Die Denke, dass sich das mit Kreativarbeit nicht machen lässt, muss sich etablieren. Und das wird ja auch mehr, das merkt man ja allein in Leipzig, wie viel sich da ansiedelt und kleine Büros zu verschiedenen Themen der Kreativwirtschaft arbeiten.

Was steht für die Kontaktstelle als nächstes an?

Ich werde neben den Sprechzeiten im Leipziger Westen auch im Osten stärker kommunizieren, dass es dieses Angebot jetzt gibt. Die Kontaktstelle ist ja stadtweit gedacht. Und mir ist es wichtig, ein Netzwerk aufzubauen für die Belange der Akteure, so dass ich im Hintergrund meine „Creative Angels“ habe, die ich fragen kann, weil ich ja nicht alles wissen kann. Diese Aufgabe läuft konstant mit und das macht die Kontaktstelle dann auch lohnenswert. Ansonsten ist es tagtäglich Arbeit und selbst in der Freizeit kommt man da ja auch nicht einfach raus – aber das Schöne ist, dass ich aus diesem Bereich komme und privates Interesse mit dem Beruf verbinden kann.

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

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