Jung, dynamisch, druckfrisch

Die Leipziger Buchmesse 2011 kommt in großen Schritten näher und in den Verlagen laufen die letzten Vorbereitungen – und sei es nur noch das Warten auf die druckfrische Lieferung der neuen Titel. Anja Gundlach und Anne Kleinow vom fhl Verlag (Verlag für die feine hand lektüre) haben sich dennoch die Zeit für ein Gespräch genommen – über den jungen Verlag, Autoren und Bücher, natürlich.

Von Dirk Stascheit und Claudia Laßlop

Bereitet ihr euch gerade auf die Buchmesse vor?

Das ist eigentlich weitestgehend schon abgeschlossen. Mit den Autoren muss ich (sagt Anja) noch einmal Kontakt aufnehmen, sie zur Sicherheit daran erinnern, wann sie wo sein sollen. Neben den Terminen auf der Messe haben sind wir auch bei der Kriminacht, am Mittwoch vor der Buchmesse, dabei.

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Wie wichtig ist die Leipziger Buchmesse für euch?

Als Orientierungspunkt, auf den alle hinarbeiten, ist sie wichtig. Um Publikationen einzutakten, wer von den Autoren im jeweils nächsten Jahr dann dort lesen kann. Und es ist ein sinnvoller Weg, Leute kennen zu lernen, andere Verlage, zukünftige Autoren. Dann ist die Messe mit konkreten Anliegen und Zielen verbunden. Gravierende Auswirkungen auf Verkaufszahlen oder Bestellungen hat sie aber nicht, wenn man auch mehr Leute erreicht.

Seit wann gibt es den Verlag fhl?

Unser Chef, Andre Mannchen, hat den Verlag 2007 gegründet.

Dann steht ihr ja gewissermaßen noch am Anfang.

Genau. Ursprüngliche gab es eine Lesebühne. Und bei den Autoren entstand der Wunsch nach einem Buch, ohne an zig Verlage zu schreiben und abgelehnt zu werden. Das begann mit Liebhaberstücken ohne den Gedanken an einen finanziellen Reibach.

Wann kam der Moment, dass es größer wurde?

Ein bisschen mehr Bekanntheit und einige Publikationsanfragen hatten wir haben beispielsweise durch unseren Autor Uwe Stöß, über den ein größerer Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen ist.

Also ist ein Verlag durchaus auf die großen überregionalen Medien angewiesen.

Ja, die sind wichtig. In der Lokalzeitung sind wir zwar auch öfter mal vertreten. Aber das lässt sich nicht großartig an den Verkaufszahlen ablesen. Wenn man aber mal in der FAZ ist, erreicht man damit mehr.

Hat euer Verlag auch schon eine gewisse Fangemeinde?

Wir sind gerade erst dabei, eine Marke aufzubauen, versuchen einen Schwerpunkt zu finden. Die Lesebühne, die wir an jeweils dem letzten Samstag des Monats im Café Anton Hannes veranstalten und die auch als eine Art Casting funktioniert, hat durchaus eine Art Fangemeinde. Dort haben wir in letzter Zeit auch Leute gefunden, deren Bücher wir demnächst rausbringen.

Und bei der Lesebühne kann jeder mitmachen?

Ja. Das ist wirklich sehr spannend, zwischendurch auch mal sterbenslangweilig. Das Konzept ist, dass jeder lesen darf. Auf die Weise haben wir schon Autoren gefunden, mit denen dann etwas entstanden ist. Die davor vielleicht noch gar nicht die Idee haben, ein Buch machen zu wollen, bislang eher für sich schreiben und das einfach mal anderen vorlesen und Feedback wollten.

Viele Verlage aus der Region machen ja vor allem Regionalprogramm. Ihr habt aber nicht nur lokale Autoren…

Ja, ein Teil von regionalen Themen ist bestimmt auch spannend, vieles wiederholt sich aber auch. Wir bekommen überdurchschnittlich viele Publikationsanfragen von älteren Herren, die ihre Erinnerungen verarbeiten wollen, alle mit erotischen Selbsterfahrungen und der persönliche Widerstand in der DDR-Zeit. Wir haben aber auch Autoren aus ganz Deutschland und auch aus vielen Altersgruppen.

Und wie kommen die zu euch?

Foto: Tobias Keunecke

Zum einen durch die Lesebühne. Und über Publikationsanfragen. Einer hat zum Beispiel den erwähnten Beitrag in der Frankfurtr Allgemeinen Sonntagszeitung gelesen. Manche schreiben sicher auch an alle Verlage, einige lesen unser Programm und sehen, dass wir gern Erzählungen machen.

Was läuft gerade gut?

Uwe Stöß, ein ehemaliger Alkoholiker und Obdachloser. Er verarbeitet viele biografische Sachen, kann wirklich gut schreiben, auch sehr unterhaltsam, und erzählt Geschichten, die wir so niemals erzählen könnten, weil wir sie nicht erlebt haben. Das ist schon eindrucksvoll. Ganz gut verkauft sich auch Linda Entz, „Verwandlungen“. Es lohnt sich bei den Publikationsanfragen meisten, zu schauen, was der- oder diejenige sonst so macht. Linda Entz ist sonst Fliesenlegermeisterin. Und wir haben auch Tischlerinnen, Dachdecker, weniger hauptberufliche Autoren. Die meisten machen anderes, um Geld zu verdienen.

Wie schnell sieht man einer Anfrage an, dass sie Potenzial hat?

Die Anfragen sind ja schon ein bisschen vorsortiert, Vita, Exposé und Leseprobe – da kann man meist schon einiges erkennen. Und es gibt auch immer noch Spielraum, in dem Texte bearbeitet werden können, die noch nicht perfekt sind.

Achtet man dabei auch auf formelle Merkmale wie Schrift oder ähnliches?

Nein, eher nicht. Wenn es natürlich auf den ersten Blick total chaotisch wirkt, mit Fehlern gespickt … Manchmal fehlt auch einfach die Relevanz, etwas einem großen Publikum zugänglich zu machen.

Und wie bringt man jemandem bei, dass man auf seinen Text eher verzichten wird?

Das ist schrecklich. Wenn etwas unaufgefordert eingesendet wird, kann man das recht kurz fassen. Haben wir aber ein Manuskript angefordert, wird zumindest versucht, es zu erklären – und das ist wirklich schwierig, weil man schon das Gefühl hat, jemand gibt einem etwas sehr Persönliches und man möchte sich nicht erdreisten, auf dessen Gefühlen herum zu trampeln.

Hat man bei all den Texten auch mal den Wunsch, selbst zu schreiben?

Überhaupt nicht. Null. Die Verzweiflung eines Autors, sein eigenes Werk an den Mann bringen zu wollen, gleichzeitig nicht viel dran verändern zu wollen… Manchmal bedrückt es mich richtig, was man da mitbekommt (sagt Anne) und mir geht dieses Mitteilungsbedürfnis, das sich in einem Buch ausdrückt, total ab. Ich könnte es auch nicht. Aber es ist toll, Klappentexte zu schreiben, das macht Spaß. Aber ansonsten hätte ich keine Idee, die ich der Welt mitteilen muss. Und das ist eigentlich angenehm.

Wie findet man die Nische, in der man als Verlag bemerkt wird und überleben kann?

Wenn wir das wüssten … Wir haben zunächst ein relativ weit gefächertes Programm, wobei wir Kinderbücher der großen Konkurrenz überlassen und Lyrik nur in Maßen machen. Wir versuchen uns auf Krimis und Erzählungen zu spezialisieren, in der Hoffnung, dass das ein Publikum findet. Auf Lesungen eignet sich das auf jeden Fall, weil man Leute schnell in den Bann ziehen kann.

Fhl wirkt weniger seriös-getragen als große Verlagshäuser, sehr lebendig und sympathisch.

Und für das, was wir an Erfahrung haben, entstehen am Ende erstaunlich gute Bücher. Das denkt man anfangs oft nicht und manchmal fragt man sich, wie sollen wir das bewältigen – aber dann am Ende entstehen dann doch gute Bücher, gute Lesungen, gute Veranstaltungen.

Wie schätzt ihr Leipzig als Verlagsstandort ein?

Im November gab es ja eine kleine Buchmesse mit sächsischen Verlagen hier im Haus, Gut zum Druck. Da ist uns wieder aufgefallen, dass die Leute hier wenig Geld für Bücher ausgeben. Sie kommen zum Gucken, schreiben sich mal einen Titel auf, aber unser Eindruck war, dass man in anderen Städten eher mal gleich ein Buch gekauft hätte. Aber das heißt bislang nicht, dass eine andere Stadt für unseren Verlag infrage käme.

Inwiefern habt ihr mit anderen Verlagen zu tun?

Es gibt ein paar Kooperationen. Jeden letzten Freitag im Monat gibt es unseren Verlagsstammtisch zusammen mit dem ClauS Verlag und dem Eichenspinner Verlag aus Chemnitz. Wir freuen uns, wenn dann auch mal andere Verlage dazukommen, man Erfahrungen austauscht.

Vielen Dank für das Gespräch und eine erfolgreiche Buchmesse!

Fotos: Tobias Keunecke

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

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