3, 2, 1… dreh dich!

2000 Menschen stehen auf dem Rasen im Zentralstadion. 2000 Menschen beugen sich nach vorne. 2000 Menschen springen in die Luft. Das ist die Vision von Anna Hoetjes. Die holländische Künstlerin will am 2. Juni 2011 mit ihrem Projekt „Turn!“ die Turnfeste der DDR auferstehen lassen. Und daran erinnern, wie einfach Menschen mit Massenveranstaltungen zu manipulieren waren – und vielleicht immer noch sind.

Das Gespräch führten Dorothea Hecht und Ute König

Im Museum in der Runden Ecke steht Anna Hoetjes vor einem postergroßen Bild hinter einer Glasvitrine. „Genau das ist es“, sagt sie, und beschreibt mit ihrem Finger einen Kreis um die Menschenmasse, die auf dem Foto zu sehen sind. Vom Fotoapparat in Bewegungslosigkeit gebannt, sind auf dem Rasen des alten Zentralstadions Tausende von Turnern in derselben Position erstarrt. Die linke Hand nach oben gestreckt, die rechte zeigt auf die Zehen. „So soll es aussehen“, sagt Anna Hoetjes, „auch wenn alles wahrscheinlich ein wenig kleiner wird.“

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Anna Hoetjes ist fasziniert von den Massenveranstaltungen der DDR - sieht sie aber auch kritisch.

Warum faszinieren dich diese Massenveranstaltungen?
Ich denke immer: krass. Wie diese Menschen alles zusammen machen, ohne Individuum zu sein. Es ist für mich schön anzuschauen, aber gleichzeitig auch beängstigend. Diese Veranstaltungen wurden politisch benutzt, in der DDR genauso wie im kommunistischen China oder im Nationalsozialismus. Heute, in unserer kapitalistischen Gesellschaft hat sich das geändert. Es wird so eine Masse nicht mehr dargestellt. Wieso nicht? Wir treffen uns auf Facebook und in digitalen Welten, aber wir kommen nicht mehr zusammen als Masse. Ich will herausfinden, ob diese Synchronität, das Zusammenzukommen, etwas gemeinsam zu machen, heute überhaupt noch möglich ist.

Wie kommunizierst du denn deine Idee nach außen? Wenn man davon nur im Internet liest, könnte man glauben, die DDR soll kurzzeitig wieder auferstehen. Es gibt doch sich einige Kritiker, die das nicht sehen wollen.
Ja, das ist schon eine schwierige Geschichte. Einerseits gestalten wir den Auftritt werblich, weil wir Leute gewinnen wollen, die mitmachen. Aber andererseits versuche ich schon, in den Texten zu vermitteln, worum es uns geht. Und das ist nicht nur der Spaß, sondern auch die ernste Seite. Wenn es Kritiker gibt, bin ich gerne bereit zu diskutieren. Schließlich bin ich selber ein Kritiker.

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''So soll es aussehen, auch wenn alles wahrscheinlich ein wenig kleiner wird.''

Also schließt es sich nicht gegenseitig aus, da mitzumachen und Spaß zu haben, gleichzeitig das Ganze aber kritisch zu sehen?
Ich denke, das schließt sich nicht aus. Es macht doch auch Spaß, einen Flashmob zu machen. Und dort vergisst man eher, was eigentlich dahintersteckt. Trotzdem kritisieren Flashmobs ja etwas und ich denke, diese Kritik ist bei uns noch viel präsenter.

Hast du mit Menschen geredet, die damals in der DDR dabei waren? Was haben sie erzählt?
Ich habe mit vielen geredet und tatsächlich hatten die meisten vor allem Spaß an den Veranstaltungen. Sie waren stolz, mitmachen zu dürfen. Die Politik, die dahintersteht, haben sie nicht gefühlt. Was natürlich auch die Gefahr ist, denn Politik steckt natürlich ganz stark drin.

Wie sehen die Leute das heute, 20 oder 30 Jahre später?
Viele denken immer noch, dass es zwar politisch benutzt wurde, aber sie es damals nicht so erfahren haben, es also ganz schön war. Deshalb möchte ich das Projekt auch kritisch angehen. Was ist eigentlich die Gefahr einer Massenperformance und was ist ihre Kraft? Wie reagiert ein Individuum in der Kollektivität? Und umgekehrt. Am 9. Oktober 1989 war es auch eine Masse, eine riesige Kraft, die etwas geschafft hat. Eine Masse kann zum einen etwas erreichen, zum anderen aber benutzt werden. Gerade deshalb ist es in Leipzig interessant, so etwas noch einmal zu organisieren.

Wie machst du den Leuten denn klar, was dahintersteckt? Viele Schüler sind bei deinem Projekt dabei, die in einem Alter sind, in dem sie die DDR gar nicht mehr erlebt haben.
Das stimmt, aber gerade deshalb ist es für die Kinder vielleicht interessant, etwas darüber zu lernen. Ich hoffe, dass sie auch selber anfangen, darüber nachzudenken, wie sie heute zusammen sind. Viele nutzen das Internet oder machen Fußball im Verein. Ich will, dass sie darüber nachdenken, welche Funktionen zum Beispiel Sport heute hat. In meinen Augen ist es riesiger Kommerz.

Du gehst also in die Schulen und klärst die Schüler über die Aktion auf?
Zusammen mit Heike Hennig habe ich eine Info-Veranstaltung für die Lehrer abgehalten, in der wir unsere Idee vermittelt haben. Die meisten waren wirklich begeistert davon.

Hatte aber niemand Bedenken, dass die Ideologie dahinter zu stark in den Vordergrund rücken könnte?
Da gab es nur einen Fall. Ein Mann, der sofort gesagt hat, nein, daran will ich mir nicht die Finger verbrennen. Das ist in Ordnung, das ist ein klares Nein. Wenn Leute mir aber vorwerfen, ich wolle doch nur Propaganda machen, dann frag ich mich, wofür ich Propaganda machen würde. Außerdem sollen die Schüler nicht alles konform machen. Die Sportlehrer, die die Choreographie mit den Schülern einstudieren, sollen sie dazu animieren, sich selber etwas auszudenken. Ein Teil der Choreographie sollen ihre eigenen Bewegungen sein – das kann Fußball sein oder Salsa oder Capoeira oder irgendetwas anderes.

Damit sie bewusst mit der Masse brechen?
Genau, es soll ein Kontrast sein. Es soll in der Masse ja ein wenig anders aussehen als damals in der DDR.

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Anna Hoetjes will am 2. Juni 2011 ihre Vision von einer Massenperformance im Zentralstadion Leipzig verwirklichen.
Fotos: Ute König

Ein Großteil der Choreographie ist aber von dir und Heike Hennig gestaltet worden. Gibt es Elemente darin, die an die DDR erinnern?
Es gibt schon einige Bewegungen, die wir bewusst eingebaut haben. Zum Beispiel wird der Pioniergruß mit drin sein, der an die DDR erinnert, aber auch eine Art Steinwurf, was eine Referenz an den Sport sein soll.

Wie lange dauert denn die Choreographie?
Insgesamt 15 Minuten, einmal ein geplanter Teil und einmal ein Teil, der frei ist für Improvisation. Darauf bin ich besonders gespannt, weil noch nicht klar ist, wie die Teilnehmer reagieren werden. Machen Sie eine Bewegung der anderen mit oder nicht? Vielleicht ergibt sich eine Art Schwarm, der sich durch das Teilnehmerfeld zieht, vielleicht macht jeder etwas anderes. Am Tag selber, am 2. Juni, wird es zwei Generalproben geben und dann eine offizielle Aufführung, zu der wir auch Presse einladen und so weiter. Ich will alle drei Durchgänge filmen, vor allem die Reaktionen der Zuschauer, das ist für mich sehr spannend.

Wie viele Leute haben sich schon angemeldet?
Im Moment haben wir so ein paar hundert individuelle Anmeldungen und dann noch Sportvereine und Schulen, wir sind so bei 700 bis 800.

Heißt es eigentlich Turn! von Turnen oder ist das englische „turn“ gemeint?
Beides. Es heißt Turn! als Befehl sozusagen, um diese Komponente herauszustellen. Es ist aber auch das englische „turn“ gemeint, für Wende, dass sich etwas ändert.

Anna Hoetjes hat von 2003 bis 2007 an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam studiert, ein Semester verbrachte sie an der Cooper Union School of Arts in New York. Nach ihrem Abschluss zog sie nach Berlin, wo sie bis 2009 Gaststudentin an der Universität der Künste war. Als Stipendiatin kam sie 2010 schließlich nach Leipzig, wo sie in der Künstlerresidenz der Spinnerei wohnte. Ihre Faszination für die Problematik Masse und Individuum machte sie auf die DDR-Turnfeste aufmerksam. Gemeinsam mit der Leipziger Choreographin Heike Hennig will sie am 2. Juni 2011 ihre Vision von einer Massenperformance im Zentralstadion Leipzig verwirklichen. Am Ende soll ein Kurzfilm entstehen, der voraussichtlich in Ausstellungen zum Thema zu sehen sein wird.

Mehr Infos: www.turn-leipzig.org

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

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Eine Antwort zu "3, 2, 1… dreh dich!"

  1. [...] Noch bis Dienstagabend, Schlag Mitternacht, läuft die Anmeldung für das Sport- und Kunstereignis TURN! Wer also am 2. Juni Teil der synchron bewegten Masse Mensch in der Red Bull Arena sein möchte [...]

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