„Unglaublich, was Menschen aushalten können“

Gewalt an Frauen gehört weltweit zu den gravierendsten Menschenrechtsverletzungen. Auch für viele Leipzigerinnen ist Gewalt trauriger Alltag. Zum internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen am 25. November spricht nochWeiter.de mit Gabi Eßbach. Die Leiterin der Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking (KIS) in Leipzig sagt: „Häusliche Gewalt wird von Generation zu Generation weitergegeben.“

Das Gespräch führte Ute König

Sie sind seit 20 Jahren im Verein Frauen für Frauen e.V. tätig. Hat sich in dieser Zeit beim Thema Gewalt an Frauen etwas verändert. Oder leben wir diesbezüglich noch in den 90er Jahren?
Was häusliche Gewalt betrifft, hat sich das Aufkommen nicht viel verändert. Eine Studie belegt, dass jede vierte Frau in Deutschland mindestens ein Mal in ihrem Leben Gewalt durch einen Beziehungspartner erfährt. Bei der KIS verzeichnen wir allerdings jährlich eine Erhöhung der Fallzahlen um mindestens zehn Prozent, weil sich das Dunkelfeld langsam erhellt. Das liegt daran, dass das Thema Gewalt an Frauen gesellschaftlich nicht mehr so stark tabuisiert ist und dass die Polizei durch das Sächsische Polizeigesetz entsprechend konsequent handeln kann. Außerdem gibt es inzwischen viele Hilfs- und Unterstützungseinrichtungen für Frauen. Ich habe als Krankenschwester schon zu DDR-Zeiten von häuslicher Gewalt gehört, weil mir Patientinnen davon erzählt haben. Aber damals gab es weder Frauenhäuser noch sonstige Einrichtungen. Das wäre nicht denkbar gewesen. Denn staatlich verordnet waren Frauen gleichberechtigt. Und damit gab es offiziell also auch keine Gewalt. Aber die Gewalt war natürlich trotzdem da.

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Jede 4. Frau in Deutschland wird mindestens ein Mal in ihrem Leben Opfer von Gewalt durch ihren (Ex-)Partner. Foto: RS / pixelio.de


Wie lange brauchen die Frauen, bis sie bei Ihnen Hilfe suchen?

Das ist sehr unterschiedlich. Aber in der Regel geht die Gewalt schon über einen längeren Zeitraum. Nach der ersten Ohrfeige oder den ersten Verbalattacken kommen die Frauen in der Regel nicht hier her, und rufen schon gar nicht die Polizei oder gehen ins Frauenhaus. Ich hatte hier schon 85-jährige Frauen, die erst nach 60 Jahre Ehe gesagt haben: „Jetzt ist Schluss.“ Einige Frauen kommen allerdings auch direkt. Das ist aber eher selten.

Wo fängt denn Gewalt an?
Ich denke, jeder Mensch hat da eine eigene Grenze und eine eigene Definition. Für mich muss es gar nicht erst die Ohrfeige, das Würgen sein, oder dass der Kopf an die Wand geschlagen, an den Haaren gerissen, mit Zigarettenkippen verbrannt oder mit dem Messer zugestochen wird. Speziell häusliche Gewalt fängt dann an, wenn jemand sich selber aufwertet, in dem er andere runtermacht.

Wie kann häusliche Gewalt aussehen?
Konflikte gibt es in jeder Partnerschaft – das ist ganz normal. Aber schlimm wird es bei Konflikten, bei denen es einem der Partner nicht gelingt, eine Sache mittels Kommunikation und Kompromissen auszudiskutieren und stattdessen Macht demonstriert, indem er Gewalt ausübt. Gewalt bedeutet nicht zwangsläufig eine Ohrfeige oder ein Faustschlag. Häusliche Gewalt kann zum einen die körperliche und sexuelle Gewalt, aber eben auch die psychische Gewalt sein. Oft wird die Frau klein gemacht. Sie wird beschimpft: „Du bist hässlich, frigide, dumm, fett“, „Du taugst nichts“. Die sozialen Kontakte der Opfer werden meistens sehr stark eingegrenzt oder beschnitten. Es wird verboten, sich mit der Freundin zu treffen oder Kontakt zu der Mutter zu haben. Oft heißt es: „Alle anderen sind blöd. Wir haben aber uns. Wir lieben uns ja so sehr.“ Hinzu kommt, dass jeder Schritt kontrolliert wird. Die Frau muss über alles genau Rechenschaft ablegen, zum Beispiel warum sie fünf Minuten später von der Arbeit nach Hause kommt. Das geht soweit, dass Frauen nicht arbeiten dürfen, weil der Mann es nicht will. Oder umgekehrt, dass sie zu Arbeiten gezwungen werden, die sie nicht machen wollen. Sie müssen sich prostituieren oder zum Teil sogar auf den Hausfrauenstrich… Oft will der Mann auch jegliche Kontrolle über das Familieneinkommen. Ich hatte schon eine Frau in der Beratung, die als gerichtlich vereidigte Dolmetscherin selbständig richtig gutes Geld verdient hat. Sie musste jeden Cent abgeben. Ein anderer Mann konnte es nicht ertragen, dass seine Frau eine gewisse Kontrolle über Schwangerschaft und Geburt hatte. Er hat ihr die Spirale rausgerissen. – Nach außen ist die Grenze ganz starr und eng. Innen gibt es aber keine Grenzen. Da wird permanent drübergelatscht.

Warum greift das persönliche Umfeld nicht häufiger ein? Ist die Gewalt von außen tatsächlich nicht sichtbar oder wird einfach nur weggeschaut?
Das ist eine Mischung. Zum einen ist es den Frauen peinlich, so etwas zu erleben. Oft suchen sie die Schuld immer wieder bei sich selbst, weshalb sie niemandem davon erzählen und die Sache regelrecht vertuschen. Die Sonnenbrille über dem blauen Auge ist zum Beispiel typisch. Hinzu kommt, dass die Männer nur zu Hause Täter sind, wenn es keine Zeugen gibt. Und nach außen hin sind es gut angepasste Menschen. Es ist eben nicht nur der trinkende Arbeitslose. Vom Polizisten über den Lehrer hin zum Arzt hatten wir schon alles. Zum anderen stoßen die Frauen häufig auf Unverständnis, wenn sie dann doch etwas erzählen: „Ach weißt du, du hast so einen netten Mann, und er ist so ein guter Vater… Übetreib’ mal nicht.“ Und entscheidet sich eine Frau dann tatsächlich zur Trennung, wird ihr häufig von der Familie vorgeworfen, dass sie an die Kinder denken soll, sie könne den Kindern doch nicht den Vater nehmen.

Warum bleiben die Frauen so oft so lange bei ihren Partnern?
Trotzallem werden die Beziehung und die Gefühle allgemein sehr intensiv wahrgenommen. Viele der Frauen sagen: „Das ist ein ganz lieber Kerl, ich liebe ihn, der hat auch gut Seiten – wenn nur diese Gewalt nicht wäre.“ Nach dem Gewaltausbruch sei es eine ganz schöne Zeit. Denn dann trägt der Mann sie auf Händen – bis der nächste Gewaltausbruch kommt.

Ist dieses Verhalten mit dem Stockholm Syndrom von Entführungsopfern vergleichbar?

Ja,das Phänomen kann man bei Frauen, die länger in einer gewaltgeprägten Beziehung leben, tatsächlich beobachten.

Welche Ursachen für häusliche Gewalt kann man festmachen?
Häusliche Gewalt wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ich bekomme oft mit, dass erwachsene Frauen, die in einer gewaltgeprägten Beziehung leben, als Mädchen emotional oder körperlich von den Eltern misshandelt wurden, oder dass die eigenen Väter die häusliche Gewalt gegen die Mütter ausgeübt haben. Bei den männlichen Tätern ist das ähnlich. Sie haben in der Kindheit auch oft Gewalt erlebt. Das heißt, diese Muster zur Konfliktlösung werden von den Eltern vorgelebt, das Kind erlebt sie als normal und übernimmt sie als Erwachsener. Das Verrückte ist, dass sich Partner, die diese Muster aus der Kindheit kennen, sich dann irgendwie anziehen.

Die Frauen haben also gar kein Gefühl dafür, wann Grenzen überschritten werden?

Ja. Woher sollen sie das auch wissen? Wenn man als Kind nicht lernen kann, dass es Grenzen gibt, dass man seine Grenze persönlich setzen darf und dass niemand das Recht hat, sie zu überschreiten, dann kann man das als Erwachsener ohne längerfristige Beratung und Therapie auch nicht wissen. Deshalb ist es innerhalb einer Paarbeziehung auch sehr wichtig, dass die Gewalt sehr früh beendet wird und die Kinder nicht das gleiche erleben müssen – und später selbst wieder in einer gewaltgeprägten Beziehung leben.

Wie werden die Kinder von ihnen betreut?
Speziell betreut werden sie hier nicht, denn das Angebot der KIS ist für Erwachsene. Aber ich habe ein besonderes Auge auf die Kinder. Viele Mütter und Väter denken, dass die Kinder nichts mitbekommen. Schließlich sei es nachts passiert, wenn sie schlafen. Oft erschrecken sie, dass die Kinder das natürlich gehört haben und zitternd in ihren Betten lagen und Angst hatten.

Gibt es hin und wieder Fälle, von denen Sie selbst noch überrascht sind oder haben Sie während der vergangenen 20 Jahre schon alles gesehen?
Alles gesehen und gehört habe ich sicherlich noch lange nicht. Nach oben hin ist immer noch etwas möglich. Aber mich haut so schnell nichts mehr aus den Latschen und es erschüttert mich trotzdem immer wieder, wozu manche Menschen fähig sind. Gleichzeitig ist es unglaublich, was Menschen mitmachen und aushalten können. Das ist schon heftig.

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

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