„Immer irgendwo ein kleines bisschen Unordnung“

Wie geht’s weiter in Leipzig? Wie wird die Stadt wohl aussehen, wenn Baulöcher verschwunden und neue Gebäude entstanden sind? Um eine ungefähre Ahnung davon zu bekommen, hat sich weiter mit Architekt Ansgar Schulz verabredet. Er und sein Bruder Benedikt haben den Neubau der katholischen Kirche gegenüber des Neuen Rathauses entworfen. Ein Spaziergang durch die Innenstadt – an dessen Ende man selbst Baustellen anders sieht.

Das Gespräch führten Ute König und Claudia Laßlop

Ein sonniger Herbsttag. Leipzig zeigt sich von seiner schönsten Seite. Wir treffen Ansgar Schulz am Markt, haben einen ungestörten Blick auf das Breuninger-Kaufhaus. Nur noch ein paar Bauzäune auf der einen, ein Rest Baustelle auf der anderen Seite säumen den Platz. Soweit zu dem, was das ungeschulte Auge sieht.

An die Baustellen auf dem Marktplatz hat man sich irgendwie längst gewöhnt. Kann der Markt wieder ein städtisches Zentrum werden, wenn Baugeräte und Bauzäune weg sind?
Der Markt wird wieder eine bespielbare Fläche, auf der zum Beispiel wieder die Classic Open stattfinden könnten oder das Gewandhausorchester sein Eröffnungskonzert spielt. Vieles wird sich vom Augustusplatz sicherlich wieder auf den Markt verlagern. Der Markt ist eine wunderbare große Fläche und dem angemessen, was Leipzig zu bieten hat.

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Ansgar Schulz. Foto: Ute König

Wenn man sich die Fassaden anschaut – wie vertragen sich neue und alte Architektur?
Im Ensemble finde ich den Mix gelungen. Die Gebäude fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen. Das Kaufhaus Breuninger ist eine große zusammenhängende Struktur, aber die Architektur suggeriert, dass drei verschiedene Häuser an dieser Stelle stehen. Vorrangiges Gestaltungselement ist die Fassade. Schaut man dahinter, sieht man, dass die Ebenen komplett durchlaufen. Dort braucht man die Flexibilität, das große zusammenhängende Gebäude. Der Architekt ist hier jedoch der Meinung, das Kaufhaus würde sich nicht in die vorhandene Platzstruktur einpassen, wenn es sich über nur eine große Fassade am Markt abbilden würde. Es ist ein wenig Camouflage: Man suggeriert, dass sich die Proportionen und Parzellengrößen der umliegenden Gebäude weiterentwickeln.

Schulz beschreibt die Bezüge zur typischen Europäischen Stadt. Wie Proportionen der gewachsenen Straßen und Plätze überführt werden und mit Zitaten aus den Bauweisen der umgebenden Häuser gearbeitet wird – mit Säulen, Erkern und Gauben:

Schulz: Die Motive werden ganz klar zitiert, aber immer transformiert. Und deshalb haben Sie als Laien einfach das Gefühl, dass die Architektur hier an den Leipziger Markt passt. Bei mir persönlich würde das Gebäude allerdings um einiges radikaler aussehen: moderner, klarer, die Formsprache reduziert.

Sie würden diesen Bruch dem Markt also antun?
Was heißt hier antun? Das wäre formal ebenso richtig. Das KPMG-Gebäude im Peterssteinweg fügt sich doch auch wie selbstverständlich in den umgebenden Stadtraum ein. Darüber hinaus ist es eines der schönsten Häuser Leipzigs.

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Das Katharinum: ''historisierender Schnickschnack''
Foto: Ute König

Wir lassen den Markt hinter uns, gehen weiter in Richtung Katharinenstraße. Geradewegs zu auf das Katharinum, an dessen Anblick im Stadtbild man sich erst noch gewöhnen muss. Wie gefällt dem Architekten die Umsetzung?

Schulz: Das ist einfach nur das Ausspielen überholterZitate, nur noch eine Bedienungvon Bildern. Die Konsolen an den Erkern hatten ursprünglich die Funktion, konstruktiv notwendige Stahlträger zu verkleiden. Heutzutage werden die Betondecken voninnen nach außen durchgeführt. Diese Konsolen sind also nur noch Zierrat. Da ist nichts mehr echt. Da wird etwas zitiert, was heute nicht mehr so gebaut wird.

Könnte man das als misslungen bezeichnen?
Was heißt misslungen… es ist nicht echt! “Schönheit ist der Glanz des Wahren” – das Zitat stammt von Thomas von Aquin. Was echt ist, was ich begreifen kann, was eine innere Wahrheit hat, ist schön. Was gefaked ist, ist nicht schön. Das hier ist nur noch historisierender Schnickschnack.

Noch vor dem Ende der Katharinenstraße kommen wir auf die Neugestaltung des Brühl zu sprechen. Jetzt ist der Blick noch frei bis zum Goerdelerring. Wenn auch schon die ersten Baufahrzeuge in einer Mondlandschaft die kommende Veränderung ankündigen. Aber wird man in ein paar Monaten durch die auf beiden Seiten bebaute Katharinenstraße auf eine weitere Häuserfront zulaufen?

Schulz: Auch hier ist die Intention der Architekten, die gigantische Baumasse so zu brechen, und sie, angelehnt an die ursprüngliche Parzellengröße, in verschiedene Hausabschnitte aufzuteilen. An diese Aufgabe gehen die Architekten jedoch sehr zeitgemäß heran. Ich bin sehr gespannt. Ich bin zuversichtlich, denn für diese Aufgabe hat die Stadt die besten Architekten gefunden.

Wir können uns also darauf freuen?
Ja, ich glaube schon.

Am Brühl kommen wir nicht vorbei, ohne nicht auch kurz den vehementen Kampf einiger Leipziger für den Erhalt der historischen Fassade anzuschneiden. Eine Fassade, die erst durch Demontage der Blechverkleidung zum Vorschein gekommen war. Mittlerweile steht nur noch ein kleiner Rest der Fassade recht verloren inmitten der Baustelle.

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Mondlandschaft am Brühl.Foto: Ute König

Der Brühl ist ein gutes Beispiel für einen Kampf um den Erhalt des Alten.
Da muss ich aber die Frage stellen: Was verleiht diesem Ort mehr Identität? Die alte Fassade – die ich vorher noch nie gesehen habe, die Sie vorher noch nie gesehen haben – oder die wunderschöne Blechfassade? Entwerfen heißt entscheiden. Das heißt auch, ich muss mich immer für die bessere Qualität entscheiden. Und die deutlich höhere Qualität hatte für mich – und ich glaube auch für die Mehrheit der Leipziger – die Blechfassade. Die Blechbüchse ist im Stadtbild verankert und gehört hierhin.

Die Menschen verbinden mit einzelnen Gebäuden sehr viel, hängen oft emotional daran – Altes abzureißen, fällt schwer.
Ja klar. Aber Architektur ist eine Wissenschaft, eine Kunst, die nach vorne schauen muss. Aber eben auch eine Kunst, der wir nicht aus dem Weg gehen können. Ein Buch können sie kaufen oder nicht. In einem Museum können sie einfach zum nächsten Bild weitergehen. Aber wenn Sie sich eine Jacke kaufen wollen, dann müssen sie wohl oder übel in so ein Haus rein. Man kann sich der Architektur nicht entziehen.

Und deshalb möchte auch jeder mitreden.
Weil die Architektur eine so gebräuchliche Kunst ist, ist sie auch sehr populär. Bei Architektur meint jeder, mitreden zu können. Weil jeder irgendwo wohnt, weil jeder irgendein Haus benutzt. Und so geht auch ein Jeder protestieren, weil er meint, ein Bahnhof in Stuttgart funktioniere nicht. Jeder kann sagen, die neue Paulinerkirche ist schön oder nicht. Jeder kann darüber schreiben – oder meint es zumindest. Aber niemand würde zum Beispiel sagen, eine Herzoperation eines Arztes war falsch, die hätte man eventuell schneller oder besser machen können. Das ist ein bisschen das Problem, mit dem wir Architekten zu kämpfen haben.

Wie stehen Sie zum Thema Denkmalschutz?
Hier gilt der Satz: Ausnahmen bestätigen die Regel. “Regel” heißt hier, Denkmäler sollte man grundsätzlich erhalten, diese sind wichtige gesellschaftliche Zeugnisse. Meißener Porzellan würde man zu Hause ja auch nicht einfach wegwerfen, nur weil man mehr Platz im Schrank braucht. Aber wenn es aus stadtplanerischer Sicht oder wegen der Verkehrsinfrastruktur ganz spezielle Gründe gibt, oder wenn funktional bessere Architektur benötigt wird, dann muss man abwägen: Ist es sinnvoller, das Denkmal um alles auf der Welt zu erhalten oder ist das Neue für die Funktion der Stadt nicht besser? Das bedeutet aber auch, dass das Neue architektonisch, gestalterisch besser sein muss. Das sollten aber Ausnahmen sein. Grundsätzlich möchte ich sagen: Finger weg von Denkmälern, denn man kriegt sie nicht wieder.

Auf Höhe Hainstraße wenden wir uns wieder Richtung Innenstadt – auf der mit Baum und Graswildwuchs brachliegenden Ecke gegenüber sieht der Architekt auch schon zukünftigen neuen Geschäftsraumman stelle sich nur vor, dem shoppingfreudigen Stadtbesucher erschließe sich dann eine durchgehende Einkaufsmeile von der Petersstraße über Markt und Hainstraße bis hinunter zum Brühl. Für heute lassen wir das aber links liegen und wenden uns schräg rechts in die Große Fleischergasse und nutzen die Strecke als Verbindung zum Martin-Luther-Ring. Bis dahin ließe sich Ansgar Schulz zu fast jedem Gebäude eine Erklärung entlocken und hier wie schon zuvor ändert sich plötzlich unser Blick auf die gewohnten Fassaden. Ein Touristenbus schiebt sich durch die dank Baustelle verengte Straße und wir fragen unsunbeantwortetwelches Bild von Leipzig diesen Besuchern wohl gerade präsentiert wird – und was ihnen nicht gezeigt wird. In diese entlegene und wenig attraktive Ecke werden sie wahrscheinlich nur gekarrt, um sich ein Bild von der ehemaligen Stasi-Zentrale zu machen. Ein Gebäude, dem im Auge des Architekten der Abriss nicht schaden würde. Aber nun wollen wir zunächst über zukünftige Projekte der Architekten sprechen – gerade läuft der Wettbewerb für die Gestaltung des Martin-Luther-Ring 10, gleich neben dem Stadthaus.

[simage=17,200,y,left,both]Was ist entscheidend, damit Sie sich an einem Wettbewerb beteiligen?
Der Reiz der Aufgabe. Und im konkreten Fall des Wettbewerbs Büro- und Geschäftshaus Martin-Luther-Ring 10 in Leipzig ist es diese stadträumlich markante Ecke, die mich, seit ich den ersten Tag in Leipzig war, immer fasziniert hat. Hier merkt man einfach: Da fehlt noch was. Das Lösen des letzten Bausteins war hier die Herausforderung. Wir haben versucht, das zu beantworten, indem wir diesen Baustein mit unserem Entwurf sehr selbstbewusst gesetzt haben. Als ob das Stadthaus drauf gewartet hat. Nach dem Motto: Das Beste kommt zum Schluss. Vom Autoverkehr her ist diese Stelle außerdem eine der belebtesten der Stadt. Hier kann man eine Architektur präsentieren, die ruhig ein wenig großstädtischer wirkt. Andere Stellen in Leipzig sind sensibler, aber diese Ecke verträgt das ganz gut.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Leipzig?
Die schönste Stelle Leipzigs ist die Karl-Liebknecht-Straße am Südplatz, wo das Killy-Willy und die naTo sind, gegenüber die Apotheke und auf der anderen Seite der Inder und die Dönerläden. Dort sieht man, wie Leipzig funktioniert und wie Leipzig wirklich ist: etwas ungeordnet, aber immer spontan. Leipzig ist keine Stadt für die Postkarte wie Dresden. In Leipzig ist irgendwo immer ein kleines bisschen Unordnung. Und das finde ich sehr reizvoll.

Was hat Sie nach Leipzig gezogen?
Die Arbeit am Wettbewerb für den Hauptbahnhof. Und als wir zum ersten mal hier waren und auch die ganzen Baustellen gesehen haben dachten wir: Das ist unsere Stadt, da müssen wir hin!

Inzwischen gehören Baustellen ja schon zu Leipzig.
Und das ist schön! So sieht man, dass sich ständig etwas tut. Eine Stadt, die ständig im Wandel ist, braucht doch Baustellen.

Also sehen Sie noch Potential in der Stadt?
Natürlich. Leipzig hat noch viele Flächen, die entwickelt werden können. Im Graphischen Viertel zum Beispiel steckt unheimlich viel Potential – letztendlich auch als Verbindung zum Leipziger Osten. Solange das Graphische Viertel nicht richtig funktioniert, wird es auch schwer, die Stadträume weiter östlich zu entwickeln. Aber die Stadt arbeitet schon daran, wie die Wege dorthin inszeniert werden könnten. Darüber hinaus verfügt die Ostseite vom Hauptbahnhof über weiteres Potential. So findet man immer noch irgendwo etwas, was bebaut werden kann, ohne dabei allzu weit aus dem Zentrum heraus gehen zu müssen. Die Verdichtung ist noch ganz einfach möglich.

So einfach wie die Verdichtung von Motorraum, scheint die Stadt an dieser Stelle spontan einzuwerfen, wo eben zwei Autos unsanft miteinander kollidiert sind. Nur Blechschäden, sei zur Beruhigung gesagt und das Thema dann doch nochmal aufgegriffen.

Wieviel Verdichtung muss innerhalb der Stadt überhaupt sein?
Zu einer ordentlichen Verdichtung gehören natürlich auch die passenden Freiräume. Es wäre ja schrecklich, wenn die ganze Stadt so dicht bebaut wäre wie die Petersstraße. Wenn ich durch verdichtete Wege, Straßen und Gassen gehe, muss sich auch irgendwann mal ein Freiraum auftun. Dieser kann dann unterschiedliche Charaktere haben: eine Grünfläche, oder aber ein städtischer Platz, der unterschiedlich bespielt wird. Ein solcher Freiraum kann auch fließend sein, wie an der oberen Karl-Liebknecht-Straße.

Wir gehen zu der Stelle, für deren zukünftiges Aussehen Schulz und Schulz vor rund einem Jahr den Gestaltungszuschlag bekamen:

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Heute noch Hundewiese, bald Standort der neuen katholischen Kirche.Foto: Ute König

Über die Wiese gegenüber des Neuen Rathauses freuen sich heute noch Hunde, bald wird hier die neue katholische Kirche gebaut. Wo wir nun stehen bleiben und uns Details der Planung erklären lassen, wird später der Altarraum sein.

Hier ist jetzt noch jede Menge Freiraum.
Da wird auch später noch ein Freiraum sein, nämlich der Pfarrhof. Das gehört dazu. Uns war beim Entwurf ganz wichtig, dass wir die Kirche nicht einfach – “baff” –auf den Platz setzen, sondern ein entsprechender Hof dazukommt. Das Gebäude der Propsteikirche soll zudem im Stadtgefüge beheimatet sein, sich aus der Umgebung heraus entwickeln – und nicht wie ein „katholisches UFO“ landen. Ich würde mich als Architekt freuen, wenn die Kirche nach einem halben Jahr wahrgenommen wird, als würde sie hier schon hundert Jahre stehen. Das ist für mich selbstverständliche Architektur – aber eben ohne den Rückgriff auf eine Formensprache, die so aussieht, als ob sie hundert Jahre alt wäre.

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Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

Veröffentlicht unter: 27. Ausgabe, 05.11.2010, Claudia Laßlop, Gespräche, Ute König · Etiketten: , , , , , , , ,

3 Antworten zu "„Immer irgendwo ein kleines bisschen Unordnung“"

  1. Basti sagt:

    unglaublich, daß die stadt wieder um einen betonklotz reicher wird. ich frage mich, wie der architekt auf die idee kommt, daß man sein projekt innert eines halben jahres ‘als würde sie hier schon hundert jahre stehen’ bezeichnen soll. zerstört weiterhin diese schöne stadt und vernichtet das, was den reiz an der architektur dieser stadt ausmacht: alte gemäuer und freiräume…

  2. Martin Jungwirth sagt:

    Unglaublich, da fällt einem kaum noch was zu ein. Architekten wie Ansgar Schulz mit ihrem egoistisch-abstrakten Zugang zu Architektur, losgelöst von jeglicher Ganzheitlichkeit und Sensibilität, sind verantwortlich dafür, dass unsere deutschen Städte fast sieben Jahrzehnte nach der Zerstörung immer noch voller offener Wunden und unruhigen Dissonanzen geprägt sind. Arrogant-ignorante Modernisten mit ihren veralteten Theorien machen unsere Städte immer austauschbarer und entfernen sie immer weiter von ihren Wurzeln. Regionale Bautraditionen spielen keine Rolle mehr, Architektur wird als global austauschbares Abstraktum behandelt, die so dringend notwendige identitätsstiftende Regionaltypik spielt keine Rolle.

  3. Martin Jungwirth sagt:

    Zitat Ansgar Schulz: “aber eben ohne den Rückgriff auf eine Formensprache, die so aussieht, als ob sie hundert Jahre alt wäre.”

    Aber mit dem Rückgriff auf 50 Jahre alte Nachkriegsarchitektur und noch ältere Form-follows-function-Dogmen hat der Herr Schulz anscheinend keine Probleme.

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