André Herrmann und die Sache mit dem Keks

André Herrmann ist Poetry Slammer. Er ist, wie er von sich selbst sagt, geboren, aufgewachsen und wurde seit dem immer größer. Als er 2007 wegen seines Studiums nach Leipzig zog, fing es an. Er verlor eine Wette, seitdem slammt er, mal allein, mal im Team – 2008 gründete er mit Julius Fischer das Team Total Zerstörung. André ist außerdem Mitglied der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz – Poetry Slam jeden 3. Freitag im Monat in der Wärmehalle Süd. Wenn er nicht gerade hier in Leipzig ist, fährt er umher und sammelt Siege bei den Poetry Slams Deutschlands. Zwischendurch studiert er Politikwissenschaft und wächst weiter. Und hatte dabei auch Zeit, sich mit uns zu unterhalten.

Ein Interview von Franziska Gaube, Claudia Laßlop und Ute König

Erstmal ganz zu Anfang – was ist Poetry Slam?
Das ist ein Dichterwettstreit, bei dem Leute mit selbst geschriebenen Texten gegeneinander antreten. Vom jeweiligen Slam hängt es ab, welches Zeitfenster man bekommt, meist sind es zwischen fünf und sieben Minuten. Und dann stimmt das Publikum ab, wer weiter kommt oder wer gewinnt. Für die Abstimmung gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, z.B. eine Jury oder Pfennige, die man in Urnen mit einem Foto der jeweiligen Leute wirft.

Warum machst du sowas?
Mitteilungsbedürfnis? (lacht) Nein, bei mir hat das angefangen, als ich es noch so gut wie gar nicht kannte. Ich bin 2007 hierher gezogen und war bei einem Slam. Das hat mir ganz gut gefallen. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber ich habe mit einer Freundin darum gewettet, ob ich da mitmache oder nicht. Ich habe verloren und dann hat das hat gleich beim ersten Mal geklappt und ich blieb dabei.

Gehört Deine Bierflasche zur Performance?
Das ist gleichzeitig Schmuck wie Mittel. Und hilft natürlich wunderbar, die Aufregung ein wenig zu nehmen, gibt so ein bisschen Sicherheit.

a.herrmann2

André Herrmann

Du bist ja sehr viel unterwegs – wie lang sitzt Du so im Zug?
(nach einigem Rechnen) Einen halben bis ganzen Monat im Jahr.

Und wie verbringst Du diese Zeit?
Meistens mit Schlafen, weil ich auf der Hinfahrt müde bin und auf der Rückfahrt erst recht, weil ich mir angewöhnt habe, sehr früh los zu fahren, damit ich schneller zuhause bin und lieber zuhause schlafe als in irgendeinem Hostel.

Möchtest Du das Dein ganzes Leben machen, bzw. was willst Du werden, wenn Du mal groß bist?
Ich werde das, glaube ich, nicht mein ganzes Leben lang machen. Der Plan ist, erstmal fertig zu studieren – und dann mal kucken. Manche haben ja richtige Vorstellungen, Volontariat und ähnliches. Ich könnte mir vorstellen, bei Mixed Shows mitzumachen – dass verschiedene Leute auftreten wie zum Beispiel bei Night Wash. Aber ich fände es auch gut, wenn ich nur vom Zuhause-am-Schreibtisch-Sitzen leben und in Ruhe schreiben könnte. Oder nach dem Master in Politik auch noch ein Doktor.

Wenn du von Schreibtischarbeit redest, meint das dann auch Haus, Hund und Orangensaft zum Sonntagsfrühstück?
Ich mag Frühstück nicht so gern, und wenn du auf das kleinbürgerliche Leben hinaus willst – ich glaube nicht.

Bist Du Leipzig-Fan?
Ja.

Was müsste passieren, dass du Leipzig hassen würdest?
Die Stadt müsste durch die U-Bahn einstürzen. Man müsste mich mit Fackeln vor die Stadttore treiben. Oder die Stadt müsste extrem hässlich werden. So, dass überall Leute herum laufen, mit denen ich nicht kann oder wenn die Südvorstadt einstürzen würde, wenn es das Metropolenhafte in einer relativ kleinen Stadt nicht mehr gäbe – wenn Leipzig zu Dresden mutieren würde und man plötzlich ewig weit fahren müsste.

Funktionieren Deine Texte über Leipzig auch außerhalb oder bringst Du die dann gar nicht?
Die bringe ich meistens nicht. Wenn es wirklich einen so starken Bezug hat wie die Konsum-Texte, lese ich die nirgends anders vor. Ich hab die mal in Dresden gelesen, weil es da auch einen Konsum gibt, aber schon wenn es um bestimmte Leute geht, die man nur in Leipzig kennt, macht das keinen Sinn. Aber ich habe auch andere Sachen, die man einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb Leipzigs zeigen kann.

Hast Du eine Schreibzeit?
Nein, das wäre schön und ich habe auch immer versucht, mir das anzugewöhnen, aber das klappt überhaupt nicht. Das hängt meistens davon ab, dass ich mir generell viel aufschreibe und das kommt eigentlich immer von ganz allein. Irgendwann fügt sich alles zusammen und man kann was schreiben. Es ist dann nur noch Zusammenbauen und etwas dazwischen schreiben.

Du feilst also nicht ewig an einem Text?
Doch, heute habe ich das gemacht. Mich hingesetzt und geschrieben, weil ich bis morgen noch was fertig bekommen muss. Das ist ziemlich schwer. Aber das ist auch ein gutes Druckmittel. Gerade bei der Lesebühne weiß man ja – das ist einmal im Monat und bis dahin muss ich zwei Sachen haben. Das ist ein guter Antrieb. Und man will ja an dem Abend auch nicht der mit dem schlechtesten Text sein.

Erlebst Du Situationen, zu denen Dir eine Beschreibung sofort einfällt?
Das ist immer das Perfekte, wenn das Erlebte soviel hergibt und es nur noch eine Sache des Aufschreibens ist. Das kommt vor, aber selten. Sonst ist es viel Sammeln, kleine Sachen, die man erlebt. Eine Zeit lang habe ich zum Beispiel mal Briefe bekommen, die nicht an mich adressiert waren und dann baut man noch andere Sachen drum herum und hat am Ende einen fertigen Text.

Gibt es Tage oder Zeiten, an denen gar nichts geht?
Zustände, ja. Wenn man am Tag zuvor total betrunken war oder unglaublich müde. Oder die ganze Zeit nur rumfährt. Die unproduktivsten Zeiten sind die, in denen ich viel unterwegs bin.

Liest Du selbst gern oder viel?
Ich versuche, viele Sachen zu lesen, die nichts mit meinem Studium zu tun haben. Das klappt manchmal eher schlecht, aber generell lese ich gern und viel.

Und liest Du Bücher zu Ende?
Ich versuche es, aber ein paar habe ich nicht zu Ende gelesen. Zum Beispiel Kafka am Strand von Haruki Murakami. Ich habe wahrscheinlich mit dem falschen Buch von ihm angefangen, aber das hat mich überhaupt nicht gekriegt und überhaupt nicht interessiert.

Und was ist mit Klassikern?
Manchmal ja, aber eher neue Sachen. Man liest ja auch viel von Kollegen – die schreiben ja alle Bücher-, damit man mitreden kann. Und sonst eher nicht-goethe-mäßige Klassiker, Dostojewski lese ich gern.

Was hat es mit dem Team Totale Zerstörung auf sich?
Julius Fischer hatte mich im Frühjahr 2008 gefragt, ob wir beim Slam als Team antreten wollen. Wir haben zwei Texte geschrieben und vor dem Auftritt fehlte uns noch ein Name – und weil Endsieg politisch schlecht besetzt ist, wurde es das Team Totale Zerstörung. Das ist auch ein total krasser Name und passt wunderbar zu unserem Image in der Slam-Szene. Wir sind die Gangster, durch den Poetry Slam schon moderater als echte Gangster, aber von den halbwegs Normalen dort sind wir die Krassesten.

Und gibt es etwas, was du total zerstören wollen würdest?
(überlegt lange) Ich würde nichts zerstören, eher was drauf bauen.

a.herrmann3

André Herrmann

Was würde Leipzig ohne Dich machen?
Untergehen? Nein. Traurigerweise würde wahrscheinlich alles so weiter gehen wie bisher. Aber ich würde mir wünschen, dass man eine Statue auf dem Innenhof der Uni errichtet, direkt auf Leibniz, denn ich reiße ja nichts ab, sondern baue drauf. Auf den Schultern von Leibniz. (überlegt nochmal) Ich würde mir wünschen, dass sich wenigstens jemand fragt, wo ich bin. Dass vielleicht ein Street Artist an die Wände sprüht ‘Was ist eigentlich mit André?’ In den USA gab es mal einen Künstler, der hat Aufkleber gemacht mit ‘who the fuck is jimmy’ oder so ähnlich und die überall angeklebt. Es hat sich eine Bewegung entwickelt, die gefragt hat, wer dieser Mensch ist. So etwas hätte ich gern – dass irgendwann der Oberbürgermeister erklären muss, warum ich nicht mehr da bin.

Weiß der Oberbürgermeister, dass Du da bist?
Ich habe ihn vor drei Wochen das erste Mal gesehen, bei einer Demo, da ist er an mir vorbei gelaufen und hat mich keines Blickes gewürdigt. Das war traurig. Aber ich habe mich gefreut, ihn mal in natura zu sehen.

Wir schicken ihm das Interview und Du könntest ihn jetzt hier grüßen.
Ja, dann sei er hiermit herzlich gegrüßt.

Es gibt ja Bücher über Poetry Slam. Geschrieben wirken die Texte ja ganz anders.
Das ist ein großes Problem der ganzen Szene, dass man noch nicht so richtig rausgefunden hat, wie man die Sachen transportiert. Es gibt Sachen, die funktionieren gut auf Papier. Vorrangig Prosa. Lyrik auch, aber der Lyrik fehlt geschrieben schon ganz viel. Zu den Büchern von Voland & Quist gibt es eine CD dazu. Das ist ein guter Schritt. Aber ich finde bei der CD fehlt immer noch das Auftreten und selbst wenn man ein Video sieht, fehlt das „Dabei Sein“. Aber deswegen kann man sich den Menschen auch nicht immer holen und die ganze Atmosphäre drum herum bauen.

Hast du andere Lieblingsstädte?
Marburg ist ganz toll. Der Organisator, Lars Ruppel, ist seinen Gästen jedes Mal ein fantastischer Gastgeber. Er wohnt in einer 9er-WG. Die haben ein komplettes altes Fachwerkhaus, mitten in der Innenstadt. Dort wird man sehr familiär aufgenommen. Ansonsten mag ich es immer da, wo es gut organisiert ist. Wo man nicht unbedingt mit der Isomatte auf dem Boden schlafen muss. Obwohl das auch seinen Charme haben kann. Hamburg ist auch ganz toll. München auch. Eigentlich kann man sich darauf verlassen, dass das in allen großen Städten ganz toll organisiert ist. Weil sie das Publikum haben, geben sie sich viel Mühe. Leipzig ist natürlich mein Lieblingsauftrittsort. Da kennen mich die Leute, hoffe ich, und ich kann ich in meinem Bett schlafen, das ist am schönsten.

… und dann fährst du rum und sammelst Preise ein.
Na ja Preise. Ich würde einen Sieg bei einem Slam nicht als Preis bezeichnen.

Warum, ist das so normal?
Nein, gar nicht. So häufig ist es nicht. Ich würde es nur nicht als Preis bezeichnen, weil ich die Veranstaltung nicht als so bedeutend empfinde. Wenn ich den Ingeborg-Bachmann-Preis, oder den Open-Mike Preis gewinnen würde, dann wäre das ein Preis. Der einzige Preis, den ich gewonnen habe, war der Michael Lindner Preis.

Und was wäre das größte Schulterklopfen?
Open Mike oder Bachmann Preis. Da sehe ich mich am wenigsten ins Bild der Preisträger passend. Das fände ich nett.

Wie ist der Austausch unter den Lesebühnen?
Die Dresdner Lesebühne Sax Royal lädt sich oft Leute aus ganz Deutschland ein. Wir nicht so oft, weil wir das Geld nicht haben und die Leute sollen zumindest kostenlos hier ankommen. Wir würden gern, sehr gern, aber zurzeit beschränkt es sich noch darauf, dass jemand zur Lesebühne kommt, wenn er gerade zufällig in der Stadt ist.

Wie kam es zur Gründung eurer Lesebühne Schkeuditzer Kreuz?
Ich glaube, aus dem Mangel einer Lesebühne, in dem Sinne, in dem wir sie verstehen, heraus. Und ich wurde gefragt, ob ich mitmachen will. Eine Lesebühne funktioniert für uns nach dem – ich nenn’ es mal – Berliner Muster. Da treffen sich wöchentlich, bei uns monatlich, die gleichen Leute in einer Kneipe, lesen dort vor Publikum und tauschen sich untereinander sehr viel aus. Das wollten Hauke von Grimm und Kurt Mondaugen einfach auch in Leipzig machen. Julius hatten sie auf dem Schirm und der meinte, dass ich noch mitmachen soll. Dann haben wir einfach angefangen.

Was muss man so machen, als Lesebühnenbesitzer?
Ich muss immer Geld holen, für den Einlass. 50 € in 1 € Stücken. Dann muss ich meine Geldkassette, in der die ganzen Notizbücher sind, ausleeren, um damit das Geld zu transportieren. Dann muss man eineinhalb Stunden vorher da sein, Stühle aufstellen, Mikrophone testen. Und ich darf das Gästebuch nicht vergessen. Das hat mir schon oft noch mal eine Fahrt nach Hause beschert hat. Dann muss man vielleicht noch moderieren und zwei Texte haben und die vorlesen. Ach, und die Stempel, an der Kasse … falls wir einen Stempel haben. Nicht viel eigentlich. Man muss sich nur ausdrücken wollen und Freunde haben, die das auch wollen und dann sollte man es schaffen, einmal im Monat am selben Ort zusammen zukommen.

War das schon immer in der Wärmehalle Süd?
Es war früher mal im Horns Erben, dann sind wir in die Wärmehalle umgezogen. Sollten wir jetzt unglaubliche Besucherströme erleben, ziehen wir ins Werk II um (muss dann doch lachen). Nein, Spaß. Aber sollten plötzlich monatlich 400 Besucher kommen, dann müssen wir wohl umziehen. Aber ich glaube nicht, nicht so schnell. Wir würden gern in der Südvorstadt bleiben, weil wir glauben, dass hier das am meisten vorleseaffine Publikum wohnt. Aber man findet sehr schwer eine Location, die zwischen 150 und 250 Menschen aufnehmen kann. Entweder ganz groß oder ganz klein.

Gab es schon so richtig schlechte Auftritte, bei denen Dich das Publikum vor die Tür gekehrt hat?
Nein, das gar nicht. Aber es gab schon Auftritte, bei denen so gar nichts ging. Da saß das Publikum da, ohne Regung, ausdruckslos: „Ja, Du liest aber schön vor.“

Krisenbewältigung?
Man ist fünf Minuten enttäuscht und dann muss man sich einreden, dass es eigentlich vollkommen egal ist, weil die Veranstaltungen nicht weltbewegend sind. Ich hab es mittlerweile ganz gut drauf, mir das nicht so sehr zu Herzen zu nehmen. Wenn man so viel unterwegs ist, merkt man auch, dass nicht alle Sachen in alles Städten gleich gut ankommen.

Was geht in Leipzig gut?
In Leipzig geht ziemlich viel gut. Solange es gut gemacht ist. Hier gewinnen Leute mit ganz ernsten Gedichten, aber auch Leute mit lustigen Geschichten, in denen keine große Tiefgründigkeit mitschwingt.

Ist Leipzig besser als Berlin?
Nein, finde ich nicht. Aber einfach ganz anders. Durch die Südvorstadt kann man in einer halben Stunde durchlaufen. Durch Friedrichshain zum Beispiel kommt man so schnell wahrscheinlich nicht. Aber in Berlin funktioniert sehr viel Lustiges. Eigentlich funktioniert in Berlin erst recht alles!

… und in Halle?
Uh. Ich war schon lange nicht mehr in Halle. Aber dort wurde ich eigentlich immer ganz gut aufgenommen. Mein Halletext kam sehr gut an. Selbstironie haben sie.

a.herrmann_u_der_keks

Der Keks

Hast du Lieblingsthemen?
Wenn sich Leute zu ernst nehmen, karikiere ich das sehr gern. Wenn mir jemand erzählt, er hat am Wochenende keine Zeit, weil er dir ganze Zeit lernen muss, dann würde ich ihn wahrscheinlich drei mal am Tag anrufen und fragen, ob er gerade lernt. Wenn jemand extrem übertreibt, würde ich das heraus fordern. Oder auch ganz absurde Sachen, die schon wieder eine gewisse Komik entwickeln. Zum Beispiel mal ein überfahrener Igel, der aussah als ob Leberwurst aus ihm herausquillt. Wenn man Situationskomik richtig schön verpacken könnte, dann würde man viel gewinnen. Aber das geht leider selten …

Antworte mal auf eine Frage, die du dir selber stellst. Ohne uns die Frage zu nennen.
(nach einiger Überlegung, trinkt seinen letzten Schluck Milchkaffee) Oh, ich hatte ja noch einen Keks.

Nach der Frage mussten wir nicht lang suchen.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

Veröffentlicht unter: Claudia Laßlop, Franziska Gaube, Gespräche, Redaktion, Ute König · Etiketten: , ,

Eine Antwort zu "André Herrmann und die Sache mit dem Keks"

  1. [...] Aber lest selbst: Ich und die Sache mit dem Keks [...]

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Archäologen wühlen in der Erde, auf der Suche nach Münzen oder Knochen; aller paar Jahre machen sie einen spektakulären Fund, ...