Mythos 116 – ein Experiment

Barockmusik und Neue Musik haben grundsätzlich wenig gemeinsam. Das Leipziger Ensemble Calmus will nun ein Mittel für eine Verbindung der Epochen gefunden haben: den Psalm 116. Wie das funktioniert, zeigen die Sänger mit ihrem neuen Programm „Mythos 116“, das es am 17. September zum ersten Mal in Sachsen und auf CD zu hören gibt.

Von Ute König

Das Calmus Ensemble: Joe Roesler, Tobias Pöche, Ludwig Böhme, Anja Lipfert, Sebastian Krause (v.l.)Foto: Calmus
Das Calmus Ensemble: Joe Roesler, Tobias Pöche, Ludwig Böhme, Anja Lipfert, Sebastian Krause (v.l.)Foto: Calmus

„Halleluja“ tönt es zum wiederholten Male in der Leipziger Lutherkirche. Das Vokalensemble Calmus steckt mitten in den Aufnahmen seiner neuen CD. Kurze Analyse: Dieses Halleluja muss kürzer sein – für den besseren Klang. Hier müsste es ein wenig lauter werden, dort noch akzentuierter. Abwarten bis sich die Vögel draußen beruhigen, dann den Abschnitt noch einmal von vorn.

Das Halleluja gehört zu Johann Herrmann Scheins Psalmvertonung „Das ist mir lieb“ und diese wiederum ist Teil von „Mythos 116“. Im vergangenen Jahr stieß Ludwig Böhme, Bariton des Ensembles, bei der Suche nach neuem Repertoire auf Scheins Vertonung des Psalms 116 und damit auf die Sammlung „Angst der Hellen und Friede der Seelen“ von Burckhard Grossmann. Grossmann war Kaufmann und Musikliebhaber aus Jena. Im Jahr 1616 vergab er Kompositionsaufträge zur Vertonung des 116. Psalms an 16 Komponisten aus Mitteldeutschland, darunter bis heute bekannte Meister wie Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein, Michael Praetorius oder Melchior Franck. Grossmann gab die Sammlung in den Druck, Beachtung schenkte man ihr im Laufe der Jahrhunderte jedoch immer weniger. Und ob mystischer Hintergrund oder einfach nur Zufall – die Häufung der Zahl 16 lässt sich auch nach knapp 400 Jahren nicht eindeutig erklären.

Altes nicht nur entstauben

„Ich war sehr angetan von der Musik und auch ein wenig überrascht, dass so bekannte Komponisten an dieser relativ unbekannten Sammlung mitgewirkt haben“, erzählt Ludwig Böhme. Eine Auswahl der Psalm-Vertonungen sollte daraufhin den Weg ins Repertoire von Calmus finden. Doch nicht einfach nur so. „Wir wollten nicht nur Altes entstauben, sondern der alten Musik neuen Zeitgeist verleihen“, erklärt Ludwig Böhme. So vergaben die Leipziger Sänger im vergangenen Jahr zwei Kompositionsaufträge – ganz nach Grossmanns Vorbild an zwei Komponisten, die ebenfalls aus Mitteldeutschland stammen, und die sich nach Ansicht des Ensembles „würdig“ zwischen die alten Meister reihen lassen: Bernd Franke und Steffen Schleiermacher. Vorgabe für beide Komponisten: die Vertonung des 116. Psalms, aber selbstverständlich zeitgemäß.

Allein die Namen versprechen einen deutlichen Kontrast zu den alten Meistern. Zweifel bei finanziellen Förderern blieben glücklicherweise aus. Die Verknüpfung alter mit neuer Musik überzeugte die Schering Stiftung sowie die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, das Projekt finanziell zu unterstützen. Letztendlich zählt jedoch die Meinung der Zuhörer. „Wie das Programm vom Publikum angenommen wird, bleibt natürlich spannend“, gibt Countertenor Sebastian Krause zu. Immer wieder derselbe Text, dazu ein musikalischer Bogen, der fast 400 Jahre umspannt. „Mythos 116“ ist ein Experiment – das die Sänger aber gerne wagen.

Foto: Calmus
Foto: Calmus

Bei den eigenen Leistungen macht das Ensemble keine Experimente. Die Arbeit während der Aufnahmen gehen immer weiter ins Detail. Letzte Feinarbeit an am Schlussklang. „Das war jetzt ganz gut“, spricht‘s dann dumpf aus einem kleinen Lautsprecher. Was für den Aufnahmeleiter „ganz gut“ war, hat für normale Ohren längst nach mehr als dem geklungen. Aber eben nur perfekte Ergebnisse führen nach ganz oben.

Dorthin haben es die fünf Leipziger längst geschafft. Erfolgreiche Konzerte im In- und Ausland und ein ECHO Klassik beweisen es. 1999 wurde das Ensemble gegründet. Vier Thomaner waren der Ursprung, zu ihnen zählten bereits Countertenor Sebastian Krause und Bariton Ludwig Böhme. Die Besetzung der zweiten Ensemble-Hälfte wechselte dann im Laufe der Zeit. Mit Sopranistin Anja Lipfert stieß 2001 eine Frau dazu. Und schließlich komplettierten Joe Roesler (Bass) und Tobias Pöche (Tenor) 2005 und 2006 die heutige Besetzung.

Inzwischen konnten sich die Sänger ein breites Repertoire aneignen. Durch ihre Wurzeln im Thomanerchor ist die Musik Johann Sebastian Bachs fester Bestandteil. Neben Barockmusik umfasst es aber auch Renaissancemusik sowie romantische und zeitgenössische Musik. Die Voraussetzungen für „Mythos 116“ stimmen also. Was das Publikum von der praktischen Umsetzung hält, sollte sich dann am 11. Juni (11.6. !!) bei der Premiere im Berliner Dom zeigen.

Premiere im Berliner Dom

Eröffnet wird das Konzert mit dem Gregorianischen Choral über den Psalm, gefolgt von Heinrich Schütz‘ “Das ist mir lieb“. Bei den Vertonungen aus der Grossmann’schen Sammlung zeigt sich Calmus wie erwartet als Vokalensemble höchster Klasse.

Dann die Uraufführung von Steffen Schleiermachers „convertere anima mea in requiem tuam“. Das Notenbild unterscheidet sich kaum von der alten Musik, was schließlich klingt ist jedoch eindeutig zeitgenössische Musik. Ausgeprägte Klangfächer ziehen sich durch die ganze Komposition und reizen sämtliche Facetten des fünfköpfigen Ensembles aus. Für den Text verwendet der Komponist die lateinische Version des Psalms, wodurch er den Kontrast zwischen Alt und Neu zusätzlich verstärkt. Die Brücke schlägt Schleiermacher aber erfolgreich, findet auch das Publikum.

Auf Nicolaus Erich folgt Gänsehaut-Feeling bei Bernd Frankes „And why?“. Als variiertes Rondo wechseln innerhalb des Stücks polyphone Abschnitte, in denen die einzelnen Stimmen eigenständig verlaufen, mit wiederkehrenden homophonen Passagen. Franke verbindet diese Struktur mit dem Raum, indem die Sänger sich während der polyphonen Teile einzeln im Raum bewegen und sich für die homophonen Teile an bestimmten Punkten wieder zusammenfinden. Die beachtliche Akustik des Doms kommt diesem Kunstgriff voll entgegen und plötzlich mittendrin zu sein, bietet dem Zuhörer ein ganz besonderes Erlebnis. Das Publikum ist hingerissen.
Johann Herrmann Schein schließt das Konzert. Es folgt ausgiebiger Applaus, natürlich eine Zugabe und noch mehr Applaus. Damit wäre es bewiesen: Experiment „Mythos 116“ voll und ganz geglückt.

Weitere Aufführung von „Mythos 116“ und CD-Release: Samstag, 17. September 2011, 19.30 Uhr, Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Wurde 1983 in Stuttgart geboren, ist 2004 nach Leipzig ausgewandert, studiert dort seither Journalistik und Musikwissenschaft, machte 2008/2009 einen Abstecher in den hohen Norden für ein Volontariat in Cuxhaven und setzt nun alles daran, bald ihre Diplom-Urkunde übers Bett hängen zu können.

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