Durchs Kaninchen… äh, Schlüsseloch

Heute schon durchs Schlüsseloch geschaut, fragt www.stadtkarawane.de neckisch zur Begrüßung. Dahinter steckt die Idee einer außergewöhnlichen Stadtführung: Es geht darum, nicht Leipziger Sehenswürdigkeiten, sondern Persönlichkeiten kennenzulernen. Klappt ganz gut, sagt unsere Autorin.

Es ist halb sechs, als wir das Kelleratelier in der Lößniger Straße verlassen. Wir blinzeln ein wenig ins matte Nachmittagslicht, richten die Blicke bemüht ernst auf die Fahrradschlösser und biegen schiebend um die Ecke. Dann lacht die Erste erleichtert los.

11:45 Uhr – Anja

Als ich die Frau mit Fahrradtasche und orange-roten Haaren in der Auguste-Schmidt-Straße das erste Mal treffe, sieze ich sie noch: „Wollen Sie auch zur Stadtkarawane?“ Sie nickt. Minuten später sitzen wir nebeneinander auf der Couch im Zimmer einer Studenten-WG und nennen uns längst beim Vornamen. Silke arbeitet hier als Psychologin, erfahre ich, und lerne auch die anderen zwei Teilnehmerinnen kennen: Gabi, die schon seit 30 Jahren in Leipzig wohnt, und Jenny, die vor einem halben Jahr hergezogen ist. Touristen sind wir nicht gerade. Macht ja nix, sagt unsere Gastgeberin Anja Schyma. Schließlich gehe es darum, Leipzig auf eine etwas andere Art zu erkunden.

[simage=419,160,n,left,]Anja Schyma ist Kunstgeschichte-Studentin und eine der Organisatorinnen der Stadtkarawane. „Die Idee stammt eigentlich aus Rotterdam“, erzählt sie. „Eine Freundin von mir hat so eine Tour mal mitgemacht, das war aber richtig groß aufgezogen und teuer. Da haben wir uns überlegt, das in Leipzig auch umzusetzen, nur eben viel kleiner. Und nicht, um damit Profit zu machen, sondern um Menschen zusammenzubringen.“

Die Idee ist so einfach und gut, dass sie nur funktionieren kann: eine Stadtführung, bei der man nicht Sehenswürdigkeiten, sondern Menschen kennenlernt. Ausgerüstet mit einem Stadtplan, einem Zettel mit drei Adressen und unseren Fahrrädern sollen wir die Stadt, nein, die Menschen, erforschen. Im Laufe des Nachmittags erwarten uns ein Theatermacher, ein gemeinnütziger Verein und eine Künstlerin.

12:35 Uhr – Gareth

Pünktlich auf die Minute drücke ich den Zeigefinger auf „Ubiquity Theatre Company“ und lausche nach dem nicht zu hörenden Klingeln. „Du müsst den Fahstühl nehmen“, sagt eine Stimme. Schon durch den Lautsprecher klingt sie nach englischem Akzent. Gareth heißt der hagere Mann zur Stimme. Seine bräunliche Cordhose passt genauso wenig zum schwarz-grauen Streifenpulli wie die weißen Plastikstühle zu den Deckenstrahlern der Neubauwohnung – und doch passen sie zum Gesamtbild, irgendwie: Fleckiger Teppichboden, eine winzige Küche, weiße Masken an der Wand und passende Fotografien dazu, hinter einer Trennwand stapeln sich Ordner und Zettel auf einem Schreibtisch mit Computer. „Wohnst du hier?“ frage ich erstaunt. „Nein, nein“, kommt es zurück, „das ist unser Probenraum“. [simage=409,160,n,right,]

Seit sechseinhalb Jahren ist Gareth in Leipzig und bietet Theaterworkshops an, unter anderem im Gefängnis. [Kommt euch bekannt vor? Mir auch] Heute erzählt er erst einmal, wie er in Leipzig Deutsch gelernt hat: „Montag Flower Power, Dienstag StuK, Mittwoch Moritzbastei, Donnerstag Ilses Erika, Freitag Privatparty, Samstag nochmal Moritzbastei, Sonntag ausruhen.“ Und dann waren da noch die Englischkurse, die er für kleine Kinder gegeben hat. „Nach einem halben Jahr war mein Deutsch eine Mischung aus Kleinkinder-Deutsch und dem von Betrunkenen“, sagt er lachend und grammatikalisch fast fehlerfrei. Nur wenn er „du“ sagt statt „ihr“ verrät er noch seine Herkunft.

Was wir Gareth im Deutschen voraus haben, hat er im Theatermachen längst aufgeholt. Für seinen Workshop braucht er kaum elaborierte Worte. Wenn er uns als Schlangen oder Löwen durch den Raum schickt, zählt Bewegung, Körpergefühl, Entschlossenheit, und natürlich Spaß. Uns gefällt’s so gut bei Gareth, dass wir erst ein wenig später als geplant in den Leipziger Westen aufbrechen.

13:15 Uhr – Vöner und Bürger

„Schmeckt das gut“, schwärmt Silke, die – obgleich 25 Jahre älter – neben mir auf der Treppe eines Hauseingangs neben der Vleischerei sitzt. Wir sind der Empfehlung unseres Programmzettels gefolgt, haben uns vegetarisches Fast Food gekauft und verspeisen es wahrlich „fast“ zwischen Feinstaub und Lärm der Straßenkreuzung Karl-Heine/Zschochersche. Tischgespräch sind der Leipziger Zoo, die tollen Fahrradwege und meine Annahme, dass Manager-Trainings nur aus Pfützenkursen und Selbsterfahrungsseminaren bestehen. Psychologin Silke verneint.

14:40 Uhr – Stefan

[simage=416,160,n,left,]Nur fünf Minuten zu spät. Und schon fallen wir auf die nächste Couch. Diesmal im Erich-Zeigner-Haus, in einem „viel zu engen Raum“, wie Stefan sich etliche Male entschuldigt, bevor er über das redet, was ihn eigentlich bewegt: Sein Verein Forikolo baut Schulen in Sierra Leone, in Westafrika. Er spricht so leidenschaftlich, dass ich mir auch ohne die Bilder, die er mittels Beamer an die Wand wirft, vorstellen könnte, wie es dort aussieht. Bis 2030 wollen seine Mitstreiter und er, allesamt ehrenamtliche Helfer, 15 Schulen gebaut haben. „Die Kinder werden in halb zusammengebrochenen Hütten unterrichtet, die weg sind, sobald der Regen kommt. Das können wir einfach nicht ansehen“, sagt er und stattet uns mit Flyern, Buttons und Umsonstpostkarten aus, bevor wir gehen. Vielleicht wollen wir ja auch mal helfen.

15:58 Uhr – Tatiana

Das Atelier von Tatiana Petkova ist voll. Es ist eine Art Kellergewölbe mit drei Räumen, von der Lößniger Straße aus zugänglich, und es ist vollgestopft mit alten Holztischen und kleinen Kommoden, mit Druckerpressen, Leinwänden und Metallplatten, mit Pinseln, Farben, Stiften und Messern, mit alten Frischkäse-Plastikbechern und unzähligen Gläsern und Flaschen. Und Kunstwerken, überall. Drucke, Ölbilder, Aquarelle, Modelle, Büsten, Grafiken, Linolschnitte. Es ist so voll und so viel, dass nichts heraussticht oder in den Vordergrund tritt. Als hätte jeder Gegenstand im ständigen Kampf um die Aufmerksamkeit der Künstlerin schon genauso oft verloren wie gewonnen. Als könnte sie sich nie entscheiden, womit sie als nächstes arbeiten, was ihr übernächstes Projekt sein wird. Kann sie auch nicht, mag man glauben, wenn sie zu erzählen beginnt. Da springt sie von der Kindheit in Bulgarien zum schwierigen Leben als Künstlerin in einer Männerwelt und zurück zum Studium an der HGB und ihren Malprojekten mit Kindern. Es wird schwer, ihr zuzuhören. Um fünf blicke ich betont deutlich auf die Uhr, die Blicke der anderen folgen. „Wir müssten dann mal…“, beginnt Silke. „Aber jetzt hab ich euch gar nicht meine Sachen gezeigt“, erwidert Tatiana enttäuscht und verliert sich bei der Führung durchs Atelier erneut in ihren Ausführungen.
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17:28 Uhr – Wir

Eine halbe Stunde später haben wir es doch geschafft, der gesprächigen Bulgarin zu entkommen, und stehen uns erleichtert, aber etwas unentschlossen an einer Straßenecke gegenüber. „Wohin müsst ihr“, fragt Jenny und wendet sich nach Süden. Ich muss nach Norden, Silke und Gabi in den Westen. Seltsam, jetzt haben wir einen ganzen Nachmittag zusammen verbracht und werden uns vermutlich nicht wiedersehen. Wenigstens ein Fazit zum Abschluss?

„Es war sehr, sehr interessant. Ich hab vieles kennengelernt, was ich noch nicht über Leipzig wusste“, sagt Silke und Gabi stimmt zu: „Nur gut, dass wir mit dem Fahrrad gefahren sind, mit der Bahn hätten wir das wohl kaum geschafft in der Zeit.“ Und ich überlege die ganze Zeit, ob ich meine Eltern beim nächsten Besuch zur Stadtkarawane schicken soll. Soll ich?

www.stadtkarawane.de

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Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Dorothea Hecht, Geschichten

Eine Antwort zu "Durchs Kaninchen… äh, Schlüsseloch"

  1. [...] Durchs Kaninchen… äh, Schlüsseloch [...]

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