“Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?”

Goethe war Freimaurer. Wolfgang Amadeus Mozart, Gotthold Ephraim Lessing, Winston Churchill, Benjamin Franklin, Joseph Haydn, George Washington, Anton Phillip Reclam… Viele Persönlichkeiten der Geschichte waren Freimaurer. Und Freimaurer gibt es heute noch, auch in Leipzig.
Das überrascht Sie?
In unserem letzten Teil der Leipziger Glaubensgemeinschaften: eine kurze Abhandlung darüber, dass Freimaurerei keine Religion ist, was man als Freimaurer so im 21. Jahrhundert macht und darüber, dass es auch Freimaurerinnen gibt und schon fast immer gab.
von Franziska Gaube

NON NISI DIGNO

Über dem Eingang zum Tempelraum steht in goldenen Lettern geschrieben: „NON NISI DIGNO“, lateinisch für „Nur dem Würdigen“. Keine Frage, dass mir der Eintritt verwehrt wird. Sie sagen, sie sind kein Geheimbund, keine Weltverschwörung, kein Kaffeekränzchen und kein Debattierclub.

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Micheal Theis, Freimaurer und Gästebeauftrager der Loge "Minerva zu den drei Palmen" im Festsaal.

„Wir sind auch keine Religion – wir haben kein Dogma. Wir haben kein Heilsversprechen. Wenn Sie einer Religion angehören, können Sie keiner anderen angehören. Bei uns finden Sie Brüder, die sind christlich, andere haben einen muslimischen oder jüdischen Hintergrund. Sie finden auch Brüder, die gar keiner Kirche angehören. Uns interessiert es nicht“, sagt Michael Theis, Gästebeauftragter der Loge „Minerva zu den drei Palmen“. Fragen Sie einen Freimaurer, an was alle Freimaurer glauben, so wird man Ihnen wie folgt antworten: „Wir sprechen nie für andere Freimaurer, nur für uns selbst.“ Individualität und Pluralität zeichnen die Freimaurer aus. „Da Freimaurerei eine Lebenshaltung ist und über viele Jahre erworben werden muss, sie zudem individuell anders erlebt und gelebt wird, ist es schwer, allgemeingültige Antworten zu geben“, sagt Marita Gründler, Großmeistern der Frauen-Großloge von Deutschland.

 

„Gott würfelt nicht“ (Einstein)

Allen Freimaurern dennoch gleich ist die Überzeugung, dass ein höheres Etwas existiert. Das kann ein jeder für sich selbst Allah, Jesus, Buddha nennen oder es als abstraktes Prinzip verstehen. Denn der Mensch ist demnach nicht das Ende, das Höchste. Über ihm besteht etwas Größeres. Unter den Brüdern wird das „Baumeister aller Welten“ genannt. Mit den Worten von Michael Theis: „Die Welt, wie wir sie erleben, ist solch ein wunderbares Ding, das nicht einfach zufällig entstanden sein kann. Schon Einstein sagte ‚Gott würfelt nicht’“

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Treppenaufgang zum Tempelraum. Die alten Meister vom Stuhl der Loge zieren die Wand.

Theis trägt einen schwarzen Business-Anzug und ausgeprägte Geheimratsecken. Klaus Kieswimmer, Meister vom Stuhl der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ hat silberne halblange Lockenhaare, über einem weißen Hemd mit einer weißen Fliege trägt er ein Samt-Jackett mit goldenen Knöpfen. „Ach du hast dich ja schon schick gemacht, ich muss noch…“, sagt Michael Theis lachend, als Kieswimmer den Raum betritt. Die Freimaurerloge „Minerva zu den drei Palmen“ ist eine Villa in der Naunhoferstraße. Bis auf den Tempelraum darf ich mir alles ansehen. Der Festsaal ist bestückt mit Möbeln aus dunklem Holz, die Decke ist blutrot, der Teppich ozeanblau. die Tapete zieren florale Elemente. In den Fenstern sind die Symbole der Freimaurer eingesetzt, unter anderem das Winkelmaß und die drei Rosen. „Hier treffen wir uns zu den Gästeabenden, sitzen zusammen, hören Vorträge und unterhalten uns“, sagt Michael Theis. Im Eingangsbereich steht eine Glasvitrine mit dem, was auf neudeutsch wohl als „Merchandising Artikel“ bezeichnet werden könnte. Zum Beispiel ein Basecap oder Manschettenknöpfe mit dem Winkelmaß darauf.

Den Weg die Treppe hinauf begleiten Fotos der vergangenen Meister vom Stuhl. Einmal im Monat arbeitet man im Tempel. Wie genau das aussieht? „ Sie werden in Zeiten des Internet kein Problem haben, Rituale zu finden. Ob das immer das richtig oder das Aktuelle ist, ist eine andere Frage. Das Ritual lebt durch die Personen, die Art, wie das Ritual gestaltet wird und durch das Erleben. Der Text selber ist nichts Geheimes“, sagt Klaus Kieswimmer.

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Klaus Kieswimmer. Meister vom Stuhl der Loge Minerva zu den drei Palmen.

Ist ein Männerbund mit Geheimnissen überhaupt noch modern? Warum findet man sich in einer solchen Gruppe, unter solchen Umständen zusammen? „Ich kann wieder nur für mich sprechen – weil man auf der Suche ist nach einem intellektuellen Anspruch, aber auch nach einem Anspruch für das Herz. Man kann das Leben nicht nur verstandesgemäß regeln. Mann kann es aber nicht nur emotional regeln. In einer Loge finden Sie beide Seiten extrem gut berücksichtigt. Dieses besondere Gefühl, einer Gruppe anzugehören, in der man sich völlig öffnen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht, dass es von einem gegen einen verwendet wird. Aufgrund des gemeinsamen Wertekanons entsteht dieses Vertrauen untereinander“, erklärt Theis.

Katholische Freimaurer leben im Status der schweren Sünde.

Wir wenden uns wieder dem Gespräch über die Religionen zu. Es gibt Probleme mit der Katholischen Kirche und der Islamischen Liga, habe ich gehört? „Von unserer Seite haben wir kein Problem mit religiösen Gemeinschaften. Uns ist egal, welche Religion existent ist. Im Zweifel haben alle eine Existenzberechtigung, wir können und wollen auch nicht entscheiden welche, die wahre, die einzig gute ist.“, sagt Michael Theis. Von der anderen Seite kommt der Druck. Vor 1983 wurde ein Katholik, der den Freimaurern beitrat, exkommuniziert. Seit 1983 leben katholische Freimaurer ‚nur noch’ im Status der schweren Sünde. „Das ist die offizielle Meinung aus Rom, die sicher nicht in allen Teilen der Katholischen Kirche so gesehen wird. Vermutlich urteilen die Römer aus den Erfahrungen mit der Freimaurerei in den romanischen Ländern. Diese hat einen starken antikirchlichen Touch, welcher in der Freimaurerei in den germanischen Ländern nicht so ausgeprägt ist. Ich persönlich hätte deshalb ein eher entspanntes Verhältnis zu Freimaurern“, sagt der katholische Pfarrer Harald Kluge vom Bistum Dresden-Meißen.

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Die Doppeltür zum Tempelraum. Darüber steht in goldenen Lettern geschrieben: NON NISI DIGNO - Nur dem Würdigen

Feminin und liberal

Dem Vorurteil, Freimaurerei sei ein reiner Männerbund, stehen sowohl die Geschichte als auch die modernen Entwicklungen entgegen. Neben den gemischten Logen, in denen Frauen und Männer zusammen arbeiten, gibt es auch rein weibliche Logen. „Bekannt ist, dass es schon zur Zeit der Renaissance etliche Frauen gab, die in Logen arbeiteten. Das beweisen über einhundert Rituale, die im Rahmen der Ritualforschung an der Universität Heidelberg analysiert worden sind. Parallel gab es dazu immer auch rein maskuline, aber offenbar auch rein feminine Logen“, sagt Marita Gründler, Großmeisterin der Frauen-Großloge. Im 17. Jahrhundert wurden Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben und somit auch aus den Logen verdrängt. Erst nach dem zweiten Weltkrieg entstanden erneut gemischte und rein feminine Freimaurer Logen. In Deutschland gibt es bereits 370 Schwestern. Freimaurerinnen weltweit gibt es geschätzt etwa 50.000.

„Mein Leipzig lob ich mir.“ (Goethe)

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Die Zeitschrift Winkelmaß. Herausgegeben im Leipziger Freimaurer Verlag.

In Leipzig gibt es keine rein feminine Loge. Neben der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ gibt es noch zwei weitere Männerlogen: „Balduin zu Linde“ und die Loge „Apollo“. Aber es gibt die gemischte Loge „Neue Werkstatt“ mit neun praktizierenden Freimaurern. Des Weiteren finden wir einen Logenverein „Vesta zum heiligen Feuer“ und einen Freimaurerverlag.

Ivan Wojnikow, der 2011 den “Leipziger Freimaurerverlag” in Leipzig gegründet hat, sagt: „Ich denke, das Leipzig eine gute Basis für die Ideen der Freimaurerei bietet. Vor dem Verbot in der NS Zeit gab es in Leipzig 13 Logen mit rund 2.000 Mitglieder. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass Leipzig eine weltoffene Stadt ist. Durch ihre Tradition als Handelstadt sind Werte wie Toleranz und Offenheit in ihrem Wesen angelegt.“

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

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Eine Antwort zu "“Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?”"

  1. Sehr geehrte Frau Gaube,
    ein wirklich gelungener Artikel. Sie haben unser Gespräch authentisch wiedergegeben und wunderbar zugehört. Vielen Dank! Ich habe mir erlaubt nicht, nur die Brüder meiner Loge auf Ihre Website und den Artikel hinzuweisen, sondern auch unsere Gäste und viele Brüder anderen Logen.
    Noch eine Frage/Bitte:
    Würde den Artikel gerne in einer Druckversion haben. Leider konnte ich auf der Wbsite dazu keinen Hinweis finden. Vielleicht könnte man einen entsprechenden “Button” für eine sich selbst generierende Druckversion noch einbauen.?

    Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende verbleibe mit herzlichen Grüßen
    Michael M. Theis
    Gästebeauftragter der Loge Minerva zu den drei Plmen Nr. 7 i. O. Leipzig

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