“Er hat viele Namen”

„Er hat viele Namen“, sagt Sadbhuja, Mönch der ISKCON-Hare-Krishna-Bewegung. Die meisten kennen ihn vielleicht als Gott. Andere nennen ihn Allah, Jahwe oder Buddha. Manch andere nennen ihn Geld oder Erfolg und merken nicht, mit wem sie da sprechen. Ketzerei? Humbug? Vielleicht auch nicht. Im ersten Teil unserer Serie über Religionen in Leipzig berichtet Franziska Gaube über Hare Krishna.

…gleich zum Interview

Orangenes Beinkleid, das Mantra auf den Lippen, Tonerde aus dem Ganges auf der Stirn, die Bücher im Arm. Die Hare-Krishna-Bewegung kommt aus Indien, dort besteht sie schon seit mehr als 500 Jahren. Der angebetete Gott ist Krishna. Einer aus dem großen Pantheon der Götter Indiens. Für seine Anhänger ist er der Ursprung aller anderen Götter und überhaupt allem. Der Glaube gründet sich auf die Veden, die heiligen Bücher Indiens. Seit ca. 80 Jahren beginnt die Bewegung im Westen Fuß zu fassen. Mittlerweile gibt es ca. 400 Praktizierende und bis zu 5000 Sympatisanten der Bewegung in Deutschland. Im Leipziger Tempel lebt man zu zehnt. Zu Sonntagsfesten kommen schon mal 100 Menschen.

IMG_7988.webp

Der Tempelraum. Bevor man eintritt, wird immer angeklopft. Sadbhuja kniet nieder und bezeugt Verehrung, während er weiter mit mir spricht

Der Tempel sind mehre Wohnungen, in der dritten Etage eines Mehrfamilienhauses in der Stöckelstraße. Am Haus verweißt ein Schild auf die ansässige Physiotherapie. Im Hinterhof steht eine Riksha. Die Klingel zum Tempel scheppert. Die Schuhe bleiben draußen. Sadbhuja begrüßt mich mit einem Händeschütteln. Ohne Dhoti (oranges Beinkleid der Männer) und Tilak (Zeichen gemalt mit Tonerde aus dem Ganges auf der Stirn) wäre er auf den ersten Blick nicht von ‚anderen’ zu unterscheiden.

Andere – sie stehen dem Hare Krishna oft skeptisch gegenüber. Häufig wird er mit dem Hinduismus gleichgesetzt, mitsamt aller Vorurteile, wie Verherrlichung des Kastensystems und Unterdrückung von Frauen. „DEN Hinduismus gibt es gar nicht, das ist eine Erfindung des Westens, um sich die Vielzahl der Religionen Indiens irgendwie zu kategorisieren. Der Gründer der Hare Krishna Bewegung hat sich schon vor 500 Jahren gegen das Kastensystem ausgesprochen“, sagt Sadbuhja. Und die Rolle der Frau? „Hier im Tempel leben keine Frauen, dazu ist er zu klein. Aber in München, zum Beispiel, gibt es mehr Frauen als Männer. Es geht auch nicht um Unterdrückung. Frauen, Kinder, Alte und Mönche sollen beschützt werden laut den Veden, nicht unterdrückt.“ Nicht jeder Passant ist begeistert von ihrem Gesang in der Fußgängerzone. Auch als 2008 ein vedischer Abend im Neuen Rathaus organisiert wurde, gab es einen öffentlichen Aufschrei. Die Zeitungen titelten damals „Stadt holt Sekte ins Rathaus“.

Sekten sind gefährlich, heißt es.

Der Begriff Sekte ist dabei gar nicht so einfach zu definieren und hat mindestens zwei Bedeutungen. Sekte als religiöse Splittergruppe und Sekte als gefährliche Bewegung. Fakt ist, es ist ein Begriff, der negativ besetzt ist. Sekten sind gefährlich, heißt es. Sektenanhänger sind religiöse Spinner, heißt es. Und auch gegen die Hare Krishnas gibt es ähnliche Vorwürfe. Die meisten liegen in der Vergangenheit begründet. „Wir müssen eingestehen, dass in den 70ern viel schief gelaufen ist, weil viele junge, über-enthusiastische Menschen das Krishna-Bewusstsein kennengelernt haben und nicht alles so gelaufen ist, wie es geplant war. Oft resultieren die Vorurteile auch aus Unkenntnis heraus“, sagt Sadbhuja.

“Das Bemühen um Verständigung und gute Kontakte zum Umfeld verdienen Respekt.”

Mit den Vorwürfen gehe man heute sehr selbstkritisch um, fügt er hinzu. Was auch Dr. Harald Lamprecht, Sektenbeauftragter der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen, bestätigt: „1994 fand ein viel beachteter Kongress in Wiesbaden statt, auf dem die ISKCON erstaunlich schonungslos mit ihrer Vergangenheit aufräumte. Kindesmisshandlungen in Gurukulaschulen in Indien wurden veröffentlicht und versucht, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Von Beobachtern wurde festgestellt, dass ein solch selbstkritischer Umgang mit eigenen Fehlentwicklungen untypisch für ‘Sekten’ ist. Seitdem ist es um diese Organisation bedeutend ruhiger geworden.“ War 2008 also ein letzter Aufschrei? „Die Leipziger Gruppe der ISKCON bleibt eine Konfrontation mit einer anderen Welt: Europäisches und ein spezifisches traditionelles indisches Wertgefüge, entsprechende Lebensweisen und Glaubensvorstellungen prallen aufeinander. Es wäre illusionär zu glauben, dass so etwas völlig ohne Konflikte bleiben kann. Allerdings sind die besonderen Verschärfungen der Problemlage, die in den vergangenen Jahrzehnten die Auseinandersetzung mit der Hare-Krishna-Bewegung bestimmt haben, nicht mehr für die Leipziger Gruppe zutreffend. Das Bemühen um Verständigung und gute Kontakte zum Umfeld verdienen Respekt.“

“Auf der Couch liegen nur meine Sachen.”

Im Tempelraum duftet es anders. Nicht nach Weihrauch. Eher… anders. Sadbhuja klopft an, keine Antwort. Wir treten ein. Er geht auf die Knie, berührt mit der Stirn den Boden, während er weiterspricht. Nebenan ist der Frühstücksraum. Keine Tische, keine Stühle. Ein Stapel Kissen in der Ecke. „Bei uns findet alles auf dem Boden statt.“ sagt Sadbuhja. Gegenüber, in der Küche, kochen die Mönche jeden Tag ihre eigenen Mahlzeiten. Im Anbau stehen große Töpfe. Groß genug um zu viel Essen für zehn Menschen zu kochen. „Alle zwei Wochen findet das große Sonntagsfest statt, da muss man schon mal für 100 Menschen kochen, dass machen wir dann hier.“ Ein vierter Raum, neben der Küche, ist die Bibliothek. Hier gibt es eine Couch. Ich will mich setzen, da merke ich, das Sadbhuja schon auf dem Kissen vor der Couch hockt. Ich nehme Platz auf dem zweiten Kissen. Auf der Couch liegen nur meine Sachen. Wir beginnen mit unserem Gespräch.

… hier geht’s zum Interview.

Ist 1990 geboren, studiert Ethnologie und Zentralasienwissenschaften an der Uni Leipzig und wird entweder erfolgreiche Journalistin oder macht einen Keksladen auf.

Veröffentlicht unter: Franziska Gaube, Geschichten · Etiketten:

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:
JesusFreaksLeipzig1


Sie wollten hipp, schrill, jung und cool sein und eiferten deshalb dem jüngsten Vertreter Gottes auf Erden nach. Aus der ...