Voll krass so, das mit Jesus

Sie wollten hipp, schrill, jung und cool sein und eiferten deshalb dem jüngsten Vertreter Gottes auf Erden nach. Aus der Punk-Bewegung der 1990er Jahre heraus haben sie das geschafft, woran traditionelle Kirchen scheitern: Jungen Menschen Jesus näherzubringen. Heute entwickeln sie eine Volxbibel als Open-Source-Projekt und gelten unter anderen Christen als „zu lax“. In der Serie über Leipziger Glaubensgemeinschaften: die Jesus Freaks.
Foto: Jesus Freaks Leipzig

Zum Interview mit Jens Hempel, Jesus Freak aus Leipzig

„Sonntag“ steht da, in krummen, ungleichen Buchstaben. An der kleinen Tafel an der linken Wand des Raumes, darunter vier Spalten: Lobi, Predigt, Essen, Vorbereitung/Aufräumen. Ganz links, in leicht verwischter Kreideschrift, sind die Daten der kommenden April-Sonntage notiert. Bis auf die Essensspalte sind in jedes Kästchen Namen gekritzelt. „Es findet sich eigentlich immer jemand für Lobpreis und Predigt“, sagt Judith, eine 21-jährige Auszubildende, mit Blick auf die Tafel, „ich glaub’, wir sind eine der Gemeinden, die da am organisiertesten ist“.

Organisiert im Vergleich zu anderen Jesus-Freaks-Gemeinden, nicht im Vergleich zur katholischen oder evangelischen Kirche. Ein Schritt in die Räume der Leipziger Jesus Freaks und Regeln, Vorschriften und Ruhe suchen sich ein schattiges Plätzchen. Der Gedanke “Jugendclub” drängt sich in den Kopf. Fröhlich. Laut. Durcheinander. Quatschen. Ein unbestimmtes, alles überspannendes Gefühl von Gemeinschaft setzt sich fest. Kriecht mit dem Sonnenlicht des späten Nachmittags langsam über die Couch in der einen Ecke, malt gelbe Flecken auf die roten Polster im Raum verstreuter Stühle, bringt einen Mikrofon-Ständer auf der Bühne in der anderen Ecke zum Glitzern. Es reicht bis zu den Bierflaschen, die sich auf dem Regal hinter der langen Bar friedlich neben Bionade, Kaffee und Tee reihen. Jugendclub.

Klar geht es ihnen um das Zusammensein, ums Reden, Treffen, Kaffee trinken, vielleicht auch gemeinsam Tatort schauen, sagt Antonia, 24 und seit zweieinhalb Jahren bei den Freaks, wie sie sich nennen. „Aber ich komme hauptsächlich wegen meines Glaubens hierher“, sagt sie mit Überzeugung in der Stimme.

Am Sonntagnachmittag, „so um fünf“, beginnt in der ehemalige Kneipe in der Hans-Poeche-Straße der Gottesdienst der Jesus Freaks. Langsam sammeln sie sich. Zurückgelehnt auf der Couch, mit Kissen auf dem Boden, im Schneidersitz auf den Stühlen, mit verschränkten Armen an der Bar. Studenten hauptsächlich, zwischen 20 und 30 Jahre alt. Ein Mädchen mit Mikrofon stellt sich als „Becky“ vor, sagt „dann fangen wir mal an“ und zitiert einen Psalm. Sie dankt Jesus für den sonnigen Tag, einem der ersten in diesem Jahr. Sie dankt mit einer Menge „so“, mit ein paar „voll“, wenigen „total“ und vereinzelten „krass“. Die Wörter finden sich auch in der Predigt wieder, die „Vicky“ über das Gleichnis des verlorenen Sohns hält, und in vereinzelten Gebeten und Danksagungen, die andere spontan zum Gottesdienst beitragen. Ihr Ton ähnelt dem der Volxbibel, die Martin Dreyer, der Gründer der Jesus Freaks, als Jugendversion der Bibel geschrieben hat, und die als Wiki inzwischen zum Open-Source-Projekt geworden ist.

Die Leipziger Freaks beten lieber auf ihre eigene Art, hören zu und singen mit, wenn die zwei Lobpreisenden mit der Gitarre ein neues Lied anstimmen. Die Texte sind oft englisch, es klingt rockig und jung. Die meisten lesen die Liedtexte von der Wand ab, an die sie von einem Beamer gestrahlt werden, einige schließen die Augen. Ein oder zwei strecken die Hände zur Seite und drehen die Handflächen nach oben, als würden sie erwarten, dass jemand etwas hineinlegt. „Als ich das erste Mal hier war, hab ich mich schon gefragt, wo ich hier gelandet bin“, sagt Beate, die nicht gesiezt werden möchte und als Judiths Mutter nur zu Besuch bei den Freaks ist. Das Wort „Sekte“ nimmt sie ungern in den Mund, aber „ja, ein wenig kam es mir so vor“. In Gesprächen mit ihrer Tochter lernte sie, dass die Jesus Freaks den christlichen Glauben „eben anders ausüben als traditionelle Gemeinden“.

Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bezeichnet diese Form des Christentums als Protestphänomen, „einem Ausdruck der Unzufriedenheit mit der gemeindlichen und kirchlichen Situation“. Ein ZEIT-Dossier fasste 2001 zusammen: „Die einen sprechen vom religiösen Boom, andere von der multimedialen Inszenierung antiklerikaler Urkirchlichkeit, Dritte von jugendlichem Quatsch.“ Die Jesus Freaks selbst haben sich seit den Hochzeiten der Bewegung in den späten 1990er Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends nur auf wenige gemeinsame Grundsätze geeinigt. Keinen Sex vor der Ehe, keinen Alkohol und Homosexualität gibt es nicht – die einen glauben an solche Parolen, andere lehnen sie völlig ab. Klar ist, dass die Freaks an Jesus glauben, diesen Glauben anderen vermitteln wollen, und das nicht nur mit Spaß und Unterhaltung.

Über den Rest werde viel diskutiert, sagt Antonia, „aber wir stimmen überein, dass unser Hauptanliegen ist, Randgruppen zu integrieren“. Auf der Homepage des Bundesverbands klingt das so: „Wir glauben, dass er [Jesus] sich im besonderen Maße den Verstoßenen und Armen, die außerhalb der Wertenorm unserer Gesellschaft stehen, zugewandt hat. Als Jesus Freaks wollen wir so leben, wie Jesus es vorgelebt hat. Jeder kann so kommen, wie er ist, egal welchen sozialen Hintergrund er hat.“ Bei diesen und auch bei allen anderen Anliegen gilt die Bibel den Jesus Freaks als Vorbild. Deshalb lesen und studieren sie sie intensiv, sagt Jens, einer der „ältesten“ Leipziger Freaks, im Interview.

Um die 40 Mitglieder hat die Leipziger Gemeinde, etwa 25 kommen regelmäßig zum Gottesdienst, dazu Gäste und Besucher aus den Gemeinden anderer Städte. Kaum ist mal jemand dabei, der älter als 30 ist. „Es sind viele Studenten“, sagt Jens. „Zum Semesteranfang kommen ein paar dazu, weil sie neu in der Stadt sind, nach ihrem Studium ziehen sie wieder weg.“ Die, die wegziehen, kommen selten in einer neuen Jesus-Freaks-Gemeinde an. Vielleicht liege es daran, dass man andere Prioritäten habe, sobald man zu arbeiten anfange, mutmaßt Katharina aus der Leipziger Gemeinde. „Wenn man hier richtig mitmachen will, kostet das eine Menge Zeit.“ Antonia zuckt mit den Schultern. Vielleicht eignen sich die Jesus Freaks aber auch nicht besonders gut für Familien mit kleinen Kindern. „Die Landeskirche macht Kindergottesdienste, sowas gibt es bei uns nicht.“

Ansonsten ist bei den Jesus Freaks jeder und alles zu finden: Bibelkreise, Seminare, ein Rockfestival. Online-Predigten, Facebook-Seite, Youtube-Kanal. Grundschullehrer, Informatiker und die Kommilitonen aus der Germanistik-Vorlesung. Tätowierte Oberarme, ein Gesicht voller Piercings und Köpfe voller Dreadlocks. Ob sie vielen Vorurteilen begegnet? Kaum, sagt Judith. „Und wenn sich doch jemand lustig macht, sage ich, warum denn, ist doch super. Dann sind plötzlich alle ruhig.“


Freak:

[1] ein Mensch, der sich leidenschaftlich mit einem bestimmten Thema befasst und meist seine ganze Freizeit, wenn nicht gar sein ganzes Leben dieser einen Sache widmet
[2] oft abwertend: eine Person, die über von der Allgemeinheit als seltsam und anders eingestufte Eigenschaften verfügt
Quelle: Wiktionary

Weitere Links
Fotos von den Jesus Freaks Leipzig
Abgefahrene Christen – Porträt über die Jesus Freaks
Doku über die Jesus Freaks

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Dorothea Hecht, Geschichten · Etiketten: , , ,

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