Dresden verfrachtet Neonazis nach Leipzig

Was macht man mit Gefährlichem, das man möglicht außer Sichtweite bringen möchte? Ausgebrannte Brennstäbe kommen in die niedersächsische Pampa. Dresden (die sächsische Pampa) schickte seine Neonazis heute nach Leipzig.

UPDATE: Polizei stürmt Pressezentrum des Bündnis “Dresden Nazifrei”, Website offline (taz.de)

Die Verzweiflung muss groß gewesen sein in Dresden. Einige Richter hatten die Stadt dazu verdonnert, ein paar hundert Neonazis demonstrieren zu lassen. Mit der Zahl der Gegendemonstranten war die Polizei aber offenbar überfordert. Gegendemonstranten durchbrachen nach Medienberichten Polizeiabsperrungen bei teils rabiater Gegenwehr der Polizei vor Ort (Spiegel Online), durch mehrere Blockaden kamen die Rechtsextremen nicht recht vom Fleck.

Dresdener Probleme nach Leipzig abgeschoben?
Noch ist unklar, wessen Idee es war, die in Dresden so offensichtlich unerwünschten Neonazis stattdessen nach Leipzig zu verfrachten. Die Polizeieinheiten auf dem Leipziger Bahnhof, vor Ankunft der Neonazis weniger als hundert, später geschätzt wenige hundert Beamte, trugen (soweit sichtbar), sächsische Aufnäher sowie jene der Bundespolizei. Die Polizisten waren, bezogen auf die Zahl der Neonazis sowie Gegendemonstranten, sichtbar zu wenige. Um es deutlich zu sagen: Sie wirkten wie das letzte Aufgebot. Am frühen Abend erklärte denn auch der Leipziger Polizeipräsident den Polizeinotstand und ließ das Treiben beenden (DNN).

Die Moral von der Geschicht’
Was sollte diese Veranstaltung? Nach den Kürzungen im Personalbestand der sächsischen Polizei, die an diverse Fußballspiele, Castortransporte und Demonstrationen Personal abgeben muss, ist es unverantwortlich, eine Demonstration mit den Dresdener Dimensionen überhaupt zu genehmigen. Weil das Demonstrationsrecht ein hohes Gut ist, sollten die Verantwortlichen endlich wieder genug Polizisten einplanen – und zügig mehr Anwärter ausbilden.

In der akuten Notlage dann das Problem in den Zug nach Leipzig zu schicken, wo die Personaldecke akut noch dünner ist und zudem genügend motivierte und protesterfahrene Gegendemonstranten warten, ist schlicht fahrlässig.

Kleine Chronologie
Agenturen und Radiosender (MDR Info) vermeldeten am späten Nachmittag gegen 17 Uhr, dass – nach Verhandlungen der rechten Veranstalter mit der Polizei – auf eine Spontandemonstration in Leipzig umgesattelt werden sollte.

17:45 Uhr war am Gleis 22 des Leipziger Hauptbahnhofs nur wenig zu sehen. Einzelne Presseleute, drei Einsatzfahrzeuge der Polizei vor der Osthalle. Stetiger Zulauf von Spontan-Gegendemonstranten nach heißgelaufenen Telefonketten. Bis 18h zogen dann ca 50 Polizisten am Gleis 22 auf. Ein Polizist sagte, man sei von der Situation überrascht, und dass die Personaldecke momentan nicht eben ausreichend sei. Allerdings konnte/wollte er sich nicht dazu äußern, wie viele Beamte der Polizeidirektion Leipzig eventuell zeitgleich in Dresden zusammengezogen waren.

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Um 18:20 kam der Zug der Saxonia-Linie von DB Regio an. Zunächst stiegen etliche mitgereiste Polizisten in Helm und Kampfanzug aus. Ihnen folgten geschätzte 300 Neonazis mit dutzenden Fahnen. Noch auf dem Weg vom Bahnsteig aufs Bahnhofsplateau skandierten sie laut grölend Unverständliches. Am Übergang von Bahnsteig zu Plateau versperrten Polizeibeamte den Neonazis den Weg in beide Richtungen. Dort blieben sie auch für die nächsten Stunden. Nach 19 Uhr fuhren kurz nacheinander zwei Züge (nach Chemnitz und Döbeln) aus dem abgesperrten Bereich um Gleis 22 unter Beifall der etwa 200 Gegendemonstranten ab. Zuvor waren bereits ortsansässige Nazis in Kleingruppen von der Polizei aus der Osthalle geführt worden. Um 19:58 schließlich fuhr auch der letzte Zug mit rechten Schlachtenbummlern ab – nach Dresden.

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Dirk interessiert sich hauptsächlich für Kriminalität, Wirtschaft, und auch Wirtschaftskriminalität, Infrastruktur und IT. Geboren und aufgewachsen in Schkeuditz, hat er sich quasi sein Leben lang mit Leipzig beschäftigt. Dirk studiert (noch) Journalistik und Psychologie.

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2 Antworten zu "Dresden verfrachtet Neonazis nach Leipzig"

  1. ebook sagt:

    Warum eigentlich immer unsere Polizisten? In Dresden haben Tausende Demonstranten drei geplante Neonazi-Veranstaltungen verhindert. Dabei kam es zu heftigen Krawallen zwischen Polizeikräften und hauptsächlich linken Demonstranten. Dutzende Beamte wurden verletzt. Lasst doch die Linken auf die Rechten los und sammelt dann den Rest ein!

  2. stefan sagt:

    Nur so nebenbei. Demonstrationen werden in unserem Land nicht genehmigt. Sie sollen nur, soweit möglich, angemeldet werden. Auch und wenn ich so sehe wie und gegen wen die netten Beamten so vorgehen und gegen wen nicht… An der TU wird ein Wasserwerfer ohne Sinn gegen eine laufende Mege aufgefahren, in Löbtau gucken die Beamten zu, wie Nazis randalieren.
    Mit Personaldecke hat das alles wenig zu tun, eher mit politischem Willen.
    Oft wird aber bei jeder Studidemo ein Großaufgebot an Polizei aufgefahren, damit ja der Eindruck entsteht, da würden Gewalttäter marschieren. Resultat sind dann ein bis zwei willkürliche Anzeigen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, mehrere Verletzte und natürlich der ominöse Beamte der “ärtztlich behandelt werden musste”

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