Postbahnhof zu verkaufen

Ein paar Millionen Euro übrig? Lust, sie in einen alten Postbahnhof zu investieren? Gut, dass es einen solchen gerade in Leipzig zu kaufen gibt. Eine luxemburgische Investorengruppe bietet ihn zum Verkauf an. Aber Vorsicht, ein anderer Interessent hat sich schon eine Kaufoption gesichert. Bis 2012 will Projektentwickler Peter Kolar den verfallenen Postbahnhof im Leipziger Stadtteil Schönefeld komplett umgestalten. Problemlos ist das Vorhaben allerdings nicht: Das Ja der Stadt Leipzig fehlt. Noch?

Von Dorothea Hecht

Das Gelände des alten Postbahnhofs schläft vor sich hin. An einem Novembernachmittag um halb fünf verschwindet es langsam hinter einem grauschwarzen Vorhang aus Dunkelheit. Kurz hinter dem Hauptbahnhof ist die Gleishalle von der Berliner Brücke aus kaum mehr zu erkennen. Ein Gebäude sieht von oben aus wie die vergessene Hälfte eines Bagels, der irgendwann einmal schmeckte, inzwischen aber alt und vertrocknet ist. Sogar im Dunkeln lassen sich zerbrochene Fenster erkennen und schwarz verfärbte Ziegel. Schon seit 16 Jahren hat sich niemand darum gekümmert.

Postbahnhof_Panorama

Blick vom Postbahnhof auf die Innenstadt

1912 ging der Postbahnhof in Betrieb. Etwa 80.000 Quadratmeter misst das gesamte Gelände, das Hauptgebäude allein erstreckt sich über 16.000 (größer als zwei Fußballfelder, um den Vergleich zu bemühen). Auf 26 Gleisen fuhren Güterzüge ein, Pakete wurden auf 16 Bahnsteigen entgegengenommen und erneut auf Reisen geschickt. Als die Deutsche Post privatisiert wurde, bekam der Paketverkehr in der Luft den Vorzug zur Schiene. 1994 wurde der Betrieb in Leipzig eingestellt.

Die luxemburgische Investmentgruppe Lorac kaufte das Gelände und machte sich auf die Suche nach einem Investor. Bisher erfolglos. Einige Gebäude stehen unter Denkmalschutz und die Stadt möchte eine rein gewerbliche Nutzung. Bis auf einige Geocacher hat in den vergangenen 16 Jahren kaum jemand das Gelände betreten.

Skizze Postbahnhof

Skizze Postbahnhof

Dann hat Peter Kolar es entdeckt. Der Projektentwickler aus München lebt seit fünf Jahren in Leipzig. Stadtteil Schönefeld. Natürlich. Er hat die Brache gesehen und „ihr Potenzial sofort erkannt“, sagt er bei einer Versammlung mit Schönefelder Bürgern. Großes hat er vor mit dem alten Postbahnhof. 25 Stadthäuser sollen am Rand des Geländes entstehen, dazu einige Lofts, der Rest ist als Gewerbefläche geplant. In die Büros sollen IT-Firmen und Foto-Ateliers einziehen, in der Gleishalle möchte er einen Dauerflohmarkt etablieren.

Allein der Ankauf des kompletten Geländes (zwei Grundstücke gehören der Lorac-Gruppe, eins der Telekom) kostet fünf Millionen Euro. Insgesamt wird der Umbau 40 Millionen Euro kosten, rechnet Kolar vor. Als Investor konnte er eigenen Angaben zufolge eine Großbank interessieren. Die Bauzeit beträgt ein Jahr, „das bedeutet, zum 100-jährigen Jubiläum 2012 könnte alles fertig sein.“

PC090006.webpKönnte, wenn die Stadt Leipzig ihre Genehmigung für das Bauvorhaben erteilt.  Bisher hat sie das noch nicht getan. Im Gegenteil: Roland Quester, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat ist von der Idee nicht begeistert. So ein Flohmarkt sei schwer vorstellbar, es gebe kein Beispiel dafür, bezog er öffentlich Position. Was der Vorsitzende des Schönefelder Bürgervereins, Michael Reinhardt, gar nicht verstehen kann. Beispiele für solche Märkte gebe es genügend, von München bis Paris. „Mit dem Projekt können wir Besucher auch für Stadtteile außerhalb der Innenstadt begeistern“, sagt Reinhardt. „Gerade von den Grünen hätte ich mehr Engagement für die Interessen der Leipziger erwartet.“

Nicht alle Schönefelder sind so angetan wie Reinhardt. Einige melden Bedenken an. Ob die Bebauung Auswirkungen auf die benachbarten Kleingärten habe, will ein Versammlungsteilnehmer wissen. Kolar kann ihn beruhigen. Nicht zum ersten Mal bekommt er Gegenwind für eins seiner Projekte. Vor einigen Jahren hatte er einen alten Kindergarten ins Visier genommen. Natürlich in Schönfeld. Daraus wurde ein Mehrfamilienhaus. Sieben Wohnungen, modern, grün – eine Oase in der Schönefelder Plattenwüste.

DSC_0243.webpPeter Kolar wohnt heute selbst dort. Und will auch nicht mehr weg. Schließlich ist er mit seinen Ideen längst nicht am Ende. Ein Hotel soll das Postbahnhof-Gelände ergänzen, zum überdachten Flohmarkt würde ein Großmarkt für frisches Gemüse und Obst passen. Außerdem könnte noch eine Leipziger Institution dort unterkommen, deren Zukunft derzeit ungewiss ist: das Naturkundemuseum.

Noch steht nicht fest, ob Kolar alle seine Ideen auch umsetzen darf, und ob er das auch tatsächlich kann. Bis dahin bleibt dem alten Postbahnhof nur eins: weiterschlafen.

Fotos/Skizze: Peter Kolar

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

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