„Wenn Sie jetzt hier mal bitte links schauen“ – eine Rundfahrt durch Leipzig

Sie sind groß, rot und rollen jeden Tag durch Leipzig – Busse auf Stadtrundfahrt. Mal mehr, mal weniger gefüllt mit Touristen, die sich einen Überblick verschaffen wollen. Mit an Bord: mindestens eine stadtkundige Person mit Freude am Reden, die an den entsprechenden Stellen Informationen preisgibt und mit einem „Schauen Sie jetzt hier mal links“ die Köpf der Zuhörer dirigiert. Und was wird den Besuchern über Leipzig erzählt, was wird ihnen gezeigt? Ein Selbstversuch.

Von Claudia Laßlop

An einem Dienstagmorgen – leichter Nebel, reichlich Grau, kein typisches Ausflugswetter – steigen wir am Hauptbahnhof in eines der ersten roten Mobile, die an diesem Tag starten. Oberes Stockwerk, Fensterplatz. Der Platz ganz vorn ist leider schon von Noch-Früher-Aufstehern besetzt. Kurz nach zehn schwankt der Bus los – oder acht nach halb drei, wenn man der Uhr an der Westseite des Bahnhofs trauen wollte. Bei den Ausführungen zur Symmetrie des größten europäischen Sackbahnhofes könnte man daher gleich an mehreren Punkten einhaken. Aber vorerst nehme ich die auf mich einströmenden Informationen freundlich interessiert und unkritisch auf, gebe mein Bestes in der selbst gewählten Touristenrolle.

Die Tour startet mit Zahlen – Bauzeit des Bahnhofs 17 Jahre, Eröffnung 1915, 3000 Betonpfeiler zur Befestigung auf feuchtem Untergrund, 140 Geschäfte in den Promenaden. Und – er ist der sauberste Bahnhof Deutschlands. Unsere Reise der Superlative führt uns weiter zum Brühl – der ältesten Straße Leipzigs, wo alles begann mit der Ansiedlung von Fell- und Tabakhändlern. Interessant, aber unbeachtet an dieser Stelle ein Paar Schuhe, das an den zusammengebundenen Schnürsenkeln hoch über der Straße baumelt – hier wie an vielen weiteren Stellen in der Stadt. Auf Höhe der Baustelle am Brühl werden die Blicke zunächst konsequent nach links gelenkt, auf das barocke Romanushaus, seinerzeit Tummelplatz für kaffeetrinkende Intellektuelle. Eine Erklärung zur Baustelle rechterhand folgt aber doch noch, ehe wir uns von Weitem am Anblick des Coffee Baum – ältestes Café Leipzigs – erfreuen dürfen. Hinweise zu den ehemaligen Gebäuden der Stasi auf der rechten Seite bleiben aus. Und es geht auch schon um Bach, die Thomaner und schließlich den Ausgehtipp Gottschedstraße, deren Namensgeber auf eine detaillierte Erwähnung allerdings verzichten muss.

An der – wie der Volksmund zitiert wird – Runden Ecke werden wir auf den Sitz des Stasi-Museums aufmerksam gemacht. Nebenbei beschreibt der Ortskundige uns das Gebäude als eben jenes, in dem die Staatssicherheit des Bezirks Leipzig „ja… gearbeitet“ hat. Und – ja… das war auch schon einer der letzten zurückhaltenden Hinweise auf die politisch spannende und vor allem jüngere Vergangenheit Leipzigs. Vielleicht hört sich das in anderen Bussen anders an. In unseren scheint es nun wesentlich sinnvoller zu wissen, wo Richard Wagner geboren wurde, und dass die direkte Zufahrt zum Zoo gerade durch Bauarbeiten versperrt ist. Dafür lernen wir dank des Umwegs, dass die Nordstraße bei Stadtrundfahrten unerwähnt bleibt. Wie einiges mehr.

Blick auf noble Häuser und Elefantenrücken

Unsere Reise geht nun vorbei am Zoo und der Baustelle der neuen Tropenhalle, die zukünftig die größte ihrer Art in Europa sein soll – vielleicht, um auch zukünftig nicht mit Superlativen sparen zu müssen. Und nach dem unverhofften Blick – Vorteil Doppelstockbus – auf einen Elefantenrücken spazierfahren wir auch schon durch, aber größtenteils eher vorbei am „Nobel-Stadtteil“ Gohlis, seinem Schlösschen und dem Schillerhaus (unkommentiert bleibt das Reclam-Haus, an dem wir, gleich um die nächste Ecke, ebenfalls vorbei kommen). Auf dem Weg zum Waldstraßenviertel erfahren wir dafür, dass das Rosental nichts mit Rosen zu tun hat. Wieder mal eine falsche Sprachfährte aus dem Slawischen. Dagegen hat der Name des Mückenschlösschens durchaus eine direkte Verbindung zu den nervigen Blutsaugern. Kleine Schmankerl für Freunde der Ethymologie.

Im Waldstraßenviertel machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar… Gründung 1830, Bebauung, rechts abbiegen, denkmalgeschützt, frisch saniert, riesige Wohnungen, rechts abbiegen, links schauen, Investoren, alles vermietet, links abbiegen, teuer. Meine Gedanken schweifen ab, die Stadt beginnt plötzlich, sich fremd anzufühlen. Wird zu einem Klumpen aus Jahreszahlen, Fassaden, hier links, da vorne rechts, schon vorbei und ab in den nächsten Stadtteil. Woher kommt eigentlich das Wort Berieselung?

Da vorne links runter, da hinten schräg rechts.

Mittlerweile vorbei an Sportforum und Elsterflutbecken erreichen wir Plagwitz und passieren die Nachwehen der guten Taten Karl Heines. Ich schaue – wie befohlen – auf der Brücke nach unten und dann gleich nach links zu dem silbernen Gebäude – das Riverboat-, folge den Fingerzeigen mittlerweile sehr automatisch. Da vorne links runter, da hinten schräg rechts. Länger bleibt mein Blick hier nur an Spitzengardinen hängen, die sich an ein bodentiefes Loft-Fenster verirrt zu haben scheinen. Das Festhalten am Konservativen neben dem Drang nach modernem Wohnen … ich schweife ab. Horche allerdings wieder auf, als unser Guide (anders kann ich ihn wohl politisch korrekt kaum bezeichnen) nahe der Nonnenstraße in einem Nebensatz vom Buchdruckmuseum und Leipzigs Rolle für den Buchdruck spricht. Auch von der Etablierung „einer Kunstszene“ ist die Rede, wenn wir Orte wie die Baumwollspinnerei von hier aus auch nur erahnen, während es weiter in Richtung Ferdinand-Lassalle-Straße geht. Nur an vierter Stelle kommt Leipzig in Sachen Grün, wie uns im am Clara-Zetkin-Park mitgeteilt wird.

Wir biegen ab ins Musikviertel, verzeihen unserem Guide stumm, dass er die Bibliotheca Albertina konsequent zur Universitätsbuchhandlung deklariert und die anliegenden Gebäude der Hochschule für Grafik und Buchdruck (HGB) in seiner Beschreibung dem Bibliothekskomplex einverleibt. Dass die HGB unerwähnt bleibt, lässt mich dann aber doch kurz stutzen, während ich erst rechts, dann hinter mir das Bundesverwaltungsgericht bewundere und mich dann nach links zum Neuen Rathaus drehe und erneut Zahlen und Baustile auf mich einströmen lasse. Die Kinder der Familie im hinteren Teil des Busses werden langsam unruhig. Mit der Erklärung der Rathausuhr-Inschrift „Mors certa, hora incerta“ können sie wie mit vielem anderen nicht viel anfangen. Irgendwie warte ich darauf, dass der Guide den Scherz meines damaligen Lateinlehrers zitiert: „Diese Uhr geht todsicher falsch“. Er tut es nicht.

Ab in den Süden

Nach Norden und Westen geht es schließlich ab in den Süden. Die Karli wird uns als eine der buntesten Straßen der Stadt vorgestellt – wenn auch weniger repräsentativ zu dieser Uhrzeit. Auch auf eine Menge von un- oder nur teilsanierten Gebäuden und entsprechend günstige Mieten wird hier verwiesen. Ich nehme mir vor, am Ende unserer Reise meine Zweifel an der Aktualität dieser Informationen anzumelden. Und tue es dann doch nicht.

In Gedanken bastele ich mittlerweile an Wortspielen, die die Media City und die Vergangenheit ihres Geländes als Schlachthof beinhalten – Informationen, die ich auf der Altenburger Straße frisch aufgetischt bekomme, während die Polizei gerade auf Höhe Kantstraße Kinder in Sachen Straßenverkehr, aktuell im Umgang mit vorbeifahrenden Touristenbussen, schult. Rechts vor links für die Kleinen, gleich wieder nach rechts Schauen für mich – die Bahnschienen des City Tunnels, und jetzt bitte mal nach links, die Alte Messe. Mustermesse, MM – daher also. Von der Völkerschlacht habe ich schonmal gehört und bewundere nun die Anziehungskraft, die „das größte Denkmal Europas“ täglich, selbst an einem nebeligen Dienstagvormittag, auf Touristen hat. Für die kurze Zeit der Pause falle ich aus meiner Rolle und überdenke einiges des eben Gehörten aus Sicht der hier Lebenden.

Auf unserem Weg zurück in die Innenstadt wird Leipzig nochmals als Messestadt sowie als Standort der Deutschen Bücherei gewürdigt, der Bayerische Bahnhof aus der Nähe und das Neue Rathaus aus der Ferne bestaunt und am Augustusplatz schließlich auch noch ein Blick auf Gewandhaus und Oper geworfen – ein Blick auf architektonische Besonderheiten, nicht auf künstlerisches Innenleben.

Nach unserem Ausflug in den Norden, Westen und Süden Leipzigs kehren wir zurück an unseren Startpunkt und verlassen das große, rote Gefährt nach rund zwei Stunden. Einen Moment dauert es, sich aus der Rolle des Informationskonsumenten zu lösen und für den Moment abschließend zu fragen – welches Leipzig habe ich da gerade erfahren? Ein Leipzig, das keinen Osten hat und kein Grafisches Viertel, keine Vergangenheit und Gegenwart als Buchstadt. Ein Leipzig, das sich aber wunderbar in Jahreszahlen, Superlative und Vorzeigbares pressen lässt. Und dabei auch ein Leipzig, das in jedem Stadtteil tatsächlich etwas zu zeigen hat – und meistens sogar sehr viel mehr, als aus dem Bus heraus zu sehen ist. Würde ich mit einem Wortspiel enden wollen, stünde hier: Aussteigen lohnt sich.

Wenn Sie jetzt hier mal bitte links schauen“ – eine Rundfahrt durch Leipzig

Sie sind groß, rot und rollen jeden Tag durch Leipzig – Busse auf Stadtrundfahrt. Mal mehr, mal weniger gefüllt mit Touristen, die sich einen Überblick verschaffen wollen. Mit an Bord: mindestens eine stadtkundige Person mit Freude am Reden, die an den entsprechenden Stellen Informationen preisgibt und mit einem „Schauen Sie jetzt hier mal links“ die Köpf der Zuhörer dirigiert. Und was wird den Besuchern über Leipzig erzählt, was wird ihnen gezeigt? Ein Selbstversuch.

An einem Dienstagmorgen – leichter Nebel, reichlich Grau, kein typisches Ausflugswetter – steigen wir am Hauptbahnhof in eines der ersten roten Mobile, die an diesem Tag starten. Oberes Stockwerk, Fensterplatz, leider ist der Platz ganz vorn schon von Noch-Früher-Aufstehern besetzt. Kurz nach zehn schwankt der Bus los – oder acht nach halb drei, wenn man der Uhr an der Westseite des Bahnhofs trauen wollte. Bei den Ausführungen zur Symmetrie des größten europäischen Sackbahnhofes könnte man daher gleich an mehreren Punkten einhaken. Aber vorerst nehme ich die auf mich einströmenden Informationen freundlich interessiert und unkritisch auf, gebe mein Bestes in der selbst gewählten Touristenrolle.

Die Tour startet mit Zahlen – Bauzeit des Bahnhofs 17 Jahre, Eröffnung 1915, 3000 Betonpfeiler zur Befestigung auf feuchtem Untergrund, 140 Geschäfte in den Promenaden. Und er ist der sauberste Bahnhof Deutschlands. Unsere Reise der Superlative führt uns weiter in Richtung Brühl – die älteste Straße Leipzigs, wo alles begann mit der Ansiedlung von Fell- und Tabakhändlern. Interessant, aber unbeachtet an dieser Stelle ein Paar Schuhe, das an den zusammengebundenen Schnürsenkeln hoch über der Straße baumelt – hier wie an vielen weiteren Stellen in der Stadt. Auf Höhe der Baustelle am Brühl werden die Blicke zunächst konsequent nach links gelenkt, auf das barocke Romanushaus, seinerzeit Tummelplatz für kaffeetrinkende Intellektuelle. Eine Erklärung zur Baustelle rechterhand folgt noch, ehe wir uns von Weitem am Anblick des Coffeebaum – ältestes Café Leipzigs – erfreuen dürfen. Hinweise zu den ehemaligen Gebäuden der Stasi auf der rechten Seite bleiben aus. Und schon geht es um Bach, die Thomaner und schließlich den Ausgehtipp Gottschedstraße, deren Namensgeber auf eine detaillierte Erwähnung allerdings verzichten muss.

An der – wie der Volksmund zitiert wird – Runden Ecke werden wir auf den Sitz des Stasi-Museums aufmerksam gemacht. Nebenbei beschreibt der Ortskundige uns das Gebäude als eben jenes, in dem die Staatssicherheit des Bezirks Leipzig „ja… gearbeitet“ hat. Und – ja… das war auch schon einer der letzten zurückhaltenden Hinweise auf die politisch spannende und vor allem jüngere Vergangenheit Leipzigs. Wesentlich sinnvoller scheint es zu wissen, wo Richard Wagner geboren wurde, und dass die direkte Zufahrt zum Zoo gerade durch Bauarbeiten versperrt ist. Dafür lernen wir dank des Umwegs, dass die Nordstraße bei Stadtrundfahrten unerwähnt bleibt. Wie einiges mehr.

Unsere Reise führt nun vorbei am Zoo und der Baustelle der neuen Tropenhalle, die zukünftig die größte ihrer Art in Europa sein soll – vielleicht auch, um nicht mit Superlativen sparen zu müssen. Und nach dem unverhofften Blick – Vorteil Doppelstockbus – auf einen Elefantenrücken spazierfahren wir auch schon durch, aber größtenteils eher vorbei am „Nobel-Stadtteil“ Gohlis, seinem Schlösschen und dem Schillerhaus (unbeachtet bleibt das Reclam-Haus, an dem wir, gleich um die nächste Ecke, ebenfalls vorbei kommen). Auf dem Weg zum Waldstraßenviertel erfahren wir dafür, dass das Rosental nichts mit Rosen zu tun hat. Wieder mal eine falsche Sprachfährte aus dem Slawischen. Dagegen hat der Name des Mückenschlösschens durchaus eine direkte Verbindung zu den nervigen Blutsaugern. Kleine Schmankerl für Freunde der Ethymologie.

Im Waldstraßenviertel machen sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar… Gründung 1830, Bebauung, rechts abbiegen, denkmalgeschützt, frisch saniert, riesige Wohnungen, rechts abbiegen Investoren, alles vermietet, links abbiegen, teuer. Meine Gedanken schweifen ab, die Stadt beginnt plötzlich, sich fremd anzufühlen. Wird zu einem Klumpen aus Jahreszahlen, Fassaden, hier links, da vorne rechts, schon vorbei und ab in den nächsten Stadtteil. Woher kommt eigentlich das Wort Berieselung?

Mittlerweile vorbei an Sportforum und Elsterflutbecken erreichen wir Plagwitz und passieren die Nachwehen der guten Taten Karl Heines. Ich schaue – wie befohlen – auf der Brücke nach unten und dann gleich nach links zu dem silbernen Gebäude – das Riverboat-, folge den Fingerzeigen mittlerweile sehr automatisch. Da vorne links runter, da hinten schräg rechts. Länger bleibt mein Blick hier nur an Spitzengardinen hängen, die sich an ein bodentiefes Loft-Fenster verirrt zu haben scheinen. Das Festhalten am Konservativen neben dem Drang nach modernem Wohnen … ich schweife ab. Horche allerdings wieder auf, als unser Guide (anders kann ich ihn wohl politisch korrekt kaum bezeichnen) nahe der Nonnenstraße kurz vom Buchdruckmuseum und von Leipzigs Rolle für den Buchdruck spricht. Auch von der Etablierung „einer Kunstszene“ ist die Rede, wenn wir Orte wie die Baumwollspinnerei von hier aus auch nur erahnen dürfen, während es weiter in Richtung Ferdinand-Lassalle-Straße geht. Nur an vierter Stelle kommt Leipzig in Sachen Grün, wie uns im am Clara-Zetkin-Park mitgeteilt wird.

Wir biegen ab ins Musikviertel, verzeihen unserem Guide stumm, dass er die Bibliotheca Albertina konsequent zur Universitätsbuchhandlung deklariert und die anliegenden Gebäude der Hochschule für Grafik und Buchdruck (HGB) in seiner Beschreibung dem Bibliothekskomplex einverleibt. Dass die HGB unerwähnt bleibt, lässt mich dann aber doch kurz stutzen, während ich erst rechts, dann hinter mir das Bundesverwaltungsgericht bewundere und mich dann nach links zum Neuen Rathaus drehe und erneut Zahlen und Baustile auf mich einströmen lasse. Die Kinder der Familie im hinteren Teil des Busses werden langsam unruhig. Mit der Erklärung der Rathausuhr-Inschrift „Mors certa, hora incerta“ können sie wie mit vielem anderen nicht viel anfangen. Irgendwie warte ich darauf, dass der Guide den Scherz meines damaligen Lateinlehrers zitiert: „Diese Uhr geht todsicher falsch“. Er tut es nicht.

Nach Norden und Westen geht es schließlich ab in den Süden. Die Karli wird uns als eine der buntesten Straßen der Stadt vorgestellt – wenn auch weniger repräsentativ zu dieser Uhrzeit -, und auf eine Menge an un- oder nur teilsanierte Gebäude und entsprechend günstige Mieten verwiesen. Ich nehme mir vor, am Ende unserer Reise meine Zweifel an der Aktualität dieser Informationen anzumelden. Und tue es dann doch nicht.

In Gedanken bastele ich an Wortspielen, die die Media City und ihre Vergangenheit als Schlachthof beinhalten – Informationen, die ich auf der Altenburger Straße frisch aufgetischt bekomme, während die Polizei gerade auf Höhe Kantstraße Kinder in Sachen Straßenverkehr, unter anderem im Umgang mit vorbeifahrenden Touristenbussen, schult. Rechts vor links für die Kleinen, und gleich wieder nach rechts Schauen für mich – die Bahnschienen des City Tunnels, und nach links, Alte Messe. Mustermesse, MM – daher also. Von der Völkerschlacht habe ich schonmal gehört und bewundere nun die Anziehungskraft, die „das größte Denkmal Europas“ täglich, selbst an einem nebeligen Dienstagvormittag, auf Touristen hat. Für die kurze Zeit der Pause falle ich aus meiner Rolle und überdenke einiges des eben Gehörten aus Sicht der hier Lebenden.

Auf unserem Weg zurück in die Innenstadt wird Leipzig nochmals als Messestadt sowie als Standort der Deutschen Bücherei gewürdigt, der Bayerische Bahnhof aus der Nähe und das Neue Rathaus aus der Ferne bestaunt und am Augustusplatz schließlich auch noch ein Blick auf Gewandhaus und Oper geworfen – ein Blick auf architektonische Besonderheiten, nicht auf das künstlerische Innenleben.

Nach unserem Ausflug in den Norden, Westen und Süden kehren wir zurück an unseren Startpunkt und verlassen das große, rote Gefährt nach rund zwei Stunden. Einen Moment dauert es, sich aus der Rolle des Informationskonsumenten zu lösen und schließlich und für den Moment abschließend zu fragen – welches Leipzig habe ich da gerade erfahren? Ein Leipzig, das keinen Osten hat und kein Grafisches Viertel, keine Vergangenheit und Gegenwart als Buchstadt. Ein Leipzig, das sich in Jahreszahlen, Superlative und Vorzeigbares pressen lässt. Aber auch ein Leipzig, das in jedem Stadtteil tatsächlich etwas zu zeigen hat – und meistens sogar sehr viel mehr, als aus dem Bus heraus zu sehen ist. Würde ich mit einem Wortspiel enden wollen, stünde hier: Aussteigen lohnt sich.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

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2 Antworten zu "„Wenn Sie jetzt hier mal bitte links schauen“ – eine Rundfahrt durch Leipzig"

  1. Rebecca Wystup sagt:

    Hey ihr lieben Weiter-Schreiberlinge!

    Der Stadtrundfahrtbericht war ganz schön interessant.
    Ich wollte ja auch immer mal eine Stadtrundfahrt machen und nach knapp 6 Semestern in Leipzig habe ich es nicht geschafft.
    Die roten Busse schrecken schon ganz schön ab, gerade dann, wenn sie immer an der Albertina vorbei fahren und man als Student das Gefühl hat, wie im Zoo beobachtet zu werden.
    Ich habe aber auch gehört, dass es ja noch viel mehr Stadterkundungstouren und -arten gibt.
    Unter andererm der Nachtwächter mit der Laterne oder eine Krimistadtführung (mit Mordgeschichten ectr.)
    Das ist vielleicht auch mal ganz spannend, wenn man das mit verlgeicht und dann evt. für die (Studenten)-Leser ein Fazit ziehen kann, welche Stadtrundfahrt sich jetzt nun wirklich lohnt oder nicht, ohne ständig von Zahlen und Baustellen berieselt zu werden.

    Ganz liebe Grüsse
    Rebecca

  2. Jou sagt:

    Schöne Idee, dieser Selbstversuch. Danke!

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