Raum für Glauben

Im Herbst 2010 beginnt der Bau der neuen Propsteikirche. Dass an solch exponierter Stelle ein neues katholisches Gotteshaus entsteht, mag verwundern – schließlich leben nur 25.000 Katholiken unter den rund 500.000 Einwohnern Leipzigs. Doch ein Umzug scheint der Gemeinde St. Trinitatis unumgänglich.


Von Ute König und Claudia Laßlop

Bislang liegt die Propsteigemeinde recht abgelegen am südlichen Rand des Rosentals. Die Bausubstanz der Kirche aus den 70er Jahren ist mittlerweile marode, eine grundlegende Sanierung wäre finanziell aber nicht rentabel. Der absackende Untergrund würde jede Baumaßnahme binnen weniger Jahre wieder hinfällig machen und jeglichen Kostenrahmen sprengen. Ein Neubau ist damit bereits aus finanziellen Gründen die einzig sinnvolle Lösung.

Modell Innenraum Bild 1

Die Kirchenneubau bietet mehr Platz für die wachsende Gemeinde.
Foto: Propstei St. Trinitatis Leipzig / Flickr

Doch die Größe der jetzigen Propsteikirche ist das viel bedeutendere Argument für ein neues, größeres Gotteshaus. Während sich die katholische Kirche deutschlandweit um sinkende Mitgliederzahlen sorgt, ist die St. Trinitatis-Gemeinde eine der wenigen Gemeinden in Deutschland, die sich über steigende Mitgliederzahlen freuen kann. Jährlich kommen rund 150 Mitglieder hinzu. An den Wochenenden besuchen rund 1000 Gläubige die Gottesdienste in der Propsteikirche. Das bringt allerdings auch Platzprobleme mit sich.

Dabei existiert ein Zuwachs an Gemeindemitgliedern zwar zunächst nur auf dem Papier. Wer nach Leipzig zieht und einer Religion angehört, wird automatisch einer ansässigen Gemeinde zugeordnet. Allein schon aufgrund der höheren Mobilität ist die Mitgliederzahl der Propstei seit Mitte der 90er Jahre kontinuierlich von rund 2000 auf heute etwas mehr als 4000 gestiegen. Von den derzeit 450 Kirchenplätzen bleiben in den Gottesdiensten aber tatsächlich nur wenige leer.

Dieser Trend wird sich vermutlich auch in Zukunft fortsetzen: Zur Gemeinde gehören nicht nur ältere Menschen, wie das Klischee vermuten ließe, sondern hauptsächlich junge Familien. Gerade in einer Gegend, in der es wenige Katholiken gibt, empfindet Propst Lothar Vierhock das als ein echtes Bekenntnis. Im Neubau wird es 600 Sitzplätze und damit wesentlich mehr Platz für das junge aktive Gemeindeleben geben.

Das alte Gebäude in der Emil-Fuchs-Straße verlassen die Gemeindemitglieder mit gemischten Gefühlen – mit Freude, aber auch mit Trauer: „Immerhin haben einige von ihnen den Großteil ihres religiösen Lebens hier verbracht“, erklärt der Propst. „Angefangen bei der Taufe und Erstkommunion, oft bis hin zur Hochzeit.“ Vorbehalte gegenüber dem neuen Gebäude beruhten deshalb vor allem auf einer emotionalen Verbundenheit mit dem jetzigen Standort. „Eigentlich freuen sich die Gemeindemitglieder sehr auf den Neubau.“

Doch nicht nur für die Gemeinde, auch für das Leipziger Stadtbild bedeutet der Neubau eine große Veränderung. Einwände gegen das Vorhaben hat es laut Vierhock allerdings nicht gegeben – weder von Seiten der Stadt noch aus anderen Richtungen. „Die meisten Leute finden Glauben in Ordnung, wollen aber nichts damit zu tun haben“, meint Lothar Vierhock. Religion sei in Ostdeutschland eher Privatsache und spiele in den wenigsten gesellschaftspolitischen Belangen eine gewichtige Rolle. Vielleicht verlief die Standortfindung gerade deshalb so reibungslos. „Aus nicht-religiösen Bereichen gab es durchaus positive Zuschriften“, sagt Vierhock.

Blick auf das Neue Rathaus durch die Ruine der ersten Trinitatiskirche.

Blick auf das Neue Rathaus durch die Ruine der ersten Trinitatiskirche. Foto: Propstei St. Trinitatis

Und eigentlich ist es für die St. Trinitatis-Gemeinde vielmehr eine Rückkehr. Ihre Kirche befand sich bis zum zweiten Weltkrieg in der Rudolphstraße, zwischen Neuem Rathaus und Johannapark. Das neobarocke Gebäude aus dem Jahr 1847 wurde allerdings im Krieg so stark beschädigt, dass sie zu DDR-Zeiten abgerissen wurde, erst im Jahr 1975 wurde der Bau eines neuen Gotteshauses außerhalb der Innenstadt genehmigt. Dort war die St. Trinitatis nun seit 1982 ansässig.

Bis zum ersten Spatenstich im Herbst 2010 ist noch einiges zu tun – etwa zu entscheiden, was aus dem jetzigen Bau alles mitgenommen wird. Allem voran aber fehlt aber noch ein Großteil des benötigten Geldes. Erst rund 3,5 Millionen Euro der Kosten sind gesichert, das Geld wurde unter anderem bei einer deutschlandweiten Kollekte gesammelt. Finanzielle Unterstützung findet die Leipziger Gemeinde auch beim Bonifatiuswerk, dass sich dort um Katholiken kümmert, wo diese in Unterzahl sind. Trotzdem: Für den Neubau braucht es insgesamt rund 15 Millionen Euro, davon ist St. Trinitatis noch weit entfernt.

Für Teile der Finanzierung kann sich Lothar Vierhock durchaus die Beteiligung privatwirtschaftlicher Unternehmen vorstellen. Er sieht keinen Widerspruch zwischen wirtschaftlichen Belangen und Glaubensfragen. Wer in die Kirche investiere, investiere auch in die Zukunft: „Die Aufgabe der Kirche ist nicht allein eine Glaubenstradierung, sie ist auch Teil einer kulturellen Identität.“ Er sieht die Kirche in der Position, Fragen zu stellen und auf bedenkliche Entwicklungen in der konsumorientierten Gesellschaft hinzuweisen, wie etwa verkaufsoffene Sonntage in der Vorweihnachtszeit. Entscheidend sei der Diskurs innerhalb der ganzen Gesellschaft. Um diesen anzustoßen, ist der neue Standort im Herzen Leipzigs und in direkter Nachbarschaft zum Neuen Rathaus optimal.

Propsteikirche Leipzig: Blick aus Richtung Peterssteinweg-Martin-Luther-Ring

Neue Propsteikirche: Blick aus Richtung Peterssteinweg-Martin-Luther-Ring.Foto: Propstei St. Trinitatis Leipzig / Flickr

Das Gelände soll nicht nur neue Heimat für die Gemeinde werden, sondern bedeutet auch eine Rückkehr mitten ins Leben der Stadt. Dr. Heiner Giese, Diözesanbaumeister und einer der Fachpreisrichter beim Architektenwettbewerb, bezeichnet den prominenten Standort als unübersehbares Angebot einer Kirche, die sich nicht verstecken muss. Sowohl eine Kirche der Offenheit als auch ein Raum der Stille und geschützte Heimat für die Gemeinde soll hier entstehen. Sie soll aber auch einladend wirken – gerade für Nichtgläubige.

Die offene Architektur bildet laut Giese keine Trennung von öffentlichem und kirchlichem Raum und mache neugierig. Die „unaufgeregte“ Architektur des schließlich favorisierten Entwurfes wurde als dafür angemessen gewählt. Sie verbindet die Ansprüche des Gemeindelebens mit den städtebaulichen Anforderungen. Für die Leipziger Architekten Benedict und Ansgar Schulz war es demnach „ein besonderes Anliegen, die neue Propsteikirche aus dem Organismus der umgebenden Stadt heraus zu entwickeln“. Bischof Joachim Reinelt betonte bei der Vorstellung des Konzeptes eben diese „Offenheit in die Stadt hinein“ und die Möglichkeit, „als eine Oase inmitten des Getriebes ein Rückzugsort“ sein zu können.

Geboren 1981. Diplomjournalistik und Germanistik in Leipzig studiert. Heute frei schreibend und auch sonst gern am Texten.

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2 Antworten zu "Raum für Glauben"

  1. Sebastian Lammermann sagt:

    Ich bin zwar selber kein Christ, denke aber, dass alle Religionen sich ihre Gotteshäuser erbauen dürfen sollen. Was mir bisher in Leipzig noch fehlt ist allerdings eine repräsentative Moschee.

    Was geschieht eigentlich mit dem jetzigen Standort der Kirche?

  2. rudi ratlos sagt:

    Ich bin etwas schockiert über diesen großen Würfel. Der oder die Architektin haben scheinbar nach dem Motto geplant:Klotzbau, Würfel, Schornstein, Licht – Leipzig wird zum Mondgesicht. Muss das sein? ich verstehe die Verantwortlichen in Kirche und Politik gar nicht! Warum muss in Leipzig seit der Wende nur noch Häßliches entstehen? Die so genannte Uni-kirche/Uniaula is auch so was von Betonbrutal ohne jeglichen Sinn fürs Schöne,dann das Bildermuseum am Sachsenplatz furchtbar brutal und jetzt auch noch der Abriss am Brühl, der proportional gut passenden 60iger und 70iger Jahre Neubauten. Irgendjemand sitzt da hinter den Kulissen und sorgt dafür, dass es in Leipzig Innenstadt nur noch SCheiße regnet.

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