“Kennen wir uns?”

Linie 1 Richtung Lausen
„Kennen wir uns eigentlich?“ fragt sie, Mitte 30, rundlich, kurze Haare. Irritiert zieht sie die Augenbrauen zusammen. „Ne“, sage ich und frage noch einmal: „Wie geht’s Ihnen denn?“ „Gut“, sagt sie nach einem kurzen Zögern. Und dann: „Ist ja so ein schöner Sonntag.“ Sie erzählt von ihrem Tag. Auf dem Südfriedhof war sie, gemeinsam mit der, die neben ihr sitzt. Ob es ihre Mutter ist? Sie haben die Gräber der Familie im Südfriedhof gepflegt. Jetzt sind sie auf dem Weg nach Hause, nach Grünau. Sie erzählt weiter und weiter, beinahe verpasse ich meine Station. Überrascht steige ich aus und winke noch einmal. Wie leicht es doch ist, etwas über andere zu erfahren. Warum tun es eigentlich so wenige?

Linie 4 Richtung Stötteritz
Er könnte noch ein Teenager sein, trägt Kapuzenjacke und Kopfhörer um den Hals. Im Sitz neben mir ignoriert er mich. Ich lächle ihn an. Stur blickt er geradeaus. Noch ein Lächeln. Keine Reaktion. Eigentlich muss er es bemerkt haben. Jetzt starre ich auch. Ihn an. Reagieren will er trotzdem nicht. Aber er wird unruhig. Ist das schon zu aufdringlich? Mir wird ein wenig mulmig, ich wende den Blick ab. An der nächsten Station steigt er aus. Puh.

Linie 1 Richtung Mockau
Erich hört schwer. Seine Frau Erika muss laut reden. Ich auch. Warum man sich in der Straßenbahn so selten unterhält, frage ich ihn in Disko-Lautstärke. Und werde rot, weil spätestens jetzt die ganze Bahn zuhört. Dann widerspricht mir Erich auch noch. Es gebe öfter mal Leute, die ihn und seine Frau ansprechen. „Aber so ganz normal sind die nicht“, sagt er. Bilde ich mir die Blicke ein, die in meinen Rücken bohren? Sagen tut niemand etwas. Gut, dass ich gleich aussteigen muss.

Linie 7 Richtung Böhlitz-Ehrenberg
Ich belausche mein Gegenüber am Telefon. Es geht um die Designer’s Open, Modemesse. Sie will hin, er nicht. Genervt legt sie auf, streicht sich die schwarz gefärbten Haare aus dem Gesicht. Ich nehme meinen Mut zusammen. „Warst du denn schon da?“ frage ich, „bei den Designer’s Open?“ Sie sagt ja, nicht ohne Überraschung in der Stimme. Ich frage sie aus: Was gibt es zu sehen, wer stellt aus, berühmte Leute, interessante Objekte? Viel mehr als ja und nein kommt nicht zurück. Nach einer Weile schweigen wir uns an. Peinlich, wir kennen uns jetzt ja.

Linie 11 Richtung Schkeuditz
Monstermütze sitzt mir schräg gegenüber und klettert gerade auf seinen Sitz. Ich bin neidisch – auf seine Mütze mit den neongrünen Monsteraugen und wie er die Mitfahrer rumkriegt. Ein Glucksen von ihm, ein Lächeln und mindestens drei kommen zurück. Kleinkind müsste man sein. Frustriert ziehe ich mein Buch raus. Gegen ihn habe ich keine Chance. „Sag mal, ist das gut?“, fragt da plötzlich eine Stimme, „ich hab die ganze Zeit überlegt, ob ich’s lesen soll.“ Ich schaue auf, nicht weniger verwundert als meine Gesprächspartner vorher. Dann fange ich an zu reden. Wer das ist, der mir da zuhört? Egal. Morgen holt sie sich Stieg Larsson aus der Bibliothek.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Dorothea Hecht, Geschichten

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