Zu: Planspiel Börse

Bankenpleiten, Spekulanten, Schuldenkrise – ist mein Geld noch sicher? Natürlich nicht, sagt unser Kolumnist Jan Kröger. Sicher ist nur, dass man Geld schnell loswerden kann, meint er. Zum Beispiel an der Börse. Dort kann man sein Geld schon allein dafür ausgeben, dass man sogenannte Insider um Tipps fragt. Hier sein Erfahrungsbericht.

Foto: Hildegard Armbruster / pixelio.de
in Kooperation mit detektor.fm

Die Börse – in Anzug gekleidete Duracell-Hasen auf Ecstasy und intravenöser Kaffeezufuhr verdienen ein Heidengeld und jagen ganze Staaten in die Existenzkrise. Reich werden ohne ehrliche Arbeit – das ist der unterbewusste Traum des Journalisten. Und so interessierte auch mich die Frage: Was ist das Geheimnis, wenn man an der Börse Geld anlegen will?

Zum Glück gibt es ja Profis, dachte ich mir, die haben bestimmt ein paar gute Ideen. Wie praktisch, dass sie bereit sind, ihr Fachwissen in kostenlosen Newslettern zu verbreiten. Der Newsletter ist schnell bestellt, kommt alle paar Tage per Mail, und man lernt zuerst, dass kostenlose Newsletter zu zwei Dritteln aus Werbung für kostenpflichtige Insidertipps bestehen.

Newsletter Nr. 1 kam am Tag, nachdem der EU-Gipfel seinen Rettungsschirm erneuert hatte, an der Börse ging’s deutlich bergauf. Und das schrieb ein Experte für – Achtung! – langfristige Investitionen: „Es bestehen jetzt gute Chancen auf eine mächtige Jahresend-Rallye, worauf im kommenden Jahr ein Angriff auf die All-Time-Highs folgen sollte. [...] Auf Crashs wie im diesjährigen August folgen nach einer Bodenbildungsphase stets ebenso kräftige Aufholjagden. [...] Anstatt abzuwarten, bis der Zug längst abgefahren ist, folgen Sie diesmal besser den Trends.“ Außerdem noch ein paar originelle Sprachbilder darüber, dass „die Börsenampeln … vollends auf grün“ stehen. Ob dem mal jemand gesagt hat, was passiert, wenn alle Ampeln auf grün stehen?

Eine Woche später kam Newsletter Nr. 2. Nun gab’s Verluste, Griechenlands Ministerpräsident hatte gerade seine Idee mit der Volksabstimmung. Nicht so schlimm, stand im Newsletter, „da die Tiefpunkte nach wie vor ansteigend sind.“ Ansonsten aber keine Euphorie wie noch die Woche vorher, dafür wieder jede Menge Sprachbilder: Die Kurse würden „ihren übergeordneten Trend gen Süden fortsetzen“, „Noch ist die Kuh nicht vom Eis und noch gilt es … mit angezogener Handbremse zu agieren.“

Fazit: Diesen Dreck kann sich jeder selbst zusammenschreiben. Die Pointe kam aber vorgestern: „Sehr bald werden Sie sich ein nigelnagelneues, schön ausgestattetes Porsche Boxster S Cabriolet kaufen. Dafür müssen Sie heute nur 5.000 Euro investieren!“ Denn: „Diese Aktie wird wohl 1500 Prozent zulegen!“ Welche Aktie das ist? Das weiß natürlich nur der kostenpflichtige Newsletter…

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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