Zu: Rasen betreten strengstens erlaubt

Gesetze sollen das Zusammenleben der Menschen innerhalb einer Gesellschaft regeln. Dabei benennen sie vor allem alles, was verboten ist und wie es bestraft wird. Nur selten gibt es Gesetze, die ganz bewusst etwas erlauben. Dabei sind die manchmal umso nötiger. Unser Kolumnist Jan Kröger mit einem Beispiel.

Die Kolumne zum Nachhören gibt’s bei detektor.fm

Gesetze haben einen klaren Nachteil: Sie handeln vor allem von Dingen, die man nicht machen soll. Geht es ums große Ganze, um deutliche Aussagen wie „Du sollst nicht töten“, dann müssen wir über ihren Sinn gar nicht weiter reden. Aber seitdem hat sich leider jede Menge Mist angesammelt und mit dem gleichen Eifer, den die zehn Gebote gegen Töten, Stehlen und Ehebrechen aufbringen, gibt es heute Vorschriften gegen Fahrrad fahren, Fahrrad abstellen und Rasen betreten.
Da tut es unheimlich gut, wenn man einen Gesetzestext findet, der endlich einmal etwas erlaubt. So gibt es zum Beispiel in der Verfassung des Freistaats Bayern den wunderschönen Satz: „Der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet.“

An diesem Satz fallen zwei Dinge auf. Erstens: Juristen sind verdammt unbeholfen, wenn sie ausnahmsweise mal was Positives formulieren dürfen. Zweitens dachte ich: Wozu ist dieses Satzmonster notwendig? Das alles ist doch selbstverständlich.
Aber offenbar ist es das nicht. Lese ich zumindest in einem Artikel auf sueddeutsche.de. Darin heißt es: Kinder können mit elf Jahren Begriffe wie Kyoto-Protokoll oder Treibhausgasemission erklären, haben dafür aber keine Ahnung, wie es sich etwa anfühlt, wenn sich die eigene Hand versehentlich in einem Spinnennetz verfängt. Sie bekommen Natur als etwas beigebracht, das unter Denkmalschutz steht. Und nicht als Lebensraum, in dem sie deswegen wunderbar toben und spielen können, weil sie selbst ein Teil der Natur sind. Überängstliche Eltern tun ihr übrigens. Die Zahl der Anmeldungen für Waldkindergärten geht zum Beispiel zurück, wenn im Radio der obligatorische Beitrag zur Zeckensaison läuft. Und der Betreiber eines Naturschutzzentrums in Oberbayern erzählt: Wenn er eine Schulklasse fragt, wer denn Lust hat, einen Baum hochzuklettern, antwortet die Hälfte „Darf man das?“

Richtig, da kommt der kleine Junge in mir durch. Spielen, ausprobieren, manchmal gewinnst du, manchmal scheiterst du. Wer niemals Fehler macht, macht längst noch nicht alles richtig. Und jetzt mal unter uns Chauvinisten: Beim Genuss von Naturschönheiten oder der Aneignung wildwachsender Waldfrüchte haben gerade wir deutschen Männer längst ein Image, das mit risikoscheu noch freundlich umschrieben ist.
In diesem Sinne: Trau dich was! Betrete den Rasen! Und zwar strengstens!

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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