Zu: Zaunkrieg

Auch eine Woche nach den Anschlägen von Oslo und der Insel Utøya trauert Norwegen um die 76 Toten. Als ein Land im Schockzustand wurde Norwegen in den vergangenen Tagen beschrieben, aber es scheint auch eine Gesellschaft mit festen Überzeugungen zu sein. Unser Kolumnist Jan Kröger kennt Norwegen aus dem Auslandsstudium und sagt: Wir können uns einiges abschauen.

Es ist drei Wochen her, da scheiterte mein feiger Anschlag auf den Hauptbahnhof von Halle an der Saale. Ich hatte es eilig, brauchte noch eine Fahrkarte. Im Hallenser Bahnhof stehen die Automaten etwa fünf Meter hinter den Eingangstüren. Die Türen standen offen, kein Mensch war im Weg, also trat ich noch einmal in die Pedale und rollte aus bis zu den Automaten. „Wenn du das das nächste Mal machst, schmeiß ich dich vom Rad“, hörte ich hinter mir die Stimme eines aufmerksamen Hilfssheriffs. Ich fragte ihn, mit welcher Berechtigung er mir denn beim Absteigen behilflich sein wolle. Er deutete auf den Rücken seiner Jacke: „Wenn du lesen kannst: Das steht hinten drauf.“

Auf seinem Rücken stand „DB Sicherheit“ – diese schlechte Kopie einer Rockerbande, die in Bomberjacken durch die Züge streift, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Besonders Regionalbahnen sind ja ein wahres Auffangbecken für asoziale Elemente: Alkoholiker, Rumtreiber, Fahrradfahrer. Wenn tatsächlich ein paar betrunkene Jungs zusteigen und den halben Zug zusammengrölen, dann bin auch ich genervt. Aber erst wenn Bahnchefs Privatmiliz durch die Gänge trampelt und ihre Mitmenschen mit mürrischer „Alles Terroristen“-Visage belästigt, erst dann bekomme ich das Gefühl, dass irgendwas unsicher ist.

Am Ende aber ist die „DB Sicherheit“ nur ein Ausdruck der politischen Kultur hierzulande. Auf so einen Gedanken kann man nämlich kommen, wenn mal vergleicht, wie unterschiedlich Politiker auf die Anschläge von Norwegen reagiert haben. Da sind die norwegischen, allen voran ein Ministerpräsident, der Mitarbeiter und Bekannte verloren hat, er spricht von mehr Offenheit, mehr Toleranz, mehr Demokratie. Und da sind die deutschen, die von mehr Verboten und mehr Datenspeicherung sprechen. Am besten noch mit dem Zusatz: So ein Akt eines Einzeltäters kann natürlich nie ganz verhindert werden. Aber Hauptsache, es gibt mal wieder was zu kontrollieren.

Und etwas klugzuscheißen. Verschiedene Medien kamen mit der Frage: „Ist das skandinavische Modell gescheitert?“ Erstens: Warum? Zweitens: Es ist verdammt arrogant, Länder als „Modell“ zu bezeichnen, die ihr Gesellschaftssystem schon aufbauten, als in Deutschland noch Adolf regierte. Drittens: Die Skandinavier revanchieren sich auf ihre Weise, denn sowohl Norweger als auch Schweden haben das deutsche Wort „Besserwisser“ 1:1 in ihre Sprachen übernommen.

Umgekehrt gibt’s was zu lernen. Ich sollte auch in Norwegen nicht mit dem Fahrrad in den Bahnhof fahren. Ein ganz normaler Mensch, vielleicht ein Zugführer oder eine alte Oma, würde mich darauf aufmerksam machen, womöglich noch mit einem Lächeln. Auf keinen Fall aber wäre es irgendeine Bahnhofs-SA. Doch der entscheidende Unterschied ist: Das eine Land hält seine Bürger immer wieder dazu an, über Nachbars Gartenzaun zu schauen. In dem anderen Land gibt es einfach weniger Gartenzäune.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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