Zu: Märchenland

Bei der letzten Bundestagswahl schien die SPD ein Fall für den Denkmalschutz geworden zu sein: alt, ehrwürdig, aber mit 23 Prozent der Wählerstimmen in der Gegenwart nicht mehr gefragt. Es kamen Fragen auf: Wie geht die SPD damit um? Schafft sie es, sich neu aufzustellen? Wird die SPD noch gebraucht? Als unser Kolumnist Jan Kröger die Nachricht hörte, dass die SPD sich über ihre Beteiligungsholding ein Kreuzfahrtschiff gekauft hat, da wusste er die Antwort: Die SPD will gar nicht mehr gebraucht werden.

In Kooperation mit detektor.fm

Es war einmal ein Land, in dem war alles sauber aufgeteilt in zwei Gruppen – nennen wir sie ruhig die Schwarzen und die Roten. Wenn die Schwarzen regierten, wurden die Renten erhöht. Wenn die Roten regierten, gingen die Löhne nach oben. Wenn es soziale Missstände gab, dann durften die Roten sie anprangern. Aber vorsichtig und nicht zu laut, denn ihre Gehaltsschecks bekamen sie von den Schwarzen.

So klingt das für mich, wenn etwa mein Vater nostalgisch von einem Land erzählt, das man heute die alte Bundesrepublik nennt. Jeder wusste, zu welcher Gruppe er gehörte, im Prinzip bekam er das schon durch Papas Sperma übertragen. Alles war übersichtlich, sogar die Hauptstadt, die hieß Bonn. Ein kleiner Fleck auf der Landkarte, als hätte Köln einmal geschissen und nicht runtergespült. Die Reichen wurden noch reicher und die Armen konnten sich was leisten. Das klappte super, bis man irgendwann feststellte, dass das übersichtliche Land mit einer dreizehnstelligen Summe verschuldet war. Und damit herzlich Willkommen in der Bundesrepublik, die ich kennengelernt habe.

Ich hab keine Ahnung, ob ich nun zu den Roten oder den Schwarzen gehöre. Laut Papas Sperma müsste ich ein Roter sein, SPD-Anhänger, aber warum sollte ich? Hier mal ein paar Meldungen der letzten Tage. Nummer eins: Der neue Hoffnungsträger der SPD heißt Peer Steinbrück, Klammer auf, 64, Klammer zu. Nummer zwei: Schlagersänger Roland Kaiser will für die SPD auf Wahlkampfveranstaltungen singen. Nummer drei: Die SPD hat ein Kreuzfahrtschiff gekauft. Warum eine Partei ein Kreuzfahrtschiff haben muss und sogar als Reisebüro auftritt, weiß ich nicht. In der Meldung hieß es: „Bisher hatte der SPD-Reiseservice vor allem Fahrten zu Parteitagen organisiert oder politisch geprägte Reisen.“ Nachdem ich aber auf der Website war, muss ich eingestehen: Ich hatte keine Ahnung, wie politisch geprägt doch die Mandelblüte auf Mallorca ist.

Roland Kaiser, Kreuzfahrten, Mandelblüte – da fühlt man sich als junger Erwachsener so richtig angesprochen. In Zeiten, in denen die Reichen noch immer reicher werden, die Armen sich aber weniger leisten können, bieten mir die Roten von heute als Antwort ein bisschen BRD-Nostalgie. Nach dem Motto: Wenn schon Bankrotterklärung, dann wenigstens in schöner Umgebung.

Was lerne ich daraus: Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Kreuzfahrtschiffchen kaufen. Denn während ringsherum alles versinkt, schippere ich über das Weltmeer. Peer Steinbrück serviert das Captain’s Dinner aus der Gulaschkanone. Dann kommt der Geist von Willy Brandt herabgefahren, zwar nicht von Engelschören begleitet, aber wenigstens für Roland Kaiser hat’s gereicht. Und Willy führt uns alle ins Paradies, Klammer auf, Bonn, Klammer zu.

Möglichkeit zwei: Ich lande endlich in der Gegenwart.

Foto: snuesch / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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