Zu: Töchter, Söhne, Alpenrind

„Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang / sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang.“ Das ist kein Schlager von Heino, sondern das ist die zweite Strophe der deutschen Nationalhymne. Es ist auch alles andere als eine Liebeserklärung. Das Beste, was man über diese Zeilen sagen kann, ist wohl, dass Frauen wenigstens erwähnt werden. Eines unserer Nachbarländer hat nämlich jetzt nach Jahrzehnten festgestellt, dass seiner Hymne die Frauen fehlen – und damit unserem Kolumnisten Jan Kröger sein Thema für diese Woche geliefert.

in Kooperation mit Detektor.fm

Zum Ausklang der Fußball-WM wird es Zeit, sich wenigstens einmal gehörig in die Nesseln zu setzen. Geschlechterpolitisch, meine ich natürlich. Es geht um Musik, wie es sie bei der WM regelmäßig zu hören gab, allerdings aus einem Land, das nicht bei der WM dabei war. Frauenfußball hat es in jedem Land schwer, in dem rostende Machos und fundamentalistische Geistliche entscheidende Kräfte der Gesellschaft sind. Richtig: Es geht um Österreich.

Wie jedes andere Land hat auch ein Zwergstaat das Recht auf eine Nationalhymne. Nationalhymnen sind nicht allzu aufwändige Melodien, zu denen man entweder belanglos Land und Leute oder blutrünstig irgendwelche militärischen Heldentaten besingt. Das hängt ab von der Geschichte des Landes. Für Österreich kamen folgerichtig nur Land und Leute in Frage. Nun aber heißt es in der vierten Zeile: „Heimat bist du großer Söhne“. Und da dachte sich die österreichische Politik: Mensch, wenn sogar der Jörg Haider im Bett keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau gemacht hat, dann lasst’s uns doch auch die österreichischen Töchter besingen. Ist jetzt ausgemachte Sache – nur wie der Text genau lauten soll, das weiß noch keiner.

Es gibt da nämlich folgendes Problem: So ein Hymnentext ist ja ein Gedicht, ein schlechtes und schwulstiges, aber es gibt Reime, es gibt einen Sprachrhythmus – und dann muss alles auch noch auf die Melodie passen. Wer schon mal versucht hat, sich korrekt geschlechtsneutral auszudrücken, der weiß, dass die Sprache meist verdammt unlyrisch wird. Ein österreichischer Vorschlag heißt zum Beispiel: „Heimat bist du großer Töchter und großer Söhne“ – muss man halt fünf Silben mehr in die Zeile quetschen, ist ja eh nur symbolische Gleichstellung, wird schon niemand auf die Idee kommen, den Text tatsächlich zu singen.

Die Söhne muss man übrigens drin lassen, weil sonst der Reim in der nächsten Zeile nicht mehr passt: „Volk, begnadet für das Schöne“. Woran man wiederum erkennt, dass der Text lange vor DJ Ötzi entstanden ist. Oder man schreibt gleich beide Zeilen um. Da habe ich einen Vorschlag eingereicht: „Heimat bist du großer Kinder, / Töchter, Söhne, Alpenrinder“. Der österreichische Bundespräsident hat bislang nicht geantwortet.

Übrigens: Eigentlich ist Österreichs Hymne längst ein herausragendes Beispiel gegen den Chauvinismus. Paula Preradovic heißt ihre Autorin. Sie bewies schon 1946, dass Frauen, wenn sie wollen, genauso schlechte Texte schreiben können wie Männer.

Foto: AngelaL / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

Eine Antwort zu "Zu: Töchter, Söhne, Alpenrind"

  1. Denver sagt:

    „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang / sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang.“ – ist zwar kein Schlager von Heino. Aber unsere deutsche Eiche traut sich wenigstens, den Text zu singen. Da muss dann auch niemand mehr irgendwelche Zeilen dazwischen quetschen. Das hätte der Texter Hoffmann von Fallersleben nun auch wahrlich nicht verdient! “Deutschland, Deutschland über alles …” wurde nämlich von ihm für Männer und Frauen gleichermaßen gedichtet.

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