Zu: Frauen und Fußball

Am Sonntag wird in Berlin die Fußball-WM der Frauen eröffnet. Deutschland startet gegen Kanada und hofft, am 17. Juli zum dritten Mal Weltmeister zu werden. Und viele hoffen auch auf eine größere Popularität für den Frauenfußball insgesamt. Gerne doch, sagt unser Kolumnist Jan Kröger. Aber damit das klappt, sollte man Frauenfußball nicht immer mit Erwartungen überladen, die mit dem Sport selbst rein gar nichts zu tun haben.

In Kooperation mit detektor.fm
Foto: AARGON / pixelio.de

Fußballverbände haben auch ihr Gutes, sie sind zum Beispiel eine großartige Karikatur von geldgeilen Konzernen und autoritären Schurkenstaaten. Der Satz „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut“ könnte genauso gut aus dem Scharia-Paradies Iran stammen, er kommt aber vom Deutschen Fußball-Bund. Gut, das war in den 50ern, aber noch vor 25 Jahren riet der DFB von Trikotwerbung im Frauenfußball ab: „Aufgrund der Verzerrungen durch die Anatomie kamen wir zu dem Entschluss, dass durch Werbung im Brustbereich der Trikots keine neuen Einnahmequellen für den Damenfußball liquiiert werden können.“

Doch jetzt ist 2011, wir werden Weltmeisterin. Und der DFB hat’s schon immer gewusst. Funktionäre und Sportreporter jubeln von allen am lautesten – zwei Berufsgruppen, deren Frauenanteil ungefähr auf Gorch Fock-Niveau liegt. Familienväter schalten ein zum Vorrundenspiel Australien gegen Äquatorialguinea, denn sie wissen: Wer Frauenfußball guckt, ist ein Mann des 21. Jahrhunderts. Natürlich achten sie darauf, dass ihre Frau das auch mitbekommt – schau her, Weib, ich bin emanzipiert, sag bloß nicht nochmal, dass Männer es leichter haben als Frauen! Die besonders Engagierten empören sich noch darüber, dass nach der WM trotzdem wieder niemand die Frauen-Bundesliga sehen will. Selbst hingehen würden sie natürlich auch nicht, aber es muss ja mal aufs Schärfste verurteilt werden.

Und dann wird’s auch noch politisch, denn Fußballnationalmannschaften, egal ob männlich oder weiblich, geben uns für 90 Minuten das Gefühl: Hey, das mit der Integration von Ausländern muss man uns Deutschen erstmal nachmachen. Personalchefs, die Bewerbungen aussortieren, wenn auf dem Absender Ayşe Yılmaz steht, flennen über die Lebensgeschichte von Nationalspielerin Lira Bajramaj: als kleines Mädchen aus dem Kosovo geflohen, das Fußballspielen heimlich angefangen, damit der Vater es nicht merkt. Der Schwindel flog auf, aber Papa sah, dass sie gut war und ließ sie weitermachen. Angela Merkel und Christian Wulff werden die Umkleidekabine stürmen, um Fotos mit ihr zu machen.

Es geht hier nicht um eine Fußball-WM, es geht um eine bessere Welt. Vergessen ist, dass Klein-Lira nur weiterspielen durfte, weil sie wirklich, wirklich gut war – dass viele Mädchen eben nicht spielen dürfen, weil Papa ja weiß: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut.“ Einen Satz wie „Bundestrainerin Silvia Neid nimmt sich ihre Spielerinnen zur Brust“ finden wir Männer immer noch durchaus lustig. Vor allem aber: Frauenfußball ist Leistungssport. Es gibt großartige Spiele, es gibt furchtbare Spiele. Was zählt, ist der Titel. Es gibt faire Spielerinnen, es gibt unfaire. Und daher ist es stinknormal, wenn etwa Nationalspielerin Simone Laudehr ihr Zweikampfverhalten mit den Worten beschreibt: „Wenn sie nervt, trete ich!“

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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