Zu: Kabelsalat

Wenn unser Kolumnist Jan Kröger schreibt, dann klickt er sich zunächst stundenlang durchs Internet und sucht nach Anregungen. Aber was ist, wenn das Internet ausfällt? Dann passiert das hier: Er schreibt einfach spontan drauf los.

In Kooperation mit Detektor.fm

Eigentlich ist es wie in Kenia, da war ich vor zwei Jahren. Ich beginne meinen Tag im Internet-Café, schreibe eine Email nach Hause, klicke auf „Senden“ und es erscheint für eine halbe Stunde die berühmte Sanduhr. Irgendwann ist das Internet ganz weg, die Email muss ich halt morgen wieder schreiben, ich zahle den Wochenlohn eines einheimischen Bauarbeiters und quetsche mich ins nächste Sammeltaxi. Die nächste Stunde verbringe ich im Stau von Nairobi, dann bin ich da, wo ich eigentlich schon längst hätte sein müssen – aber das Wort „Verspätung“ ist hier unnötig, wahrscheinlich gibt es das auf Swahili auch gar nicht.

In dem Slum, wo der kleine Radiosender steht, bei dem ich mitarbeite, ist eh der Strom ausgefallen – oder, wie die kenianische Regierung es ausdrückt: Der Strom wird rationiert. Geniale Idee, so macht man ein Problem, das das Volk gern beseitigt hätte, noch zum Programm. Ist aber eigentlich nicht so schlimm, es steht da ja noch ein Generator. Nur fehlt halt gerade das Benzin, um den zum Laufen zu bringen. Die Frage ist, ob man bei der drei Kilometer entfernten Tankstelle welches holen soll. Aber dann ist da dieser Fußball – und Fußball spielen macht eh mehr Spaß als Radio. Kein Benzin, kein Strom, kein Internet – dafür aber gute Laune.

Klappt hier nicht. Statt in Nairobi sitze ich in Leipzig, wir haben Benzin und wir haben Strom. Nur das Internet ist gerade ausgefallen. Würde man uns beobachten, es wäre das Paradebeispiel, wie eine junge Journalistengeneration daran scheitert, so zu arbeiten wie im fernen Jahr 1995. Der Kollege neben mir simuliert Beschäftigtsein, indem er durch eine Zeitung blättert. Alle fünf Minuten grummelt er den Computer an und beschwört das Internet, doch bitte mal schneller zu machen. Der nächste blickt verschwörerisch in den Innenhof und verdächtigt die Bauarbeiter – er nennt sie liebevoll „Honks“ – sie hätten zielgenau das entscheidende Kabel erwischt. Und anstatt dass jemand sagt „Dann lass halt Fußball spielen“, heißt es: „Ey, gib mal bitte dein iPhone her, ich muss Mails
checken.“

Jetzt schlägt die Stunde der Sozialromantiker, mit Sprüchen wie „Die Europäer haben die Uhren, die Afrikaner haben die Zeit.“ So als wäre Afrika auch noch froh darüber, wenn es dort an Dingen mangelt, die hier selbstverständlich sind.

Und weil für uns zum Beispiel Internet selbstverständlich ist, nervt’s, wenn es trotzdem nicht funktioniert. Kaum ein Grundbedürfnis, das noch ohne Internet denkbar ist, egal ob einkaufen, kommunizieren oder masturbieren. Das bedroht nicht gleich unsere ganze Spezies, wohl aber kulturelle Kleinode wie die „St. Pauli Nachrichten“ und ähnliche Ladenhüter aus der Reihe „Sag Ja zu weiblicher Körperbehaarung!“ Wie ich jetzt noch darauf komme? Ganz einfach: Trotz allem schadet es ja nichts, wenn man mal auf was verzichten kann.

Foto: Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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