Zu: Spezies Provinzpolitiker

230854_R_by_HAUK-MEDIEN-ARCHIV---Alexander-Hauk---www.alexander-hauk.de_pixelio.de Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker – sie alle gelten als große Politiker. Und damit auch als Ausnahmeerscheinung. Sie sind die Ausnahme zu ihren normal begabten Berufskollegen. Ob sie nun Seehofer, Beck oder Mappus heißen: Wenn man nett ist, nennt man sie Landesväter. Wenn man unser Kolumnist Jan Kröger ist, nennt man sie Provinzpolitiker. Eine Spezies, mit der er sich schon seit Jahren beschäftigt.
Foto: HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / www.alexander-hauk.de / pixelio.de

Was wäre Deutschland ohne seine Provinzpolitiker? Da ist Verkehrsminister Ramsauer aus Traunwalchen, da sind die Ministerpräsidenten Kurt Beck aus Steinfeld und Peter Harry Carstensen aus dem Elisabeth-Sophien-Koog. Bis Sonntag gab es auch noch Stefan Mappus, der in Mühlacker-Enzberg immerhin die Grundschule abgeschlossen hat.

Doch was ist mit den wahren Provinzpolitikern? Alternde Männer in schlecht sitzenden grauen Anzügen, die auf dem Grillfest der Feuerwehr das erste Bier trinken und die dem Frühlingstreffen der Landfrauen mit dem Verschlingen von Sahnetorten das gewisse Etwas verleihen.

Der Prototyp dieser Art war für mich immer Henning Möller. Ich war 18, als ich ihn kennenlernte. Ich probierte mich seit wenigen Wochen als Lokalreporter, er war schon lange Jahre Bürgermeister von Tetenbüll. Tetenbüll liegt zwischen Poppenbüll und Kotzenbüll, mal so zur groben Orientierung. Im Mai 2002 hielt Henning Möller eine Ansprache, deren handsigniertes Manuskript ich bis heute aufbewahre:
„Wir setzen uns ganz eindeutig für die Belange der Gemeinde Tetenbüll ein, dafür sind wir gewählt worden, dies denken wir jedenfalls, erwarten alle die, die zur letzten Wahl gegangen sind, und uns gewählt haben. […] Dass jeder … eine Meinung haben darf und sollte, wird doch wohl nicht angezweifelt. […] Wenn 2 von 9 Stimmen die Mehrheit ausmachen würden, wäre es gleichbedeutend mit der Vorstellung ‘Schwanz wackelt mit Hund’.“

Henning Möllers Schwanzhund-Rede wurde für mich erst in dieser Woche übertroffen: Edgar Pöpel, Bürgermeister a.D. im oberfränkischen Rehau, hatte sich verewigt in einer Beilage der lokalen Zeitung – und dafür sämtliche Phrasen, die er in seiner Laufbahn gesammelt hat, noch einmal durch den Mähdrescher geschickt:
„Überschaubare kommunale Gebietskörperschaften gelten heute als das Gebot der Stunde. … Das tägliche Wahrnehmen schenkt Freiraum und Entfaltung. Die örtliche Daseinsfürsorge stärkt das bürgerliche Bewusstsein. … Der gesunde Verstand, die Natur und der heilende Geist von Haus zu Haus und über den Gartenzaun hinweg sind die Wesensmerkmale von uns Rehauern. […] Die Freude und die Sinndeutung an unsere konzentrierte Stadt sind uns innere Bereicherung.“

Doch eines haben Edgar Pöpel und Henning Möller ihren Artgenossen voraus: Sie wissen, Provinzpolitiker streben nicht nach Höherem. Weit weg von Bieranstich und Sahnetorten versagen sie gegen schmierige Banker, windige Bauunternehmer oder clevere Stromkonzerne. So wie Carstensen, Beck und Mappus. Das sind Momente, in denen Provinzpolitiker nur noch überfordert und tapsig wirken – oder in den Worten eines großen Philosophen: wie Schwanz wackelt mit Hund.

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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