Zu: Welteinschnitt

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Die Ereignisse in Japan haben in den letzten Tagen wohl kaum jemanden in Ruhe gelassen. Da sind einerseits Tausende Opfer von Erdbeben und Tsunamis, da sind andererseits die Befürchtungen um das Atomkraftwerk Fukushima. „Ein Einschnitt für die ganze Welt“ – so nannte Bundeskanzlerin Merkel die Ereignisse in Japan. Unser Kolumnist Jan Kröger würde das mit dem Einschnitt nur zu gern glauben.

Wenn ich die Bilder der letzten Tage aus Japan sehe, dann muss ich sagen: Ich bin überfordert, das übersteigt meine irdischen Fähigkeiten – und überirdische hab ich keine. Selbst wenn ich es im Suff mal behauptet haben sollte. Damit hab ich’s leichter als Angela Merkel. Vielleicht denkt sie sogar dasselbe. Aber sie macht Politik. Da wimmelt es von Menschen, die zumindest so tun, als hätten sie überirdische Kräfte. Und leider gibt es auch genügend Idioten, die ihnen diese Kräfte zuschreiben. Nach dem Motto: Sehet das Wunder, der Mann hat eine Doktorarbeit erschaffen, ohne auch nur ein Wort zu schreiben!

In diesem Umfeld kann Angela Merkel nicht einfach sagen: Ich bin überfordert. Stattdessen benutzt Angela Merkel die Politikersprache, die beherrscht sie perfekt. Der Satz „Ich bin überfordert“ heißt in der Politikersprache: „Wir können jetzt nicht so einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Damit entsteht schon das nächste Problem. Denn was machen Politiker normalerweise, nachdem sie diesen Satz gesagt haben? Sie gehen zur Tagesordnung über.

Außerdem sagte Angela Merkel: „Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die ganze Welt.“ Dazu kann ich nur sagen: Schön wär’s. Was passiert ist, ist ein Einschnitt im Leben Tausender Japaner. Der Verlust von Familienmitgliedern und Freunden, von allem, was man hatte – das sind tiefe Kerben. Aber sonst?

Da debattiert der Bundestag über Atomkraft und alle Parteien beschuldigen sich gegenseitig, es gehe doch nur um die nächsten Landtagswahlen. Die Stromkonzerne melden sich auch zu Wort, natürlich wollen sie von ihren Kraftwerken auch die Oldtimer weiterbetreiben. Klingt alles wie vorher. Wo ist der Einschnitt? Und was ist mit der ganzen Welt? Geht doch gerade mal um Deutschland.

Ich wünsche mir tatsächlich, dass das Ganze ein Einschnitt wird. Das Problem: Der Verstand des Menschen kann groß genug sein, um eine Kernspaltung herbeizuführen. Leider ist er oft auch klein genug, vor lauter bahnbrechender Erfindungen zu vergessen, dass sich am großen Ganzen nichts ändert: Wir werden geboren, wir sterben und dazwischen haben wir immer dieselbe Welt zum Leben. Dieses Problem kann ich in seinem Kern aber schon bei Adam und Eva nachlesen. Und das macht es nicht wirklich leichter, an einen wirklichen Einschnitt zu glauben.

Deshalb sage ich: Ich bin überfordert. Und ich habe den Eindruck, mit diesem Gefühl bin ich keineswegs allein.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: , , ,

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