Zu: Guttenberg

KT zu Guttenberg Foto von Alexander Hauk - pixelio.de Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg legt seinen Doktortitel nieder – zumindest vorübergehend. Damit reagierte er auf die Vorwürfe der letzten Tage, er habe in seiner Doktorarbeit die Sätze anderer verwendet, ohne sie als Zitat zu kennzeichnen. Was Guttenberg kann, kann ich auch, dachte sich unser Kolumnist Jan Kröger. Er hat versucht, seine heutige Kolumne beim Verteidigungsminister abzuschreiben.

Foto: Alexander Hauk / pixelio.de

Wo blieb eigentlich der Ruck, den Roman Herzog einst 1997 gefordert hat? Manchmal, so habe ich den Eindruck, ist der Ruck in der Berliner Republik bisweilen nur ein Stühlerutschen auf dem Parkett. Und wenn Leitartikler von den alten Dämonen phantasieren, die auf dem Balken tanzen, dann kalkulieren sie bewusst auf den Effekt erschaudernder Damen in ihren Abendroben im Ersten Rang.

Was ich heute gesoffen habe, wollt ihr wissen? Gar nichts. Ich habe mich nur durch die Seite zuguttenberg.de geklickt, weil ich mir dachte: Was der Kerl in seiner Doktorarbeit macht, kann ich ja mal mit meiner Kolumne probieren – ich schreib einfach bei ihm ab. Es gibt da nur zwei Probleme: Erstens weiß ich ja gar nicht, ob er diese Worte selbst verfasst hat. Zweitens: Diese Sätze voller aufgeblasener Sprachbilder, die auch noch keine Sau versteht, kann ich eh nicht verwenden. Aber wenn das tatsächlich seine Sprache ist, dann verstehe ich, warum er in seiner Doktorarbeit lieber die Worte anderer als seine eigenen ausgegeben hat.

Noch ein Beispiel aus einer Rede Guttenbergs zum Tag der Deutschen Einheit: In der ganzüberwiegenden Mehrheit – ist ganzüberwiegend die Steigerung von dreiviertelüberwiegend? – können wir eine positive Bilanz ziehen. Lebenserwartungen sind gestiegen, [...], das Grau des Sozialismus ist gewichen, das Leben bunter, der Geist weht heute, wo er will.
Welcher Geist? Der Geist der Wende? Das Gespenst des Kommunismus? Oder einfach der Geist, der Karl-Theodors Sätzen ganz offensichtlich fehlt?

Guttenbergs Sprache ist leider zu unattraktiv, um von ihm abzukupfern. Stattdessen ist sie überfüllt mit sogenannten Hochwertwörtern: Begriffe wie Verantwortung, Verpflichtung, Gewissen, Unabhängigkeit, oder ein Satz wie: Richtschnur meines Handelns war und ist Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue. Steht alles auf Guttenbergs Homepage. Das sind Worte, die erstmal ganz toll klingen und beim überzeugten CSU-Wähler zum vorzeitigen Samenerguss führen. Aber wenn das eigene Handeln den Worten nicht mehr gerecht wird, werden sie zu leeren Phrasen. Und was dann passiert, weiß Guttenberg genau. Steht nämlich auch in seiner Rede: Beim Besetzen des höheren moralischen Geländes sollte man stets darauf achten, worin das eigene Gepäck besteht und ob der Rucksack nicht zu sehr nach unten zieht. Manchem verschlägt es spätestens dann die Sprache, und bei nicht wenigen kann sich auch beim Aufstieg schon Atemnot einstellen.

Zur Verteidigung Guttenbergs sei nochmal gesagt: Es ist natürlich nicht fair, ihn an seinen eigenen Worten zu messen. Denn woher können wir wissen, dass es wirklich seine eigenen sind?

Dorothea Hecht lacht, wohnt, arbeitet, isst und ist gerne in Leipzig. Manchmal verlässt sie Leipzig, kommt aber immer wieder gerne zurück. Sie hat Journalistik an der Uni Leipzig studiert und dürfte sich somit ein "Dipl-Journ." vor den Namen setzen. Mag und macht sie aber nicht.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

2 Antworten zu "Zu: Guttenberg"

  1. ebook sagt:

    Wie weit ist es denn nur gekommen. Da sterben deutsche Soldaten am Hindukusch und in der Presse wird trotzdem an erster Stelle die Doktorarbeit von Guttenberg besprochen und zerlegt. Warum wird nicht die gleiche Mühe darauf verwendet, endlich eine Exit Strategie unserer Soldaten vom Hindukusch einzufordern. Das ist doch hundert Mal wichtiger. Wie oberflächlich ist denn unser Land nur geworden? Das ist mir vollkommen unverständlich.

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