Heidi und andere Rampenviecher

Das Jahr 2011 ist nun zwei Wochen alt – und es gibt viele Nachrichten, die uns schon bekannt vorkommen: Dioxin in Eiern, Naturkatastrophen, politische Unruhen in Afrika, Ermittlungen gegen Silvio Berlusconi und schlechte Umfragewerte für die FDP. Klingt alles nicht neu. Doch dass der aktuelle Tierpromi von allen Geschöpfen in der Welt ein schielendes Opossum aus dem Leipziger Zoo ist, das fand unser Kolumnist Jan Kröger dann doch bemerkenswert.Foto: Opossum, nicht schielend. Thomas Herrmann / pixelio.de

Es gibt Medienphänomene, die muss man einfach so hinnehmen. Es bringt überhaupt nichts, eine Erklärung dafür zu finden. Warum zum Beispiel nennt sich jahrelang ein Sender, dessen Programm überwiegend aus Teleshopping, strunzdoofen Gewinnspielen und Softporno besteht, ausgerechnet „Deutsches Sport-Fernsehen“? Man muss es hinnehmen. Ebenso das ungeschriebene Gesetz, das zwei Dinge immer gesendet werden: a) blondierte Frauen mit aufgepumpten Möpsen und b) Tiere, auf die eine der folgenden Eigenschaften zutreffen: niedlich, hässlich, fehlgebildet, süß mit fünf ü, hat kein Zuhause, kann Fußballergebnisse vorhersagen, wurde von einem A-Promi gekauft, von einem B-Promi überfahren, von einem C-Promi geschlachtet oder von einem D-Promi zum Sex gezwungen.

Von all diesen Viechern gibt es wiederum drei Untergruppen. Zunächst einmal die Serientiere wie „Flipper“, „Lassie“ oder „Kommissar Rex“. Dann die namenlosen Kreaturen, die einzig dafür da sind, schlechte Werbespots oder Musikvideos aufzumöbeln. Klassisches 90er Jahre-Gesetz: Musst du eine völlig uncharismatische Boygroup vermarkten, lass einen Golden Retriever durch ihr Musikvideo hüpfen. Und schließlich die seltsamsten Medienstars von allen: Tiere, die für ein paar Wochen prominenter sind als das gesamte englische Königshaus, ehe sie wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Problembär Bruno, Eisbär Knut, Krake Paul – haben wir alles schon gehabt. Nur was um alles in der Welt hat dafür gesorgt, dass der neue Tierpromi ein schielendes Opossum aus dem Leipziger Zoo ist?

Heidi ist zweieinhalb Jahre alt, hat Glubschaugen, einen eigenen Wikipedia-Eintrag und – das ist das einzige, was einem sofort einleuchtet – auf Facebook mehr Fans als Angela Merkel. Ein selten unperfektes Geschöpf, dem einfach der richtige Blick fehlt – aber lassen wir die Kanzlerin in Ruhe, kommen wir nochmal aufs Opossum zu sprechen.

Heidi zeigt uns nämlich: Das wesentliche Alleinstellungsmerkmal eines Lebewesens sind seine natürlichen, gottgegebenen Fehler. Übrigens ist es dafür gut, dass Heidi einen Großteil seines Lebens in Dänemark verbracht hat, glaube ich. Ein Land mit Sympathien für das Fehlerhafte. Nicht umsonst sind die Dänen die Erfinder des durchgestrichenen ø, dem vielleicht meist unterschätzten Buchstaben der Welt.

Also, wenn 2011 ein Jahr wird, in dem nicht nur schielende Opossums mit ihren Fehlern umgehen lernen und auch wir Menschen unsere durchgestrichenen ø’s ab und zu mal hinnehmen können, dann klingt das einerseits vielversprechend. Und andererseits: absolut unrealistisch. Die nächste falsche Blondine mit aufgepumpten Möpsen wird nicht lange auf sich warten lassen.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , , ,

4 Antworten zu "Heidi und andere Rampenviecher"

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  2. Jakob sagt:

    Es ist einem schon etwas mulmig zu mute wenn ein Opossum beliebter ist als der Kanzler…

  3. Al Rich sagt:

    Der Satz mit den A bis D Promis ist mal wieder zum abschlecken, Herr Kröger at his best. Aber warum kein Bild von Heidi??? Wenns schon ums schielende Opposum geht, dann auch her mit der Abbildung der missgebildeten Prominenz

    1. Dorothea Hecht sagt:

      Wer so berühmt ist wie Heidi, hat inzwischen nicht nur 220.000 Facebook-Fans, sondern auch PR- und Marketing-Experten um sich, die sich mit Urheberrecht bestens auskennen. Offizielle Fotos hat der Zoo Leipzig online leider (noch) nicht zur Verfügung gestellt.

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