Zu: Steinzeitlich

Archäologen wühlen in der Erde, auf der Suche nach Münzen oder Knochen; aller paar Jahre machen sie einen spektakulären Fund, aber sonst ist ihre Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes staubtrocken. Stimmt nicht ganz, sagt unser Kolumnist Jan Kröger. Jedenfalls dann nicht, wenn Archäologen mal wirklich spannende Dinge erforschen. Das Sexverhalten von Neandertalern zum Beispiel. Klar, dass Jan Kröger dazu was zu sagen hat.

In Kooperation mit detektor.fm. Sie können diesen Text auch hören.

Der Mann geht raus und jagt Mammuts, die Frau bleibt daheim und überlegt, welches Bärenfell sie heute anziehen soll, und wer gegen diese Regeln verstößt, wird mit der Keule ins Jenseits befördert. Klingt wie die iranische Verfassung, aber eigentlich wollte ich nur zusammenfassen, was wir Menschen von heute so über unseren entfernten Verwandten, den Neandertaler, wissen. Verdammt wenig, wie man sieht. Aber nun gibt es neue Erkenntnisse, erforscht von Archäologen aus Liverpool. Dort weiß man, wovon man spricht: Schließlich hat der Liverpooler in England ein Image, das mit dem Neandertaler sehr eng verwandt ist. Das hat viel mit dem lokalen Scouse-Dialekt zu tun, der dafür sorgt, dass die Selbstmordrate unter Logopäden in Liverpool sogar die im Vogtland übersteigt. Ein weiterer Beleg für die Verbindung zum Neandertaler findet sich in Wayne Rooneys Wikipedia-Eintrag unter dem Stichwort „Geburtsort“.

Demzufolge ist Liverpool ein Paradies für Archäologen: Hier müssen sie nicht die Vergangenheit ausgraben, hier brauchen sie nur die Gegenwart studieren. Und damit endlich zu ihrer wenig überraschenden These: Der Neandertaler war sexbesessen und aggressiv, Monogamie war ihm völlig fremd. Wirklich interessant ist vielmehr, wie die Archäologen das begründen: Der Neandertaler hatte nämlich außergewöhnlich lange Ringfinger – und je länger der Ringfinger eines Mannes im Vergleich zum Zeigefinger ist, umso mehr Testosteron trägt er in sich.

Als aufgeklärter Mann des 21. Jahrhunderts halte ich diese Theorie natürlich für völlig primitiv. Außerdem macht Testosteron allein noch keinen guten Liebhaber aus. Trotzdem: Jede Theorie verdient es, überprüft zu werden – und siehe da: Wie ich so meine Hand betrachtete, stellte ich fest, dass mein Ringfinger Sekunde um Sekunde größer wurde. Ein echtes Phänomen, ganz ehrlich!
Außerdem liefert diese Theorie endlich einen Grund dafür, warum Eheringe genau über diesen Finger gestülpt werden. So nach dem Motto: „Hab ich dich!“ Das Problem: Im Praxistest erweisen sich viele Ringfinger dann doch als zu lang.

Das schönste Ergebnis dieser Theorie ist mir aber erst gestern aufgefallen, beim Fahrradfahren. In der Hektik des Verkehrs konnte ich mich mit einem BMW-Fahrer nicht über die Vorfahrt einig werden. Darauf reagierte er ungehalten, sein Gesicht nahm eine Farbe an, als hätte jemand ihm eine Tasse Tee über den Kopf gegossen – und in dieser niedlichen Hilflosigkeit, die wütende Männer oft ausstrahlen, zeigte er mir den Mittelfinger…
Normalerweise kommentiere ich diese Geste mit einem Auszug aus meinem profunden Wortschatz über Darmausgänge. Gestern aber hab ich nur gelacht. Denn die wahre Aussage der Neandertalerforscher aus Liverpool ist doch: Männer, die ihren Mittelfinger zeigen, wollen nur kompensieren, dass ihr Ringfinger einfach zu kurz geraten ist.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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