Zu: Hengstig

Spitzensportler kosten verdammt viel Geld. Der teuerste Fußballer der Welt ist Cristiano Ronaldo: Real Madrid hat vor einem Jahr mehr als 90 Millionen Euro für ihn bezahlt. Seit dieser Woche gibt es einen neuen Rekord in einer anderen Sportart: Mehr als zehn Millionen Euro hat ein deutscher Züchter für ein Dressurpferd bezahlt. „Totilas“ heißt es, ein holländischer Hengst, der bei den letzten Meisterschaften so ziemlich alles gewonnen hat. Deswegen wird Totilas auch „Wunderpferd“ genannt. Genug also für unseren Kolumnisten Jan Kröger, sich auch mal ordentlich zu wundern.

In Kooperation mit detektor.fm // lieber anhören?

Es gibt so Sätze, die ich hasse. Sätze wie Schlagertexte, mit denen man in besser gestellten Kreisen problemlos durchkommt. Zum Beispiel: „Wunder gibt es immer wieder“. Das ist sogar ein Schlager, ein internationaler Erfolg von Katja Ebstein. Deutschlands Geschichte ist sowieso reich an Wundern: Der erste WM-Titel im Fußball ist das „Wunder von Bern“, die Rettung von verschütteten Bergarbeitern in Niedersachsen war das „Wunder von Lengede“ – nur die „Wunderwaffe“ von Joseph Goebbels hat sich als bloße Illusion herausgestellt.

Und heute? Das Wunder von Lengede findet jetzt in Chile statt, das Wunder von Bern war wahrscheinlich gedopt – und Katja Ebstein taucht nur noch in Songtexten von Deichkind auf. Dafür gibt es jetzt: das Wunderpferd.

Nein, das ist nicht die verspätete Wunderwaffe. Das Wunderpferd reitet nicht in die Vergangenheit zurück und besiegt den Russen im Alleingang. Das Wunderpferd heißt „Totilas“. Ein deutscher Pferdezüchter hat in dieser Woche mehr als zehn Millionen Euro dafür bezahlt – dabei beherrscht der Gaul nichts außer den langweiligsten Sport der Welt: Dressurreiten. Man nehme eine große Ladung Staub, stecke darauf ein Rechteck ab, spiele ein bisschen Musik, die sonst nur beim Senioren-Tanzkaffee gespielt wird. Dann reiten ein: ein Pferd und darauf sitzend ein Holländer in Frack und Zylinder. Dressurreiten gibt’s nämlich nur in Holland. Deutschlands Pferdehochburgen liegen im Münsterland, in Friesland oder in Holstein – hätten die Holländer sowas wie den Bund der Vertriebenen, könnten sie das souverän als ihre Ostgebiete bezeichnen.

So ist es auch kein Wunder, dass Wunderpferd „Totilas“ aus den Niederlanden kommt. Dort suchen wir Deutschen ja eh oft Hilfe, wenn’s nicht mehr weiter geht. Wenn es mit dem Reiten nicht klappt, kaufen wir ihre Pferde, wenn Bayern München verliert, werden Louis van Gaal und Arjen Robben geholt, und wenn eine Fernsehshow keinen Moderator hat, kein Problem: Irgendwo hinter den sieben Deichen unterm Meeresspiegel gibt’s noch einen. Im Gegenzug verpflichten sich die Holländer dazu, immer mit diesem lustigen Akzent zu reden.

Wunder gibt es immer wieder, das ist völliger Quatsch. Eigentlich müsste es heißen: Holländer gibt es immer wieder. Und damit wir in Zukunft zumindest ihre Hengste nicht mehr teuer einkaufen müssen, kriegt Totilas jetzt den Pferde-Playboy zu lesen, damit er ordentlich Nachwuchs produziert.

Zum Schluss dazu ein Tipp für das Gespräch in besser gestellten Kreisen: Wenn Ihnen jemand erzählt, dass er für eine Portion Totilas-Samen mehr als 5000 Euro bezahlen musste, nehmen Sie daran Anteil, indem Sie sagen: “Da haben Sie wohl gehörig dran zu schlucken, oder?”

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Warum heißt der Bremer Fußballklub Werder? Und warum heißt die Berliner Mannschaft Hertha? Das sind Fragen, die nicht einmal eingefleischte ...