Zu: Geschrieben

In Frankfurt findet die Buchmesse statt, in Stockholm wird der Nobelpreis für Literatur bekannt gegeben – selten war das Schreiben so in den Schlagzeilen wie in dieser Woche. Das ist auch Jan Kröger aufgefallen. Als Kolumnist ist er natürlich auch jemand, der schreibt. Aber er musste feststellen, dass seine Kunst ihn keineswegs in den Verdacht bringt, einen Nobelpreis zu gewinnen.

In Kooperation mit detektor.fm // lieber anhören?

Ich habe eine gestörte Beziehung zu Büchern. Schon seit ich klein bin. Ich konnte ziemlich früh lesen, und das hatte zwei große Nachteile. Erstens: Wer sich intellektuell früh entwickelt, wird ein paar Jahre danach zum Spätentwickler da, wo es wirklich drauf ankommt. Und zweitens hab ich daraufhin, quasi als Rache, meinen Literaturkonsum zurückgefahren auf Fußballzeitschriften, Werner-Comics und Komplettlösungen für Computerspiele wie „Monkey Island“ oder „Indiana Jones“.

So wurde aus mir kein literarischer Schöngeist, im Gegenteil: Jedes Jahr, wenn feststeht, wer den Literatur-Nobelpreis gewonnen hat, schlag ich erstmal nach, wer das überhaupt ist. So nach dem Motto: Herta Müller? Die spielt doch Scrabble mit meiner Oma. Ich bin kein Schöngeist, ich bin Kolumnist. Ist nicht schlimm. Gespräche mit Schöngeistern übersteh ich blendend, weil Schöngeister und Kolumnisten eines gemeinsam haben: Beide sind sehr kommunikativ – solange ihre eigene Stimme erklingt.

Vorgestern brachte dann aber die FAZ eine lustige Funktion ins Internet: Man gibt einen Text ein, und Sekunden später erfährt man, welcher Schriftsteller den gleichen Stil hat. Also kopierte ich eine meiner Kolumnen da rein – und mein literarisches Vorbild heißt: Ildikó von Kürthy.

„Die Heldinnen in Ildikó von Kürthys Romanen sind moderne junge Frauen, die mit Witz und Selbstironie ihre eigenen Schwächen schildern und über die Malheurs im Umgang mit Männern räsonieren.“ Steht auf Wikipedia. Soso, Frauenliteratur, denkt da der Mann in mir. Warum ist eigentlich immer nur von Frauenliteratur die Rede, aber nie von Männerliteratur? Womit ich richtige Bücher meine, und nicht das, was im allgemeinen Sprachgebrauch Wichsvorlage heißt. Die Antwort liefert mir eine Ildiko-Rezension auf Amazon. Dort schreibt eine Leserin namens Sunshine: „Wir Frauen kennen doch alle die unendlich langen Stunden, wenn wir auf einen Anruf von einem Mann warten.“ Immer diese weibliche Geheimsprache: Als ob Sunshine bloß von einem Anruf träumen würde. Sei’s drum: Es gibt Frauenromane, weil Frauen in der Lage sind, vollständige Sätze mit „Wir Frauen…“ zu bilden. Wenn ein Mann das Gleiche versucht, dann sagt er: „Wir Männer…“ – es folgt ein zustimmendes Nicken seiner Kollegen und dann klirren meistens Bierflaschen. Der Satz bleibt unvollendet.

So ganz konnte ich mich nicht identifizieren mit meinem literarischen Vorbild. Also hab ich noch einen zweiten Versuch gestartet und diesmal eine Seite meiner Diplomarbeit eingegeben. Wenn ich akademisch schreibe, räche ich mich nämlich immer an der von komplizierten Partizipialkonstruktionen, welche das Verständnis erschweren, und überflüssigen Nebensätzen, die immer an der falschen Stelle kommen, durchtränkten akademischen Sprache, indem ich sie mit Fremdworten persifliere und den Satz bis zum Erbrechen in die Länge ziehe, so wie es mich meine frühkindliche Schulerziehung gelehrt hat. Das Internetprogramm erkannte es und sprach: Sie schreiben wie – Sigmund Freud.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten:

2 Antworten zu "Zu: Geschrieben"

  1. Petra S. sagt:

    Niedlich, Herr Kröger.

    Manchmal denke ich, einige Berufsgruppen blieben sprach-los, wenn es das “Wir-Frauen-Wir-Männer-Endlosband” nicht gäbe.
    Mich interessiert natürlich die FAZ-Funktion. Leider gibt es da keinen Hinweis in Ihrer Kolumne. Und so beginnt wieder die unendliche Suche in den Weltweiten. Ist Suchen eigentlich ein reines Frauenproblem?

    Petra S.

  2. Petra S. sagt:

    Hat sich schon erledigt, Herr Kröger,

    fand die Seite. Meine Texte erinnern danach angeblich an Melinda Nadj Abonji. Die beruflichen an Friedrich Nietzsche. Also, schrieb Zarathustra, mer lernt nich aus.

    Danke für die noch nicht gemachte Mühe,
    Petra S.

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


„Stuttgart 21“ - mit diesem Thema setzt sich heute auch unser Kolumnist Jan Kröger auseinander. Dabei hat es ihn wochenlang ...