Zu: Stuttgart, das Gesamtkunstwerk aus Waschbeton

„Stuttgart 21“ – mit diesem Thema setzt sich heute auch unser Kolumnist Jan Kröger auseinander. Dabei hat es ihn wochenlang nicht wirklich berührt: Der ganze Protest dagegen kam ihm so zu spät gekommen vor, so friedlich und bürgerlich. Eine Einschätzung, die die Polizei vor Ort nicht teilte. Die Folgen davon sind nicht zu unterschätzen: Denn plötzlich interessiert sich auch Jan Kröger für „Stuttgart 21“…

Es ist gut zwei Wochen her, da hab ich mit meinem Kumpel Jonathan über „Stuttgart 21“ gequatscht. Jonathan hat mal in Stuttgart gelebt und nahm das Ganze ein bisschen ernster als der Muschelschubser von der Nordsee, der ich bin. Trotzdem haben wir eigentlich nur blöde Sprüche gemacht: über das Talent der Bahn, sich bei fast jedem Großprojekt um kleine Beträge wie ein oder zwei Milliarden zu verrechnen. Darüber, dass Bauprojekte in Stuttgart eh nur noch unterirdisch gehen, weil oben schon alles zugeschissen ist. Dazu muss man wissen, dass Gott am siebten Tag den Waschbeton erschuf. Und er sah, dass es hässlich war, und kippte alles in ein Tal in Württemberg und nannte es Stuttgart. Und wir amüsierten uns über die Proteste gegen „Stuttgart 21“, weil sie so bürgerlich und spießig daherkamen – wie auch sonst in einer Gegend, wo man schon ein Revoluzzer ist, wenn man mal eine Woche lang nicht das Treppenhaus putzt.

Kehrwoche heißt diese Stuttgarter Bürgerpflicht – und was in Treppenhäusern funktioniert, klappt auch im Schlosspark, dachte sich gestern die Landesregierung. Also rückte die Polizei aus zur Operation Kehrwoche und präsentierte ihre neuesten Haushaltstipps: Wenn kein Essigreiniger zur Hand ist, geht auch Pfefferspray. Und wenn man mal den Putzlappen vom Wischmopp vergessen hat, eignet sich der Rest noch immer hervorragend als Schlagstock. Nun kann man endlich den letzten Schandfleck in Stuttgarts Innenstadt beseitigen, jene 300 Bäume, die das Gesamtkunstwerk aus Waschbeton gestört haben.

Aber da sind ja noch die notorischen Nörgler, die behaupten, die Polizei habe die falschen Putzmittel benutzt. So Nörgler wie ich. Naja, wenn die Polizei erst sagt, sie sei mit Pflastersteinen beworfen wurden, Stunden später aber klarstellt, das seien Plastikflaschen gewesen – was soll mir das sagen? Kann man schon mal miteinander verwechseln? Oder: Mit Plastikflaschen schmeißt man nicht, da ist Pfand drauf, also bringt man den Rotzbengeln mit dem Knüppel erstmal bei, was schwäbische Sparsamkeit bedeutet? Wenn eine Ministerin behauptet, da seien Kinder bewusst nach vorn geschoben worden, dann frag ich mich, was sie denkt, wer an einer Schüler-Demo teilnimmt. Und wenn der Fraktionschef der CDU sagt, das seien alles nur Altkommunisten und Altlinke – wo bitte sollen die auf einmal herkommen? Die wohl letzten Altkommunisten in Stuttgart haben sich 1977 aus lauter Verzweiflung im Gefängnis umgebracht. RAF-Terroristen waren das damals. Staatsfeinde. Die meisten, die gestern verdroschen wurden, wollen sich am Staat beteiligen. Und das obwohl Politiker das Sagen haben wie Stefan Mappus in Baden-Württemberg – lebendes Gammelfleisch. Also: rein ideologisch natürlich.

Gestern macht er seinen Bürgern klar: Wer hier demonstriert, der muss wissen, dass es blutig werden kann. Sonntag feiert er dann den Tag der Deutschen Einheit. Also das, was Menschen erreicht haben, die demonstriert haben – obwohl sie wussten, dass es blutig werden kann.

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