Zu: Spät

Der Zug kommt zu spät, man rennt zum Schalter, will eine Entschädigung für die Verspätung. Dann bekommt man ein zweiseitiges Dokument in die Hand gedrückt, das man ausfüllen soll – und hinterher gibt’s dann, vielleicht, das gewünschte Geld zurück. Zustände dieser Art will die Bahn von nun an verbessern: Sie hat das groß angekündigt als „Qualitätsoffensive“. Für unseren Kolumnisten Jan Kröger ist allerdings schon klar, wofür diese Offensive sorgen wird.

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Es ist nicht immer leicht, Fremdworte zu erklären. Etwa das Wort „Utopie“. Ich kann es mit Wunschtraum übersetzen, aber es macht mehr Spaß, ein paar Beispiele zu nehmen. Im heutigen Deutschland gibt es nämlich drei Utopien, die immer wieder in den Nachrichten auftauchen:

  • 1. Die Bundesregierung will das Gesundheitssystem reformieren,
  • 2. Schalke 04 will Deutscher Meister werden und
  • 3. Die Bahn will pünktlich kommen.
  • Diese drei Wunschträume verfolgen alle dasselbe Prinzip: Zunächst nimmt man acht- bis elfstellige Geldbeträge, dann stellt sich heraus, dass das Ziel gar nicht erreichbar ist, und am Ende steigen bei der Krankenkasse die Beiträge, auf Schalke die Eintrittspreise und im Zug die Fahrkartenpreise.

    Nun ist es also mal wieder die Bahn, die ihren Wunschtraum angehen möchte. Sie nennt das „Qualitätsoffensive“ und gibt dafür mal eben 330 Millionen Euro aus. Das meiste Geld gibt es dafür, dass die Züge in Herbst und Winter nicht mehr unpünktlich sind. Die Bahn hat nach intensiven Recherchen nämlich festgestellt, dass es zwischen November und März zu Regen oder sogar Schnee kommen kann. Nun kriegen Hunderte Züge neue Bremsen und im Winter sollen Streuwagen die Gleise freimachen. Wenn die Bahn bei ihrer bewährten Qualität bleibt, bedeutet das zum einen, dass Hunderte Züge jahrelang nicht verfügbar sind, weil sich ihre Bremsen nicht so umrüsten lassen wie gewollt. Und zweitens freu ich mich schon auf die Durchsage: „Meine Damen und Herren, aufgrund eines liegen gebliebenen Salzstreuwagens verzögert sich die Ankunft in München Hauptbahnhof um wenige Stunden. Ladies and Gentleman, because of a lying down salt streuing engineering device our train will reach München Hauptbahnhof a few hours later.“

    Wobei: Die Bahn will tatsächlich ihre legendären „Senk ju for träwelling“-Durchsagen nur noch dann bringen, wenn der Bahnhof auch international von Bedeutung ist. Wenigstens meine Lieblingsansage dürfte so noch erhalten bleiben, nämlich: „We now reach Frankfurt/Main Flughafen Fernbahnhof“. Eine wirklich hilfreiche Durchsage für jeden Ausländer, der nur auf das Wort „Airport“ wartet, um zu wissen, wo er raus muss.

    Ich bin also zuversichtlich, dass die Bahn auch in Zukunft wie gewohnt in den Alltag ihrer Passagiere eingreift: Konferenzen werden vertagt, weil der wichtigste Teilnehmer noch im Zug sitzt; Wochenendbeziehungen müssen sich für Freitagabend nichts vornehmen, weil sie den eh mit Warten verbringen werden; und im brandenburgischen Nirgendwo steht nachts um eins ein zwölfjähriger Junge, der aus dem Zug geworfen wurde, weil er zwei Euro zu wenig dabei hatte. Dafür sprechen schon die Ausgaben: 330 Millionen Euro – das sind nicht einmal fünf Prozent dessen, was der Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs kostet. Also im Grunde so gut wie gar nichts. Wenn auch gerade genug, damit pünktlich zu Weihnachten die Fahrkartenpreise steigen.

    Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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