Zu: Prüde

Papst Benedikt XVI. ist zur Zeit auf Besuch in Großbritannien. Kein einfacher Besuch, schließlich ist nur jeder elfte Brite katholisch – und viele Briten ärgern sich darüber, dass sie mit ihrem Steuergeld den Papstbesuch mitfinanzieren. Doch vor allem die Katholiken müssen blechen: Wer den Papst live sehen will, zahlt Eintritt für die Messe. Unser Kolumnist Jan Kröger findet: Das lohnt sich. Schließlich scheint Benedikt gerade in Bestform zu sein – besonders wenn es um das Lieblingsthema unseres Kolumnisten geht: Sex.

„Viele Versuchungen stehen euch Tag um Tag vor Augen – Drogen, Geld, Sex, Pornografie, Alkohol -, von denen euch die Welt vorgaukelt, sie brächten Glück. Doch diese Dinge sind zerstörerisch und zwiespältig.“ Klingt wie die Lebensbeichte eines Rockstars, ist aber von Papst Benedikt. Hat er gesagt, bei seinem Besuch in Großbritannien. Zunächst einmal ist es ja sehr originell, Sex mit Pornografie oder Drogen gleichzusetzen. Dabei interessiert mich gar nicht, was im Vatikan so vor sich geht. Doch was möchte der Papst uns damit sagen?

Erstens: Liebes Internatskind, wenn sich dein Erzieher nachts zu dir ins Bettchen legt, ist es verdammt noch mal deine Aufgabe, dieser Versuchung zu widerstehen. Für alles weitere müssen wir den Papst tiefenpsychologisch betrachten. Von Psychoanalyse versteh ich ungefähr so viel wie er von Sex – aber macht nichts, er redet ja auch ständig darüber. Und zwar ungefragt. Oder glauben Sie, der Papst trifft manchmal eine Nonne in seinen Gemächern, die ihn hinterher fragt: Willst du drüber reden?

Sei’s drum. Also: Der Papst hat einen Großbritannien-Komplex. Und der hat in der Tat viel mit Sex zu tun. Schließlich hat sich England vor 500 Jahren von der katholischen Kirche losgesagt, nur damit Heinrich VIII. ungestraft seine Affäre begatten konnte. Allerdings, auch wenn es oft den Anschein hat: Benedikt XVI. war damals noch nicht auf der Welt. Er hat sein ganz eigenes Großbritannien-Trauma, die 60er Jahre: Beatles, Rolling Stones, The Who, The Kinks, The Troggs, Pink Floyd – alle kommen sie aus England und rocken die Welt, das heißt – genau: Drogen, Geld, Sex, Pornografie und Alkohol. Und was macht Joseph Ratzinger? Sitzt im vatikanischen Konzil und soll die Kirche reformieren. Na, das sorgt natürlich für Frust. Wenn auf der Welt gefeiert wird, da darf doch der Ratzingersepp nicht fehlen.

Was dann passiert, ist nur zutiefst verständlich: Pflichtbewusst bleibt er im Vatikan und arbeitet an Reformen. Dann tritt er hinaus und stellt fest: Wer auf Sex, Drugs und Rock’n'Roll steht, dem ist auch eine reformierte Kirche egal. Und da sagt sich Ratzinger natürlich: Leckts mi do am Orsch, machen wir halt dieselbe Scheiße wie die letzten 2000 Jahre auch schon. Großbritannien – das ist für Papst Benedikt die schonungslose Begegnung mit der Tatsache, dass aus ihm noch was Anständiges hätte werden können.

Bleibt noch schnell zu klären, wer schuld am ganzen Schlamassel ist. Das ist natürlich wie immer Yoko Ono. Hätte die Frau sich damals nicht John Lennon, sondern Joseph Ratzinger gekrallt – dann gäb es heute ein paar Beatles-Alben mehr und einen deutschen Papst weniger. Stattdessen einen bekifften hochbetagten Theologen, der zu psychedelischen Klängen vom Weltfrieden faselt. Wobei: Wenn das stimmt, was über Weihrauch gesagt wird, und wenn man die Orgel nur ein bisschen schwummriger spielt – dann ist aus Joseph Ratzinger doch genau das geworden.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: , , , , , , , , , , , , , ,

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