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Das deutsche Bildungssystem ist eine schwierige Sache: Unterschiede von Bundesland zu Bundesland und wer es verändern will, der stößt auf heftigen Widerstand. Das musste am letzten Sonntag die Regierung in Hamburg feststellen, als ein Volksentscheid ihre Schulreform stoppte. Nur ein Kapitel im ewigen Hin und Her des deutschen Bildungssystems – und welches System wirklich dahinter steckt, das erklärt unser Kolumnist Jan Kröger.

In Kooperation mit detektor.fm

Bekanntermaßen ist die nachwachsende Generation immer die schlimmste, die es je gegeben hat. Jede Geburt bringt uns der Apokalypse ein Stück näher, jedes Kind ist eine tickende Zeitbombe, ein Asteroid, der auf das Abendland zurast. Glücklicherweise gibt es gegen Kinder eine einfache Wunderwaffe: das Bildungssystem. Sie funktioniert so: Die Kinder werden bis zu 13 Jahre vom Bildungssystem behandelt, das heißt sie dürfen suchen, was daran eigentlich das System ist.

Natürlich suchen sie vergeblich. Und damit sie das nicht zu früh merken, ist das Bildungssystem ein brillantes Verwirrspiel von Eltern, Lehrern und Politikern. Jede dieser Gruppen hat ihre eigene Aufgabe. Fangen wir an mit den Politikern: Sie legen die Spielregeln fest. Das ist grandios durchdacht, denn natürlich sind die Politiker die Gruppe, die am wenigsten durchblickt. Denn hätten sie vom Bildungssystem was gelernt, hätten sie ja nicht Politiker werden müssen. Wer nachspielen will, wie ein Politiker die Spielregeln macht, der nehme einen Rubikwürfel, drehe ihn beliebig oft planlos um, lege die Seite nach oben, die ihm am besten gefällt, und behaupte: „Das ist eine Schulreform“. Bei Regierungswechsel gibt es dann gleich die nächste Schulreform, dazu wird der Würfel einfach auf eine andere Seite gelegt.

Kommen wir nun zu den Lehrern. Ihre Aufgabe ist es, unter dieser Planlosigkeit zu leiden. Mit diesem Leidensdruck treten sie dann vor die Kinder. Entweder als Zyniker, die mit Sätzen aus der Kategorie „Früher war alles besser“ den Schülern ihre Nutzlosigkeit vorhalten. Oder als Konjunkturpaket für die deutsche Psychiatrie, indem sie sich einfach fertig machen lassen. Nun soll es Lehrer geben, die weder das eine noch das andere sind und die den Kindern doch tatsächlich Lebenserfahrung und Orientierung bieten – die Politik versucht, mit Hilfe von Bachelor-Studiengängen dieses Problem zu beheben.

Den Rest erledigen die Eltern. Ihre Aufgabe sind regelmäßige Drohungen, ihre Kinder von der Schule zu nehmen. Etwa wenn in der 3. Klasse noch immer kein Chinesisch unterrichtet wird. Wenn es in der Schulmensa kein fair gehandeltes Bio-Gemüse gibt. Oder wenn Klein-Friedrich mit Hartz IV-Justin von der anderen Seite der Stadt zusammensitzt. Klein-Friedrich sagt zwar immer, Justin wär’ sein Freund, aber Friedrichs Mutter weiß, er sagt das nur, weil Justin ihn sonst verprügelt.

Dieses großartige Verwirrspiel schützt also unsere Kinder vor ihnen selbst. Der Untergang des Abendlandes ist verhindert. Und wenn er doch kommt, gründen wir einfach eine Bürgerinitiative.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: , , ,

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