Zu: Innere Kapitulation

Verloren. Kann man auch mal machen.. Vorher war die deutsche Mannschaft mit einem 4:0-Sieg über Australien gestartet. Kritik an den Fußballern gab es keine. Aber es gab Kritik an der ZDF-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein. Die hatte gesagt, das Tor von Miroslav Klose sei wohl ein „innerer Reichsparteitag“ für ihn gewesen. Über diesen Satz gab es einige Aufregung – und das fand unser Kolumnist Jan Kröger unfreiwillig komisch.

Ein innerer Reichsparteitag – ab und zu ist mir diese Formulierung schon mal untergekommen. Ich hab mir nie viel dazu gedacht. Aber dann hat Miroslav Klose letzten Sonntag das 2:0 gegen Australien geköpft, und die Moderatorin vom ZDF sagte: “Für Miro Klose ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst.”

Genau, jetzt mal ganz im Ernst: Das ist doch ein Skandal! Reichsparteitag – dieses Wort im ZDF! Wo doch ein Großteil der Stammzuschauer die Reichsparteitage noch live miterlebt hat. Und ausgerechnet Miro Klose: Der kommt doch aus Polen. Den kann man doch nicht mit Reichsparteitagen in Verbindung bringen. Da kann man ja genauso Moses zum Wüstenfuchs ernennen.

Diese gespielte Empörung nach dem Motto „Wir brauchen unbedingt einen Nazi-Skandal“, die ließ leider eines ganz vergessen: nämlich dass „innerer Reichsparteitag“ an sich ein verdammt blödes Sprachbild ist. Es soll ja so etwas wie Genugtuung oder tiefe Befriedigung bedeuten. Aber: marschierende Horden mit Hakenkreuzfahnen und die brüllende Stimme eines Massenmörders – das taucht definitiv nicht vor meinem geistigen Auge auf, wenn ich gerade tief befriedigt werde. Also: „innerer Reichsparteitag“ – das ist kein Nazi-Skandal, das ist bestenfalls unfreiwillig komisch. Aber keine Sorge: Es geht noch komischer.

Leider völlig unbeachtet blieb nämlich meine Lieblingsformulierung dieser Woche. Ich hab sie in einem Interview gelesen. Es ging um diese Kassiererin, die entlassen wurde, weil sie für 1,30 Euro Pfandbons eingelöst hatte. Und dazu sagte ein Jurist den schönen Satz: “Sie hat nichts geklaut oder unterschlagen, sondern nur einen herrenlosen Bon eingelöst.”

Herrenlose Bons. In unserem mitteleuropäischen Sozialstaat ist das natürlich ein handfester Skandal. Pfandbons, die niemandem ein Leid getan haben, werden von ihren Herrchen achtlos ausgesetzt. In den Dreck getreten. Immer unter der Drohung: Sei ein braver Bon, sonst kommst du ins Papierheim!

Doch weil sich unsere Medien lieber mit inneren Reichsparteitagen beschäftigen, spielt das grausame Schicksal der herrenlosen Bons keine Rolle. Oder anders ausgedrückt, und jetzt ausnahmsweise wirklich im Ernst: Jeder Pfandbon ist interessanter als der missglückte Satz einer Sportmoderatorin.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten: , , ,

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