Zu: Kisten

Noch einen Monat, dann ist Sommeranfang. Dabei ist bisher noch nicht einmal der Frühling wirklich da. Unser Kolumnist Jan Kröger war diese Woche schon oft genug durch den Regen geradelt, da kam er nach Hause – und wurde angenehm überrascht. Denn der Frühling zeigte sich dort, wo er es nicht vermutet hätte. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

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Der Frühling kam einfach in meinen Postkasten geflattert. Wenn ich da reinschaue, dann ordne ich die Briefe erstmal in Kategorien ein und stöhne dann:

immer diese Liebesbriefe! Das muss ich kurz erklären: ein Liebesbrief, das ist ein Brief, in dem jemand was von mir will. Und das Finanzamt Leipzig II wollte ja ganz klar was von mir, also: Liebesbrief.

Aber dann war da dieses Schreiben einer Transportfirma. Und schon der erste Satz öffnete mir eine völlig neue Welt:

„Sehr geehrter Herr Kröger, fragen Sie sich auch gerade jetzt, wo das Frühlingsgrün wieder zu sprießen beginnt, wie sich Naturprodukte möglichst lange frisch halten lassen – besonders bei Lagerung und Transport?“

Zunächst einmal: Nein. Zweitens: Welches sprießende Frühlingsgrün? Und drittens: die Lagerung von Naturprodukten. Den Absendern aus einem oberbayerischen Dorf war womöglich nicht ganz klar, dass die meisten Naturprodukte, die in einer Stadtwohnung entstehen, nicht lange gelagert werden sollten. Weil sonst das Bad zu stinken anfängt.

Aber was wollte mir die Firma überhaupt anpreisen? Es handelte sich um einen großen offenen Kunststoffcontainer, der natürlich nicht bloß eine Kiste war, sondern eine: „Bigbox mit Lüftungsschlitzen“. Es gab sogar ein Foto dazu, auf dem ein anständig gebauter Landbursche in Latzhose vor einem Riesenkasten frischer Äpfel stand. Jetzt verstand ich noch weniger: Weil das Frühlingsgrün wieder sprießt, soll ich kiloweise selbstgepflückte Äpfel in die Bigbox mit Lüftungsschlitzen packen. Also: Als ich früher noch auf dem Land gewohnt hab, da begann die Apfelernte im Spätsommer. Kann natürlich sein, dass der Apfelbaum als solcher mittlerweile die nächste Evolutionsstufe erreicht hat und schon im Mai seine Früchte wirft. Er weiß ja: Er kann es sich leisten, jetzt wo es die Bigbox mit Lüftungsschlitzen gibt.

Vielleicht aber auch nicht. Schnell sah ich ein: Der Frühling war mir doch nicht ins Haus geschickt worden, es war nur eine kurze Begegnung. Trotzdem hatte der Brief etwas, das bleibt. Am Nachmittag in der Stadt lief so eine Person vor mir: Hose von Kik, Hintern von McDonald’s und die Klamotten so furchtbar angeordnet, dass ich beim Hinterherlaufen viel zu tiefe Einblicke bekam – und da wusste ich: Zumindest den Begriff „Bigbox mit Lüftungsschlitz“ sollte man sich unbedingt merken.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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