Zu: Plagiats-Debatte

In Leipzig findet zur Zeit die Buchmesse statt. Und die hat in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen gesorgt: Für den Preis der Buchmesse wurde nämlich auch Helene Hegemann nominiert – die 18-jährige Autorin hatte jedoch weite Teile ihres Roman „Axolotl Roadkill“ wortwörtlich von einem Blogger abgeschrieben. Andere Schriftsteller wollten daraufhin eine Diskussion über das Urheberrecht lostreten, unter ihnen auch Günter Grass. Ob diese Diskussion zu etwas führt, ist noch unklar, aber immerhin macht unser Kolumnist Jan Kröger schon mal mit.

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Eines gleich mal vorweg: Diesen Roman von Helene Hegemann hab ich natürlich nicht gelesen. Wie wahrscheinlich die meisten, die sich jetzt dazu äußern. Aber ich hab mir Kritiken dazu angesehen, und wenn ich lese, das Buch sei die „halluzinatorische Entladung eines traumatisierten Bewusstseins sowie die gleichzeitige Parodie davon“ – nun, wer unbedingt sowas braucht, sollte viel lieber ein Familientreffen organisieren. Auch da gibt es oft genug traumatisiertes Bewusstsein, das sich halluzinatorisch entlädt.

Aber gut, das eigentliche Thema kapiert man auch, ohne das Buch zu lesen: Helene Hegemanns Bewusstsein war dermaßen traumatisiert, dass sie kopierte Texte als ihre eigenen verkauft hat. Es geht also um das Urheberrecht. Der Sinn dahinter lässt sich mit einem Beispiel aus der Musik erklären: Es gibt diesen Song von Billy Joel: „Uptown Girl“. Vor einigen Jahren kam dann Westlife, eine Boygroup aus Irland, auf die Idee, genau dieses Lied zu covern. Sagen wir es mal so: Der Ire an sich kann verdammt gut singen. Dass der Gesang aber umso besser wird, je mehr Iren gleichzeitig singen – das ist ein Fehlschluss. Diese zutiefst wissenschaftliche Erkenntnis stammt aus den 90er Jahren und heißt Kelly Family-Gesetz. Kurz gesagt: Wäre ich Billy Joel, hätte ich aber auf jeden Cent meiner Tantiemen gepocht. Und damit hätte ich dann einen Fonds angelegt und Schmerzensgeld gezahlt an alle, die im falschen Moment das Radio oder MTV eingeschaltet hatten und unfreiwillig Westlife hören mussten.

Natürlich gibt es auch die Gegenbeispiele in der Musik: Manche Lieder sind erst als Coverversion zur Legende geworden. Frank Sinatra war längst nicht der Erste, der „My way“ gesungen hat – aber seine Stimme hat dem Lied erst den berühmten Klang verpasst.

Wer schreibt, hat dagegen keine Stimme, die alles neu macht, selbst wenn der Text absolut gleich ist. Wenn Literaturkritiker Helene Hegemanns Buch also als „Roman ihrer Generation“ feiern – dann kann ich auch eine Diplomarbeit verfassen, in der ich fremdes Wissen als mein eigenes verkaufe. Und wenn der Professor mich dann dezent darauf hinweist, dann sag ich ganz souverän: „Das ist die Diplomarbeit meiner Generation.“

Also, ich würde es auch nicht mögen, wenn sich irgendjemand an meinen Ideen bereichert. Wobei man schon ein ziemlich traumatisiertes Bewusstsein bräuchte, um sich davon irgendwas zu versprechen. Nur eins muss man Helene Hegemann lassen: Sie hat niemandem geschadet. Denn abgeschrieben hat sie aus dem Buch eines Bloggers namens Airen. Und hat den vorher eigentlich irgendjemand gekannt?

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten:

2 Antworten zu "Zu: Plagiats-Debatte"

  1. Stefan sagt:

    “Nur eins muss man Helene Hegemann lassen: Sie hat niemandem geschadet.”

    Das ist doch totaler Schwachsinn (genau wie das “Also,” im letztenm Absatz): Wenn ich nun das Bild von einem unbedeutenden Fotograf, sagen wir von dir, verwende, dann kannst du das trotzdem zur Anzeige bringen.

    Der Blog von diesem “Airen” ist in meinen Augen sein Gedankengut und vor Vervielfältigung seiner Inhalte sollte/muss man den Besitzer um Erlaubnis bitten. Geschieht dies nicht, würde ich über einen Anwalt so viel Geld aus dem Dieb holen, wie nur möglich – Diebstahl im Internet ist einfach nur eine unglaubliche Frechheit.

  2. sarie sagt:

    Stefan, Du hast die Kolumne nicht verstanden.

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