Zu: Äbbelwoi

Drei Wochen lang war unser Kolumnist Jan Kröger im Ausland unterwegs. Nun ist er zurück in Deutschland – und musste erstmal feststellen, dass es um eine der ältesten Institutionen unseres Landes gerade ganz schlecht bestellt ist: die Kirche. Fast jeden Tag gibt es neue Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Priester. Und die evangelische Kirche hat wiederum ganz andere Probleme.

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Am Wochenende hab ich meinen Onkel besucht. Der wohnt in der Nähe von Frankfurt, und damit ich auch was von der hessischen Kultur mitkriege, hat er mich mitgenommen in eine Äbbelwoi-Schenke. Für alle, die sich da nicht so auskennen, hier ein kleiner Crashkurs: Äbbelwoi ist Apfelwein und ist sowas wie das hessische Nationalgetränk.

Es wird ausgeschenkt im Bembel – ein Krug, der nen ziemlich dicken Bauch hat, soll heißen: ein Abbild der meisten Gäste in der Schenke. Dort sitzt man dann musikantenstadlmäßig mit wildfremden Leuten am Tisch. Man unterhält sich über unbefangene Themen wie das Wetter oder Essen oder Homosexualität. Und da sagte doch eine Tischnachbarin den schönen Satz: „Schwul oder lesbisch sein, das ist noch lange net so schlimm wie wenn man sich an Kindern vergehe tät“.

So ein Satz in einer Äbbelwoi-Schenke, das bedeutet: Vernichtender kann ein Urteil über die katholische Kirche gar nicht ausfallen. Und die Kirche tut auch nichts, um dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Nehmen wir als Beispiel nur mal die Brüder Ratzinger. Georg Ratzinger war Kapellmeister der Regensburger Domspatzen.

Er redet wie ein klassischer Mitläufer: „Wenn ich gewusst hätte, wie heftig der Direktor die Domspatzen prügelte, dann hätte ich etwas gesagt.“ Dabei müsste er wissen, dass Sätze, die mit „Wenn ich gewusst hätte“ beginnen, schon seit Adolfs Zeiten unglaubwürdig klingen.

Sein Bruder Joseph Ratzinger ist dagegen Kapellmeister in Rom. Er verhält sich wie ein Sportfunktionär, dessen Athleten reihenweise des Dopings überführt werden: Er sagt und tut erstmal gar nichts, so als würde es noch eine B-Probe geben – was auch immer die sein mag.

Nun könnte es ja Katholiken geben, die das Fremdschämen satt haben. Das Problem: Die Protestanten sind mal wieder keine Alternative. Gerade hatten sie eine Person an der Spitze, die ausnahmsweise nicht so auftrat wie eine Eule, die bei minus 20 Grad im Glockenturm erfroren war. Die auch mal mit 1,5 Promille Auto fährt.

Aber was macht Margot Käßmann? Zurücktreten. Und auch noch deswegen. Eine vorschnelle Reaktion. Denn es gab doch andere Möglichkeiten: Margot Käßmann hätte in die Offensive gehen sollen. Jede evangelische Gemeinde, die was auf sich hält, hätte ne kleine Kneipe bekommen, wo man vom Käßmann-Bier bis zum Käßmann-Cocktail so ziemlich alles kriegt, was die Leber begehrt.

Und damit es nicht zu weltlich wird, stünden überall an der Wand Bibelzitate wie zum Beispiel: „Du lässest Gras wachsen und Saat zu Nutz den Menschen, dass der Wein erfreue des Menschen Herz.“ Steht tatsächlich da drin, Psalm 104. Also, Margot, vielleicht überlegst du’s dir nochmal. Den Menschen in der Äbbelwoi-Schenke tät’s auf jeden Fall gefallen.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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