Der einsame Selbstfinder

Unser Kolumnist Jan Kröger reist gerade durch die Weltgeschichte. Deswegen spricht er zur Zeit auch nicht über aktuelle Ereignisse. Stattdessen hat er sich Gedanken gemacht über das Reisen selbst: In diesen Wochen stellt er ihnen drei klassische Reisetypen vor. In den ersten beiden Folgen ging es um den weltoffenen Jungakademiker und den bürgerlichen Gruppenreisenden. Und heute macht den Abschluss: der einsame Selbstfinder.

In Kooperation mit detektor.fm // lieber anhören? Hier gibt es den Beitrag.

Der einsame Selbstfinder begegnet einem immer dann, wenn man gerade denkt: Hier, in diesem gottverlassensten Loch der Erde, bin ich ausnahmsweise mal der einzige Deutsche. Aber nix da – in jedem Landstrich, den unsere Nation nicht schon durch Pauschaltourismus unterjocht hat, trifft man den Selbstfinder. Kein Sandkorn der Sahara, über das nicht ein deutscher Motorradfahrer gebrettert ist, und kein Volk in Afrika, in das nicht irgendeine deutsche Frau eingeheiratet hat.

Das Lustige ist: Der einsame Selbstfinder ist zutiefst peinlich berührt, wenn er auf Landsleute trifft – alles, was ihm bekannt vorkommt, macht ihm Angst. Denn eigentlich ist er gar nicht auf Reisen, sondern auf der Flucht. Vor dem Alltag, vor der Ehe, vorm Waldsterben oder vorm Atomkrieg, vorm Abstieg des Fußballclubs – all das kann der Auslöser sein. Dann tourt er auf verrosteten Pick-ups von Mexiko bis Feuerland, dann strampelt er in den Pyrenäen mit dem Rennrad die Gipfel der Tour de France hoch. Und wenn er schon mal da ist, kann er gleich den Jakobsweg zu Ende pilgern. Oder er übernachtet in mauretanischen Beduinenzelten, und ganz insgeheim hofft er, dass eines Tages Islamisten kommen und ihn entführen, damit er endlich und nur einmal im Leben jene 15 Minuten Aufmerksamkeit bekommt, die ihm bisher immer versagt geblieben ist.

Da ein Mensch jederzeit in Lebenskrisen kommen kann, gibt es den einsamen Selbstfinder auch in jedem Alter. Manche finden tatsächlich zu sich selbst, kehren zurück in ihren Alltag und sind lockerer und zufriedener als vorher. Bei anderen wird das Selbstfinden zur Lebensaufgabe. Ihr Glück liegt darin, dass sie so viel von der Welt sehen wie nur wenige andere und dass sie unterwegs die spannendsten Erlebnisse haben. Ihr Pech liegt darin, dass sie all das mit niemandem richtig teilen können.

Ein paar von ihnen schreiben Bücher. Andere halten Diavorträge in der Volkshochschule. Aber seit es Google Earth gibt, kommen da auch immer weniger. Und zeigen ihm damit, dass sie etwas können, was dem einsamen Selbstfinder vielleicht nie gelingen wird: zu Hause bleiben.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Die Olympischen Winterspiele in in Vancouver sind eröffnet. Zwei Wochen lang geht es um Medaillen in Sportarten wie Biathlon, Eisschnelllauf ...