Zu: Appleleptikern

Die Arbeitslosenzahlen steigen, in London beraten Politiker über Afghanistan – doch kommen wir nun zu den wirklich wichtigen Nachrichten der Woche. Nein, es geht ausnahmsweise nicht um Schnee im Januar, sondern: Apple hat ein neues Spielzeug vorgestellt. Immer wenn das passiert, tritt Apple-Chef Steve Jobs auf eine Bühne. Die einen hängen ihm dann förmlich an den Lippen. Andere können das einfach nicht verstehen. Und unser Kolumnist Jan Kröger kann beide nicht verstehen.

In Kooperation mit detektor.fm

Ich glaub, es hat alles vor ein paar Jahren mit meinem guten Freund Jonathan angefangen: Wir waren beide gerade von zuhause ausgezogen. Für diese neu gewonnene Unabhängigkeit kann es ja verschiedene Symbole geben: das erste eigene Bett von Ikea, das erste eigene Sofa von Ikea oder eben den ersten eigenen Laptop. Doch während mein Modell eine dieser klobigen Landminen war, deren Lüftung eine Freude für jeden Dampflok-Fan gewesen wäre, hatte Jonathan schon eines dieser weißen Frühstückstabletts mit den runden Ecken.

Dank Jonathan lernte ich, dass man ins Internet kommt, wenn man auf Safari geht. Oder dass man mit bescheuerten Bewegungen eine neue Oberfläche auf den Monitor zaubern kann, die so geil aussieht wie sie nutzlos ist. Ich lernte, dass Leute Termine absagen können, weil irgendwo in Kalifornien Steve Jobs eine Keynote zelebriert. Und was er da sagte, erzählte Jonathan mir jedes Mal mit leuchtenden Augen weiter – ich lauschte mit einer Begeisterung, die ich ansonsten nur Mormonen beim Missionieren zukommen lasse.

Ich lernte also eine Welt kennen, in der Menschen viel Geld ausgeben für einen Computer, hauptsächlich weil der besser aussieht – wer braucht auch schon ein CD-Laufwerk?

Trotzdem konnte ich nie ganz in diese Welt eintauchen. Vielleicht liegt’s daran, dass ich Lehrerkind war. Soll heißen: Meine Eltern waren keine Ausnahme zu der unter Lehrern weit verbreiteten Ansicht, dass mit jeder technischen Neuerung das Abendland ein Stück weit untergeht. Wobei sie Kompromisse gemacht haben: Fernsehen ja, aber bloß nicht per Kabel. Computer – na gut, zum Arbeiten, aber bloß keine Gameboys oder Super Nintendos. Das hat mich geprägt. Fairerweise muss ich sagen, dass Lehrer längst nicht die einzigen sind, die so ticken. Denn so ein bisschen Kulturkritik wirkt einfach intelligent. Nur wird es lächerlich, wenn diese Leute ihre Grundsätze über Bord werfen, sobald es Billigcomputer bei Aldi gibt. Nach ‘nem halben Jahr sind die kaputt, die Leute haben plötzlich ihre Grundsätze zurück und sagen: „Hab’s ja gleich gewusst!“

Und da versteh ich sie wieder, die Appleleptiker. Beim Fußball bin ich ja auch Fan vom FC Barcelona. Ich war da noch nie im Stadion und meine blonden Haare verraten, dass zumindest im dominanten Teil meines Erbguts kein Katalane steckt. Ich bin Barcelona-Fan, einfach weil sie den schönsten Fußball spielen.

Und was technische Geräte angeht: Mir ist egal, ob die ein kleines i vorn dran haben oder nicht. Ich will einfach sagen: Das da mag ich und das da brauch ich nicht. Und das heißt auch: Wenn ich gleich nach Hause gehe, werde ich auf dem Weg Musik hören – und natürlich nicht auf einem namenlosen MP3-Player.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche

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