Zu: Roland in die Produktion

Hartz IV und Arbeitslosigkeit – in der Politik ist das ein Dauerthema. Und in dieser Woche wurde die Debatte bestimmt durch den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch: Hartz IV-Empfänger müssten als Gegenleistung für die staatliche Unterstützung unbedingt einer Beschäftigung nachgehen, forderte er. Also kurz gesagt: eine Arbeitspflicht. Bei einer Arbeitslosenzahl von fast vier Millionen ziemlich zynisch, fanden viele. Auch unser Kolumnist. Aber Jan Kröger will bei diesem Thema wenigstens einer Versuchung widerstehen.

Die Kolumne der Woche ist eine Kooperation von Weiter mit detektor.fm

Nein, ich werde nicht groß auf Roland Koch einhauen. Ich glaube, der ist Masochist und steht auf verbales Auspeitschen. Nur soviel: Arbeitspflicht ist natürlich ein grandioser Vorschlag. Besonders wenn man im letzten Wahlkampf Plakate gedruckt hat mit dem Spruch: „Die Kommunisten stoppen!“ Denn: Der letzte deutsche Staat mit Arbeitspflicht war doch die DDR. Und wer hat da nochmal regiert?

Aber gut, ich will übers eigentliche Thema reden. Und da ist das Schlimme, dass ich bei Hartz IV und Arbeitslosigkeit kaum klüger bin als Roland Koch. Ich kann nur sagen, was mir auffällt. Mir fällt zum Beispiel auf, dass ich niemanden in meinem näheren Bekanntenkreis kenne, der Hartz IV kriegt. Dabei kriegt das rein statistisch jeder Zehnte, den ich auf der Straße sehe.

Mir fällt auch auf, dass das viel mit meinem Beruf zu tun hat. Wie bei all diesen Berufen, in denen es richtige Arbeit genauso selten gibt wie richtige Arbeitslosigkeit. Ich weiß ja noch nicht mal genau, was ich bin, aber freier Journalist fasst es einigermaßen zusammen. Vor 30 Jahren gab’s dafür noch eine anständige Berufsbezeichnung, nämlich „gescheiterte Existenz“. Andere Berufe sind ähnlich merkwürdig ausgeufert: Was früher der Pressewart im Sportverein war, ist heute ein Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Und was bitteschön ist ein Marktanalyst? Wenn Marktanalysten wirklich den Markt analysieren, müsste es doch weniger Arbeitslose geben, oder? Umgekehrt sind da die Schweißer, Schlosser und Automechaniker – bei denen kann man sich vorstellen, was ihre Arbeit ist. Eben vorausgesetzt, sie haben welche.

Und was mir dann auffällt: All diese Leute, die ehrlich einen Job suchen, selbst wenn sie dafür nur wenig mehr kriegen als wenn sie zu Hause blieben – sie finden in der Welt der komischen Berufe nicht statt. Denn was passiert, wenn ein Journalist über Arbeitslose berichtet? Bei der FAZ schreibt er einen schöngeistigen Leitartikel aus seinem warmen Büro. Bei ARD und ZDF interviewt er einen Arbeitsmarktexperten – noch so ein Beruf, bei dem ich mich frage: was zur Hölle ist das? Und bei RTL stellt er diejenigen zur Schau, die auch bei Vollbeschäftigung nicht arbeiten würden. Tja, und dann die Politik: Selbst das, was sich mal Arbeiterpartei nannte, ist durchdrungen von Funktionären, die ihr ganzes Leben Parteikarriere gemacht haben und als Alibi einen Beruf angeben. Meistens Rechtsanwalt. Wie Roland Koch.

Und damit zum Schluss doch noch ein Wort zu ihm. Stellen wir uns mal den Arbeitslosen vor, wie Roland Koch ihn sich denkt. Rauchend und im Unterhemd sitzt er vorm Fernseher, abends versäuft er seine Stütze in der Kneipe und verbreitet Stammtischparolen. Selbst dieser Mensch hätte Roland Koch was voraus. Er weiß nämlich, dass Stammtischparolen in eine Kneipe gehören. Und nicht in ein Regierungsamt.

Veröffentlicht unter: Jan Kröger, Kolumne der Woche · Etiketten:

Hinterlasse eine Antwort

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Lesen Sie auch:


Es gibt diese Ereignisse, bei denen wir Menschen völlig machtlos scheinen. So wie beim Erdbeben auf Haiti. Von bis zu ...